Antonio Gramsci: Amerika und Europa. Hgg. im Auftrag des Instituts für kritische Theorie von Thomas Barfuss, Gramsci-Reader. Hamburg 2007. 194 S.

Der allgemeine Titel der Auswahl aus den Gefängnisheften Gramscis verweist einerseits auf das breite Spektrum, in dem sich Gramscis Analysen des Aufstiegs des Fordismus in Amerika bewegen, andererseits auf das spezifische Interesse, das er den USA zukommen ließ, um die Art und Weise, wie sich "Amerikanismus und Fordismus" in Europa durchsetzen würden, zu untersuchen. Hg. möchte Gramscis "intensive Beschäftigung mit den USA, dem Fordismus und dem Amerikabild seiner Epoche einem allgemein interessierten Publikum und den Fachwissenschaftlern verschiedener Disziplinen rasch und konzentriert zugänglich machen" (7).

Die Auswahl ersetzt nicht die Lektüre der Gefängnishefte. Sie möchte zeigen, wie sich "vor dem Hintergrund des Scheiterns der revolutionären Hoffnungen und des italienischen Faschismus" gerade in Gramscis Auseinandersetzung mit der "Konstellation USA/Europa" Begriffe seiner Theorie schärfen und weiter entwickeln (z.B. passive Revolution, Hegemonie, Intellektuelle) (8).
In den Vorüberlegungen finden sich, ausgehend von Gramscis Notizen zur Interpretation der Wirtschaftskrise von 1929 als "komplexer Prozess" politökonomischer Veränderung, der nicht "von den politischen, ideologischen usw. Krisen zu trennen" ist (29), Über legungen zu den Möglichkeiten einer "kulturellen Hegemonie einer Nation über die anderen" (34), zur Außenwirtschaftspolitik der USA (34f) und zur Konstitution der "großen Weltmächte", die Gramsci in der Frage bündelt, "wie sich die geschriebene Verfassung den sich verändernden politischen Konjunkturen, insbesondere den für die herrschenden Klassen ungünstigen, anpasst" (35). Ergänzt werden diese Überlegungen durch die berühmten Notizen zur Analyse von (nationalen und internationalen) "Kräfteverhältnissen" (38ff) oder zur Funktion der Bürokratie (44ff) und verdeutlichen so das Spektrum, in dem Gramsci seine Studien verortet. Im vollständig dokumentierten Heft 22 zu Amerikanismus und Fordismus analysiert Gramsci die Insignien einer "geschichtlichen Epoche": Elemente der Schaffung eines "neuen Arbeiter- und Menschentypus" (71), die "sexuelle Frage" (56ff), die "hohen Löhne" (76ff) oder die "Korporation" der Klasse als Frage ihrer Hegemoniefähigkeit (61ff). Materialien und Reflexionen vereinen Gramscis Notizen zu kulturellen Veränderungsdynamiken in den USA als Ausdruck der Tatsache, "dass die ökonomisch-korporative Phase der amerikanischen Geschichte in der Krise ist und dabei ist, in eine neue Phase einzutreten" (88). Im Themenblock Amerikanismus und Fordismus in Europa werden eher heterogene Spuren verfolgt: zum einen Gramscis Überlegungen zur Folklore und zur europäisch-bürgerlichen Intellektuellenkritik am Amerikanismus, die nicht begriffen hat "dass es in Amerika eine realistische literarische Strömung gibt, die als Kritik der Lebensgewohnheiten ansetzt" und dadurch die "kulturelle Tatsache" anzeigt, "dass die Selbstkritik sich ausweitet, dass also eine neue amerikanische Zivilisation entsteht" (117); zum anderen ökonomiekritische Auseinandersetzungen Gramscis mit den italienischen Korporatisten um die Frage der Überwindung des alten Gewerkschaftssystems (130ff). Unter Interventionen und Verknüpfungen schließlich finden sich widerspenstige Zeitdiagnosen Gramscis, etwa seine Verortungen des Amerikanismus und Fordismus im tendenziellen Fall der Profitrate (143ff) oder seine Analysen des emanzipatorischen Potenzials der fordistischen Umwälzungen, weil der "Gesamtarbeiter begreift, dass er ein solcher ist, und nicht nur in jeder einzelnen Fabrik, sondern in weiteren Bereichen der nationalen und internationalen Arbeitsteilung, und dieses erworbene Bewusstsein äußert sich politisch genau in den Organismen, welche die Fabrik als Produzentin realer Gegenstände und nicht von Profi t begreift" (135).
Hg. spürt in seiner Auswahl der Texte Gramscis dem "Amerika in den europäischen Köpfen" (17) nach. Im Vorwort weist er die Originalität der Analyse Gramscis etwa gegenüber Kritischer Theorie, kulturwissenschaftlichen oder regulationstheoretischen Studien nach. Seine Auswahl dokumentiert eindrücklich, dass Fordismus "mehr als den Übergang zur Massenproduktion von Gütern durch die Anwendung des Fließbands" bezeichnet, nämlich als "umkämpfter Versuch" interpretiert werden muss, "diese neue Arbeitsweise mithilfe zivilgesellschaftlicher und staatlicher Interventionen zu einer neuen Lebensweise und Alltagskultur zu verstetigen" (21).
Die Auswahl vernachlässigt aber auch wichtige Problemdimensionen des "nachholenden Fordismus in Europa" (9): Der von Gramsci konstatierte "fordistische Fanfarenstoß" (55) und die im Korporatismus Gestalt annehmende "europäische Reaktion auf den Amerikanismus" (50) werden von Gramsci auch als Prozessresultate der Niederlage der norditalienischen Fabrikrätebewegung analysiert. Ein Rückgriff auf Gramscis Schriften vor den Gefängnisheften hätte hier Erhellendes befördern können - etwa seine Interpretation der italienischen Gewerkschaften als korporatistische Kräfte und als "Element der Legalität" (Ordine Nuovo, 12.6.1920). Zudem gewinnt in Gramscis ökonomiekritischen Analysen des Korporatismus das Konzept der passiven Revolution für das 20. Jahrhundert Konturen: Gramsci notierte, dass die passive Revolution nun "die ökonomische Struktur ›reformistisch‹ aus einer individualistischen in eine plangemäße Ökonomie (gelenkte Wirtschaft) transformiert" und dass Korporatismus und Faschismus "diese mittlere ökonomische Form ›passiven‹ Charakters sein oder werden" können (H. 8, § 236, 1080). Solches Textmaterial, das die gramscianische Arbeit am Begriff genauso dokumentiert wie seine Verankerung in den Klassenkämpfen der Zeit, hätte stärker berücksichtigt werden können. Dennoch: die Auswahl gibt einen guten Einblick in die komplexe Struktur und die vielfältigen Dimensionen gramscianischer Gesellschaftsanalyse und macht insofern Lust auf ein weiteres "Stöbern" in den Gefängnisheften.
Bernd Röttger

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 579-580

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