Hanno Pahl: Das Geld in der modernen Wirtschaft. Marx und Luhmann im Vergleich. Frankfurt/M 2008. 358 S.

Das vorliegende Buch strebt keinen umfassenden Theorievergleich zwischen Marx und Luhmann an. Vielmehr nimmt es die Kritik der politischen Ökonomie (KrpÖ) einer- und die Systemtheorie andererseits als Ansätze einer zu schaffenden "Gesellschaftstheorie der Wirtschaft". Eine solche habe die Herausbildung der für die moderne Gesellschaft spezifischen "genuin wirtschaftlichen Weltbezüge" (18), also die historische Konstitution einer eigenlogischen wirtschaftlichen Sphäre zum Gegenstand und unterscheide sich dadurch vom wirtschaftssoziologischen Mainstream, der auf eine spezifische Handlungsrationalität und damit ein überhistorisches Substrat von Wirtschaft abstelle und sich hierin im Wesentlichen einig sei mit der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft.

Als Kernelement der historischen Ausdifferenzierung von Wirtschaft betrachtet Pahl das Geld, wobei "die Entwicklungsdynamik der modernen Ökonomie [...] sich [...] nur qua Analyse des Zusammenhangs ihrer rekursiv aufeinander verweisenden monetären Formen (etwa Preis, Geldfunktionen, Kapital, Profi t, Zins etc.)" (10) begreifen lasse. Die Abfolge dieser Formen lasse sich verstehen als sich steigernde Emergenz und zunehmende Selbstbezüglichkeit des Monetären. Hier seien sich KrpÖ und Systemtheorie im Prinzip einig und könnten sich daher ergänzen. Pahls Methode besteht also darin, mit der einen Theorie ein Licht auf die jeweils andere zu werfen, um so ihre Stärken im Hinblick auf eine Gesellschaftstheorie der Wirtschaft kombinieren zu können. Dabei folgt seine Lesart der KrpÖ der Linie Reichelt- Backhaus-Heinrich, d.h. der monetären Werttheorie, insofern er kapitalistische Wirtschaft und den Wert im Besonderen primär vom Geld, nicht von der Arbeit oder dem Verhältnis von Arbeit und Kapital her denkt.
Aber es geht Verf. nicht nur um diese abstrakteste Ebene der Theorie der Wirtschaft. Konkret steht auch die Frage im Zentrum, wie das Verhältnis der sich in den letzten Dekaden stark verselbständigenden Finanzmärkte zur sog. ›Realwirtschaft‹ zu denken sei. Überzogenen Varianten einer Entkopplungsthese - etwa der postmodernen These referenzloser ›Hyperrealität‹ des Finanziellen - erteilt Pahl eine Absage, da Verselbständigung und Selbstbezüglichkeit monetärer Transaktionen konstitutiver Bestandteil kapitalistischer Wirtschaft und keineswegs Kennzeichen der jüngeren Entwicklung seien. Das heißt nicht, dass Entkopplungstendenzen ganz geleugnet werden müssten. Hier macht Pahl produktiven Gebrauch von Luhmanns Begriff gesellschaftlicher Autopoiesis, der einen Umweltbezug systeminterner Operationen gerade nicht aus-, sondern einschließt, insofern Autopoiesis neben Selbst- stets auch Fremdreferenz prozessiert. In der in sich differenzierten Wirtschaft sei das "industrielle Kapital [...] Marx zufolge die grundlegende Form, die System und Umwelt miteinander verknüpft" (203), während zinstragendes (und damit auch fiktives Kapital) unmittelbar nur die "reine Selbstreferenz des Monetären" (247) bewerkstellige. Diese Bestimmung des Verhältnisses von ›Realwirtschaft‹ und Finanz ist ein Beispiel für das, worin möglicherweise das Verdienst des Buches besteht: bestimmte Aspekte und Schlussfolgerungen aus der marxschen Analyse der kapitalistischen Wirtschaftsordnung mithilfe systemtheoretischer Begriffe in ein schärferes Profi l zu bringen. Dass etwa fiktives Kapital eine vom industriellen Akkumulationsprozess unterschiedene, relativ unabhängige Bewegungsform hat, ohne aber von diesem ganz emanzipiert zu sein, ist nicht neu. Aber Unterschied wie Zusammenhang können durch Untersuchung ihrer je spezifischen Weise der Kombination von Selbst- und Umweltbezug klarer bestimmt werden.
Anlage und Fragestellung der vorliegenden Arbeit bringen es mit sich, dass vieles ausgeblendet wird, womit sich Marxisten ansonsten beschäftigen, z.B. die außer- oder zumindest nicht direkt ökonomischen Bedingungen auf Dauer gestellter Akkumulation, mit denen sich etwa die Regulationstheorie befasst. Dies hat einmal mit dem hohen Abstraktheitsgrad des Buches zu tun und ist prinzipiell unproblematisch, insofern entsprechende Begriffe auf konkreteren Analyseebenen ›nachgereicht‹ werden können. Es hat aber auch mit dem an Systemtheorie geschulten Zugriff auf Wirtschaft und der System/Umwelt-Unterscheidung zu tun, durch welche vieles zunächst in die Umwelt von Wirtschaft verbannt und damit aus dem Kerngegenstandsbereich der sich mit ihr befassenden Theorie ausgegliedert wird - ein Problem, das in systemtheoretischen Arbeiten selbst deutlich wird. Damit ist nicht gesagt, dass ein solcher Zugriff illegitim oder das derart Ausgeschlossene gar nicht mehr in den Blick zu bekommen wäre. Aber - und hier unterscheiden sich Marxismus und Systemtheorie grundlegend - zentrale marxistische Begriffe liegen quer zu den Grenzen der Funktionssysteme (der Klassenbegriff) oder fallen nicht mit ihnen zusammen (kapitalistische Produktionsverhältnisse sind nicht identisch mit kapitalistischer Wirtschaft). Künftige Forschung muss sich daher auch damit befassen, wie man die Vorteile einer durch Auseinandersetzung mit Systemtheorie geschärften Perspektive genießen kann, ohne dabei den Kernbestand des Marxismus aus dem Blickfeld zu verlieren. Ein anderes Desiderat wäre, den Theorievergleich auf Karl Polanyi auszudehnen. Obwohl dessen Analyse der Herauslösung einer selbstregulierenden Marktwirtschaft und der historischen Entstehung spezifisch wirtschaftlicher Handlungsorientierungen weit weniger ausgearbeitet ist als bei Marx und Luhmann, weist sie doch genug Ähnlichkeiten mit diesen auf, um einen fruchtbaren Vergleich in der vom Verf. vorgemachten Weise möglich zu machen.
Julian Müller

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 593-594

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