Silke Kremer: Verkehrsreduzierung durch Speditionskooperationen und Vernetzungsstrategien. Raumbezug und Folgewirkungen. Aachen 2000 (Aachener Geographische Arbeiten 34). 242 S.

Angesichts eines ständig steigenden Verkehrsaufkommens verstärkt sich der Druck auf Politik und Wissenschaft, Ansätze zu entwickeln, die diesem Wachstum entgegensteuern und dadurch für Mensch und Umwelt eine Entlastung herbeiführen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Entwicklung im Güterverkehr und der zunehmenden Verlagerung des Gütertransportes auf die Straße.

Wurden in Deutschland in den 50er Jahren erst rund 50% der Gütertransporte mit dem Lkw durchgeführt, so liegt dieser Anteil heute bereits bei 70%, ohne dass eine Umkehr der Entwicklung absehbar wäre (Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln 11, 15.3.2001). Vor diesem Problemhintergrund ist am Geographischen Institut der RWTH Aachen eine Dissertation entstanden, die sich mit der Frage auseinandersetzt, ob Kooperationen und Vernetzungsstrategien als organisatorische Optimierungen im Transport- und Logistikgewerbe eine Reduzierung des Verkehrs bewirken können. Dabei konzentriert sich die Autorin Silke Kremer auf die Untersuchung von Speditionskooperationen, d.h. von Kooperationen, deren geschäftliches Beziehungsgefüge vertraglich geregelt und mit einer gemeinsamen Kapitalbereitstellung verbunden ist. Der hauptsächliche Aktionsraum der untersuchten Kooperationen ist Deutschland. Als maßgebliche Faktoren, von denen ein Einfluss auf die Reduzierung des Verkehrs erwartet werden darf, vermutet Kremer die Organisation des Güteraustauschs sowie die Standortwahl der Güterverkehrskooperationen, und hier insbe-sondere den Standort der Hauptumschlagsbasis der Güter. Anhand der Befragung von 19 der insgesamt 33 Speditionskooperationen in Deutschland wird deutlich - was so auch erwartet worden war -, dass sowohl die Standort- als auch die Kooperationsentscheidungen in den Unternehmen ausschließlich unter betriebswirtschaftlichen und marktstrategischen Gesichtspunkten getroffen werden. Demnach werden diese Entscheidungen von zwei Leitfragen beherrscht: (1) Welcher Standort erlaubt den schnellstmöglichen Güteraustausch zwischen den kooperierenden Speditionen? und (2) Welche Standorte sollten von den Partnern in Speditionskooperationen abgedeckt werden? Die Antwort für den optimalen Standort des Güteraustausches ist eng verknüpft mit der Frage nach der Organisation dieses Austausches. Im Rahmen eines Hub-and-Spoke-Systems, mit dem über zwei Drittel der befragten Kooperationen ganz oder teilweise arbeiten, erweist sich der nordhessische Raum aufgrund seiner zentralen Lage innerhalb Deutschlands als bevorzugter Standort für die Hauptumschlagsbasis im Lkw-Güterverkehr, und zwar weitgehend unabhängig von der Art der transportierten Güter. Gleichzeitig sind hier in einem überwiegend ländlich strukturierten Raum in größerem Umfang Flächen als Mikrostandorte verfügbar, auf denen die Speditionen ohne Einschränkung ihren Güterumschlag durchführen können, der überwiegend in den Nachtstunden erfolgt und durch die An- und Abfahrt der Lkw auch eine größere Lärmbelästigung mit sich bringt. Mit der Auswahl dieser Standorte verbindet sich auch eine Erschwernis für die Kombination des Lkw-Verkehrs mit dem Bahntransport, da direkte Bahnanschlüsse vielfach fehlen. Allerdings muss wohl ohnehin davon ausgegangen werden, dass angesichts der schwierigen zeitlichen Abstimmung zwischen Lkw und Bahn und der fehlenden Flexibilität der Bahn bei der Fahrplangestaltung eine stärkere Verzahnung zwischen Schienen- und Straßentransport zumindest bei den untersuchten Speditionskooperationen in absehbarer Zeit nicht zustande kommen wird. Hinsichtlich der Auswahl der Partner orientieren sich die Kooperationen vor allem an dem Ziel, eine möglichst weitgehende Abdeckung des Marktgebietes 'Deutschland' herzustellen. Folglich befindet sich der Standort der Partnerunternehmen überwiegend in dichter besiedelten Räumen, d.h. in Räumen mit einer entsprechenden Nachfrage nach Transportdienstleistungen. Welche Konsequenzen ergeben sich nun aus diesen unternehmerischen Entscheidungen für eine mögliche Verkehrsreduzierung? Tatsächlich kann die Arbeit darauf - und dies ist für die Leserin bzw. den Leser angesichts des Titels der Arbeit durchaus frustrierend - keine Antwort geben. Als Grund nennt Kremer vor allem die fehlenden Daten, was insbesondere im Hinblick auf Daten zur Fahrleistung der eingesetzten Fahrzeuge gilt. Immerhin unternimmt die Autorin den Versuch, alternative methodische Wege zu finden, um die verkehrlichen Wirkungen der Speditionskooperationen zu ermitteln. Allerdings erlaubt auch die Betrachtung der zeitlichen Veränderung in der LKW-bedingten Belastung der Autobahnstrecken im Umfeld der Hubs keine eindeutigen Aussagen. Feststellen lässt sich lediglich, dass im Zeitraum 1990-1995 zwar die Belastung der Autobahn in Nordhessen durch den Güterverkehr insgesamt zugenommen hat, für das unmittelbare Umfeld der Hubs ergeben sich aber keine überdurchschnittlichen Werte. Ohnehin leidet die Arbeit an einer mangelnden Übereinstimmung zwischen Titel und Inhalt. Dies zeigt sich bereits in der Anlage des Untersuchungskonzeptes. Denn die eigentliche Frage nach der potentiellen Verkehrsreduzierung tritt angesichts von Fragen nach Standortwahl, Standortbewertung und Kooperationsaufbau sehr in den Hintergrund. Enttäuschend ist deswegen auch die Tatsache, dass die Fragestellung aufgrund des Datenmangels keine Auflösung, auch keine Teilauflösung findet, da üblicherweise davon auszugehen ist, dass die Datenlage schon in einer frühen Bearbeitungsphase überprüft wird. - Unerfreulich ist für den Leser im übrigen auch die nachlässige Redaktion der Arbeit, in der man immer wieder über Fehler in Grammatik, Orthographie und Interpunktion stolpert. Lesenswert ist die Arbeit nichtsdestotrotz für diejenigen, die an einem Überblick über Organisationsmöglichkeiten im Transportgewerbe und über den Wandel der Rahmenbedingungen für diesen Wirtschaftszweig interessiert sind. Wer jedoch speziell auf das Thema 'Verkehrsreduzierung im Güterverkehr' neugierig ist, wird - abgesehen von den aufschlussreichen methodischen Hinweisen - etwas zu kurz kommen.

Autorin: Barbara Lenz

Quelle: Die Erde, 131. Jahrgang, 2000, Heft 2

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