Gerhard Kruip u. Michael Fischer (Hg.), Feindliche Übernahmen? Zur Dynamik gesellschaftlicher Grenzüberschreitungen. Hamburg 2007. 128 S.

Ausgangspunkt ist Niklas Luhmanns These, dass moderne Gesellschaften primär funktional differenziert sind, daher nicht von einem gesellschaftlichen Zentrum aus gesteuert und zusammengehalten werden, sondern in gegeneinander abgeschlossene, autonome Funktionssysteme zerfallen: Politik, Recht, Wirtschaft, Kunst usw. Wenn man funktionale Differenzierung zudem nicht nur als evolutionäres Resultat betrachtet, sondern normativ schützen will, erscheinen Prozesse, in denen sich ein System in die Operationen eines anderen sozusagen einmischt, als problematische "Autonomiebedrohungen" (17) oder eben "feindliche Übernahmen".

Hierfür finden sich dann zahlreiche Beispiele: etwa die Politisierung der Medien oder die Kommerzialisierung des Sports. Den unmittelbaren Anlass für die fragliche Befürchtung dürften allerdings die gefühlte Dominanz und der Expansionsdrang des Wirtschaftssystems darstellen, wie schon der auf die Kapitalmärkte Bezug nehmende Titel zeigt (7f).
Insofern Grenzüberschreitungen für die Systemtheorie Abweichungen vom Normalfall sind, stellen sie ein erklärungsbedürftiges Problem dar. Hier setzt Uwe Schimank an. Davon ausgehend, dass operationelle Autonomie keineswegs Autarkie bedeutet, listet er verschiedene Arten intersystemischer Leistungen auf - Output für das eine, Input für das andere System -, die als Vehikel ›feindlicher Übernahmen‹ fungieren können (21). So gelangt er zu einer Typologie der Übernahmen, die sich nicht nur qualitativ, sondern auch im Grad der Autonomiebedrohung unterscheiden. Diese Typologie kann denen nützlich sein, die die Kolonialisierungstendenzen des neoliberalen Kapitalismus mit Begriffen wie Kommerzialisierung analysieren. Für die Systemtheorie folgenschwer ist, dass Schimank die Autonomie der Subsysteme als abgestufte denkt (23f). Dadurch nimmt er Abschied von Luhmanns Annahme, dass ein System entweder ganz ausdifferenziert und autonom sei oder gar nicht.
Dagegen ist Sharsad Amiris Beitrag eher Verteidigung der systemtheoretischen Orthodoxie, da sie keine die Autonomie der Funktionssysteme relativierenden ›feindlichen Übernahmen‹ zu erkennen vermag. Zwar sei der Verdacht verständlich, dass dem Wirtschaftssystem, welchem in jüngerer Zeit die größten "internen Optionssteigerungen" gelungen seien, ein funktionales Primat zukomme. Letztlich aber handle es sich hierbei nur um ein "semantisches Primat", eine erhöhte Sichtbarkeit des Ökonomischen in der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung. Insofern trete es die Nachfolge der Politik an, die in der Periode des klassischen Nationalstaats auf dem "Gebiet kollektiv wirksamer Selbstbeschreibungen " dominant gewesen sei (42f). Außerdem zeuge die in der "prallen" Realität menschlichen Umgangs tatsächlich zu findende Vermischung von Codes und Funktionslogiken keineswegs von einer die Systemgrenzen überschreitenden Kommunikation; vielmehr werde gerade diese bunte Mannigfaltigkeit durch die empirisch nicht sichtbaren Codes erst ermöglicht (48, 52).
Die restlichen vier Beiträge widmen sich Phänomenen, die als solche Vermischungen gesehen werden können, wobei einige mit der Fragestellung des Buches nur wenig zu tun haben. Dawud Gholamasad etwa fragt nach der Kompatibilität von Islam und Demokratie bzw. den soziologischen Ursachen theokratischer Herrschaft, vor allem im Iran. Die dortige Re-Islamisierung der Gesellschaft entspreche im Grunde nicht deren differenzierter Struktur und sei als "Nachhinkeffekt" der durch einen traditionellen Islam geprägten Persönlichkeitsstruktur zu erklären (66). Allerdings gebe es seit einiger Zeit auch Modernisierungsbewegungen, deren ethisierende Lesart des Islam diesen effektiv aus Staat und Öffentlichkeit zu entfernen suche und daher mit der Entstehung eines funktional differenzierten politischen Systems vereinbar wäre (71). Es geht also in diesem Beitrag nicht um drohende Entdifferenzierung, sondern umgekehrt um die Bedingungen erfolgreicher Ausdifferenzierung in einer teilweise traditional geprägten Gesellschaft.
Am interessantesten und auch am direktesten zum Thema des Buches spricht Ulrich Metschls Beitrag "Wissenschaft als Ware?", der die oft vertretene These einer Ökonomisierung universitärer Lehre und Forschung diskutiert. Dabei spricht er sich gegen überzogene und vereinfachende Versionen dieser These aus; statt unilateraler Übergriffe der Wirtschaft auf Wissenschaft und andere Funktionssysteme sei in jüngerer Zeit vielmehr eine allseitige Aufweichung klarer Systemgrenzen und daher wechselseitige, auch in die Gegenrichtung gehende Durchdringung zu beobachten (116f). Allerdings räumt er ein, es gebe eine subtile Ökonomisierung aufgrund der verstärkten Patentierung wissenschaftlicher Verfahren durch Universitäten und Forschungseinrichtungen. "Es besteht [...] die Gefahr, dass durch die Privatisierung und Proprietarisierung des Wissens die allgemeine und freie Verfügbarkeit, mithin der öffentliche Charakter wissenschaftlicher Erkenntnis als ein konstitutives Merkmal neuzeitlicher Wissenschaft verdrängt werden." (124) Wir hätten es hier weniger mit einer ›feindlichen Übernahme‹ als einer teilweise freiwilligen Übernahme ökonomischer Formen zu tun.
Da sich die Herrschaft des Kapitals nicht nur in direkter Inwertsetzung ausdrückt, sondern zunehmend auch in einer Art ökonomischem Imperialismus, der nichtökonomische Rationalitäten, etwa im Bereich öffentlicher Dienstleistungen, verdrängt, kann die eingehendere Beschäftigung mit einigen Einsichten der Systemtheorie und dem Themenbereich gesellschaftlicher Differenzierung im Allgemeinen auch vom marxistischen Standpunkt durchaus nützlich sein.
Julian Müller

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 550-552

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