Hans-Joachim König: Kleine Geschichte Lateinamerikas. Stuttgart 2006. 814 S.
Die inhaltlich keineswegs "kleine" Darstellung umfasst die Entwicklung Lateinamerikas von der kolonialen Zeit bis 1990, einschließlich umfangreicher Bibliographie und ausführlichem Personenregister. Als roten Faden wählt König den Prozess der Staats- und Nationenbildung. Die entscheidenden Ereignisse auf diesem Weg fanden im 19. Jh. statt, dem fast die Hälfte des Buches gewidmet ist. An der Konzentration auf die Fragen der Staatswerdung ist erkennbar: Es handelt sich in erster Linie um eine politische Geschichte. Die sich ablösenden Perioden von Diktatur und Demokratie werden zumindest für alle größeren Staaten behandelt. Dabei ist Verf. bestrebt, nicht in eine verbreitete, schematische Betrachtungsweise zu verfallen. Autokratische Regime haben nach Königs Einschätzung einerseits durchaus bemerkenswerte Leistungen bei der Stärkung der wirtschaftlichen Eigenständigkeit und der Verbesserung der Lebenslage der Bevölkerung vollbracht, angefangen von den beiden López im Paraguay des 19. bis zu Perón im Argentinien des 20. Jahrhunderts. Andererseits ergaben sich aus der "demokratischen" Herrschaft oligarchischer Gruppen nicht zwangsläufig positive Impulse für die Modernisierung des Landes.
Der Band behandelt erwartungsgemäß die "Bemühungen um kulturelle Identität" (557-70), die Wissenschaftsentwicklung und die Rolle der Kirche (686-708). Weniger selbstverständlich, aber zu begrüßen ist, dass auch soziale und wirtschaftliche Fragen behandelt werden, soweit dies zum Verständnis der politischen Geschichte notwendig ist. Die Ablösung der autoritär regierenden Caudillos durch halbwegs funktionierende parlamentarische Systeme (436-48) zwischen den 1850er und 1870er Jahren sieht König verbunden mit der Durchsetzung einer Modernisierungsstrategie, die vor allem auf einer "Entwicklung von außen" (526) beruht: Rohstoffe zu exportieren und Gewerbeerzeugnisse, unter denen Luxusprodukte für den Verbrauch der "Exportoligarchie" - Großgrundbesitzer, Bergbauunternehmer, Großhändler und "Hafenindustrielle" - einen besonderen Anteil hatten, zu importieren, führte zu verzögerter Industrialisierung, zur verspäteten Entwicklung sozialistischer Bewegungen, vor allem aber zur ökonomischen Abhängigkeit von England, das im 19. Jh. Spanien und Portugal als dominante europäische Macht ablöste.
Verf. warnt vor einer Überbewertung der Rolle der USA im 19. Jh. Wirtschaftlich waren diese noch bis in die 1890er Jahre fast ausschließlich an ihrem eigenen, rasch wachsenden Binnenmarkt interessiert. Erst die Schwächung Großbritanniens im Ersten Weltkrieg habe die USA zur ökonomisch dominierenden Macht in Lateinamerika gemacht, das sie politisch seit der Jahrhundertwende beherrschte.
Die Gegenbewegung zur "Entwicklung von außen", die "Entwicklung nach innen" (597), setzte während der 1930er Jahre ein und war eindeutig wirtschaftlich begründet. In der Weltwirtschaftskrise wurden die lateinamerikanischen Staaten von USA und Westeuropa allein gelassen. Ihr auf Export ausgerichtetes Wirtschaftssystem brach faktisch zusammen. Daraus wurde die Idee geboren, die benötigten Industrieerzeugnisse selbst herzustellen, die Importe zu substituieren. Fast alle größeren Länder Lateinamerikas verfolgten von Anfang der 1930er bis Ende der 1970er Jahre eine auf den durch Zollmauern geschützten Binnenmarkt konzentrierte Industrialisierungspolitik.
König sieht die Importsubstitution durch den schrumpfenden Welthandel erzwungen. Die Theorie für die neue Wirtschaftspolitik - in der die ungleichen Entwicklungschancen von Rohstoff produzierender Peripherie und industriellem Zentrum der Ausgangspunkt sind - wurde von Raúl Prebisch erst anderthalb Jahrzehnte später nachgeliefert. Nicht so einsichtig ist Königs Auffassung, dass die Importsubstitution zu neuer wirtschaftlicher Abhängigkeit führen musste: Die frühere Abhängigkeit von Produkten der Leichtindustrie aus dem Ausland sei letztlich nur einer von Maschinenlieferungen aus Nordamerika und Europa für die neu errichteten Leichtindustrien gewichen. Diese Entwicklung war keineswegs zwangsläufi g: Analysiert man die zeitlich fast parallel stattfi ndende Industrialisierung der südostasiatischen Staaten, so ergibt sich, dass es ihnen unter dem Zollschutz vor der japanischen Konkurrenz gelang, Industriezweige aufzubauen, deren Produkte sich später auch außerhalb des geschützten Binnenmarktes als konkurrenzfähig erwiesen. Anders als in Lateinamerika, wo Aufhebung des Protektionismus und die - vom IWF vorangetriebene - Durchsetzung neoliberaler Politik in den 1980er und 1990er Jahren zur Privatisierung und Deindustrialisierung, Verschärfung der sozialen Polarisierung und schließlich zu wirtschaftlicher Stagnation ("Argentinienkrise") führten, sind die südostasiatischen Staaten heute gleichberechtigte Partner im Welthandel. Das neoliberale Jahrzehnt und der aktuelle "Linksruck" sind nicht mehr Gegenstand des Buches, obwohl eine jedes Hauptkapitel begleitende Chronik bis 2006 fortgeführt wird. Insgesamt handelt es sich um einen informativen Band, der ein enormes Faktenmaterial übersichtlich darbietet.
Jörg Roesler

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 463-464

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