Elisabeth List: Vom Darstellen zum Herstellen. Eine Kulturgeschichte der Naturwissenschaften. Weilerswist 2007. 254 S.

Wissenschaftstheorie in der Funktion einer Metatheorie, die den Rationalitäts- und Geltungsanspruch moderner Naturwissenschaften verteidigt, so stellt Verf. einleitend fest, ist im 21. Jh. überflüssig geworden. Denn die Naturwissenschaften sind in ihrer Autorität für die Gesellschaft mittlerweile unbestritten, vor allem aufgrund ihrer Produktion technisch und industriell verwertbaren Wissens. Sie folgen heute selbst den neoliberalen Profitkalkülen des weltweiten Marktes. Demgegenüber hält List eine kulturtheoretisch orientierte Wissenschaftsanalyse für bedeutend. Deren Aufgabe sieht sie darin, die nicht thematisierten Selbstverständlichkeiten, die wissenschaftliches Arbeiten in verschiedenen Zeiten, Kulturen und Disziplinen prägen, aufzuspüren und zu deuten.

Auf dem Weg vom Darstellen zum Herstellen von Wirklichkeit stellen ihr zufolge die Chemie des 19. Jh. mit der Synthese neuer Substanzen im Labor und die Molekularbiologie des 20. Jh. mit der gentechnischen "Herstellung" von Organismen entscheidende Schritte dar.
List macht sich für ein Verständnis der Wissenschaft als Lebensform stark, in Anlehnung an Wittgensteins Konzept, und wendet es auf die Perioden umfassender Veränderungen an: "In diesen Umbrüchen formt sich ein neues Bild vom Selbst, von der Welt und seinem Leben in dieser Welt, kurz eine neue Lebensform" (44). Die Kultur der Wissenschaft ist List zufolge zutiefst mit anderen sozialen Verhältnissen einer Zeit verwoben. Das heißt, kulturelles Leben bedeutet nicht nur intellektuelles Leben, sondern bezieht Wirtschafts- und Arbeitsverhältnisse mit ein. Im Sinne einer transdisziplinären Analyse von Kultur werden daher philosophische Quellentexte, wissenschaftstheoretische, -historische und -soziologische Untersuchungen herangezogen, um die Epochen und Übergänge vom europäischen Mittelalter bis zur aktuellen, globalen Technowissenschaftskultur anhand dreier systematischer Komponenten der Lebensform, die Ebenen der Institutionalisierung, des Habitus und der Denkformen, zu beschreiben. Unter Denkformen versteht Verf. die Weise, zu einer bestimmten Zeit die Wirklichkeit zu sehen; im Kontext von Lebensformen stellt sie Bestandteile von Orientierungssystemen dar.
Als Institutionen des Wissens im Mittelalter beschreibt die Autorin zunächst christliche Kloster- und Domschulen. Auch an den ersten Universitäten, so legt sie dar, war das Wissen um die politische Instrumentalität der Religion erkenntnisleitend. Entsprechend stand die Theologie im Zentrum der intellektuellen Kultur und die göttliche Erleuchtung galt als Quelle wahren Wissens. Als Lebensform für wenige - das Leben der meisten Leute war von Hunger, Armut und Krankheit geprägt - beschreibt List den Realismus des Mittelalters als einen Realismus der Ideen und der übersinnlichen Wahrheiten; er bezog sich auf das "eigentlich Wirkliche" jenseits der Erfahrung, auf die Wirklichkeit Gottes.
Die Renaissance beschreibt List als Übergangszeit, fügt ihrer Diskussion "klassischer" Interpretationen ihre eigene Analyse der Werke Francis Bacons hinzu und resümiert: "Die neue Haltung gegenüber der Natur als Objekt der ökonomischen Nutzung spiegelt die materiellen Interessen der in der Renaissance im Aufsteigen begriffenen gesellschaftlichen Schichten, die die politischen und wirtschaftlichen Privilegien des Feudalsystems in Frage stellen und die Grundlagen einer neuen urbanen Lebensform und damit neuer Lebens- und Arbeitsbeziehungen der Menschen untereinander, aber insbesondere neuer Produktionsweisen im Umgang mit der Natur schaffen." (73)
Eine erkenntnistheoretische Begründung des neuzeitlichen Rationalismus findet List bei Descartes, der die Prinzipien der Erklärung physischer Körper und physikalischer Phänomene auf mathematisch fassbare Dimensionen reduzierte, sich jedoch zugleich bemühte, diese mathematischen Weltgesetze zweifach, als göttliche Erfindungen und als Evidenzen des Alltagsverstandes, auch metaphysisch zu begründen. Denn kein wissenschaftliches Weltbild könne völlig auf erfahrungstranszendente Voraussetzungen verzichten. In diesem Zusammenhang erläutert sie die Problematik der Trennung von Begründungs- und Entdeckungszusammenhang, die bis heute gilt. Dem setzt sie die Entwicklung experimenteller Naturwissenschaften aus dem Handwerk entgegen. Sie erörtert die Funktion der Naturwissenschaften und der auf ihrer Basis verbesserten Technologien in der Entwicklung des Kapitalismus und stellt dem viel beschworenen Wahrheitsanspruch deren Verflechtung mit ökonomischen Interessen, persönlichen Ambitionen und politischen Vorhaben gegenüber. Ihre These von der Gewalt als latentes Merkmal des wissenschaftlichen Habitus belegt die Autorin mit Beispielen für die Ausrichtung wissenschaftlicher Forschung auf Kriegsziele und (neo-)koloniale Unterwerfung.
Lists Kritik an der den modernen Naturwissenschaften grundlegenden Objektivierung des Selbst- und Weltverhältnisses mündet in den Appell für ein neues Verständnis des Kosmos als Zusammenhang des Lebendigen. Hierfür müssten das Bild vom Selbst, das Bild von Erkenntnis, von der Natur und insbesondere auch die Bilder vom Weiblichen und Männlichen neu gezeichnet werden. Am Ende ihrer Abhandlung scheint List angesichts des deklarierten Verlusts klarer Grenzen zwischen Mensch, Tier und Maschine, Natur und Kultur durch die neuen Biotechnologien jedoch fast nostalgisch zu fragen, ob denn das Bedürfnis - oder etwa auch das Subjekt als Träger des Bedürfnisses - nach ontologischer Sicherheit mit den alten Grenzen ganz verschwunden sei. Das überrascht, da sie in ihrem Buch gerade anschaulich darlegt, inwiefern solche Grenzen und "Sicherheiten" keine transhistorische Qualität haben. Insgesamt werden in diesem Buch kritisch wegweisende, sich durchaus auch widersprechende Deutungen der Kultur der Wissenschaften erörtert, um die Epochen voneinander zu trennen, ihre vielschichtigen Übergänge nachvollziehbar zu machen und zu einer eigenständigen Theorie zusammenzuführen. Lists umfassende Studie zeichnet sich weniger durch lineare Abfolge und eindeutige Kategorien aus, sondern erscheint wie ein Mosaik voller schillernder Facetten, an dem alle Beteiligten die Verantwortung für die Steinchen tragen, die sie beifügen.
Waltraud Ernst

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 545-547

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