Martin Nonhoff: Politischer Diskurs und Hegemonie. Das Projekt ›Soziale Marktwirtschaft‹. Bielefeld 2006. 422 S.

Autoren wie Derrida und Foucault haben viel daran gesetzt, die begrifflichen Grundlagen des Wissenschaftsbetriebs zu untergraben. Aus den Begriffen, die sie dabei ihrerseits verwenden, haben Rezipienten wie Laclau und Mouffe hochabstrakte Gesamttheorien des Sozialen oder des Politischen gemacht. Zurzeit werden diese Theorien in der akademischen Wissenschaft ausgearbeitet und operationalisiert. Ein philosophisches Resultat ist die in Argument 275/2008 besprochene Überblicksarbeit von Oliver Marchart. Ein Jahr davor ist Nonhoffs vorliegender Versuch erschienen, Laclau und Mouffe in der deutschen Politologie zu etablieren.

Er besteht aus einem theoretischen und einem empirischen Teil - in ungewohnter, aber möglicherweise bald üblicher Gewichtung: Knapp 220 Seiten lang soll "in theoretischer Weise erhellt werden, wie diskursive Muster, die im Zuge hegemonialer Praxis artikuliert werden, typischer Weise aussehen"; die folgenden 140 Seiten enthalten eine Fallstudie zur Entstehung des Projekts ›Soziale Marktwirtschaft‹, mit der Verf. "die theoretische Rekonstruktion hegemonialer Strategien [...] überprüfen und gegebenenfalls ergänzen oder vertiefen" will (16). Die Geschichte dient also zur Erläuterung der Theorie.
Die Hauptzüge dieser Theorie übernimmt Verf. von seinen Vorbildautoren: ›Diskurs‹ soll nicht allein eine Ordnung von Aussagen heißen, sondern jede "Praxis des In-Beziehung- Setzens" (36) von Worten oder Dingen, "im Rahmen derer sich gesellschaftlicher Sinn generiert" (32). Dabei wird betont, dass "Bedeutung [...] sich niemals endgültig fi xieren" lässt (78). Stattdessen ist sie Gegenstand vielfältiger Kämpfe, die in der Politik ›Hegemonie‹ zum Ziel haben: "das Vorherrschen bestimmter Artikulationsmuster, [...] also bestimmter Konstellationen sozialen Sinns" im Spannungsfeld von "Orientierung am Allgemeinen und Konfliktivität" (137). Verf. leitet alle diese Begriffe sorgfältig und oft genauer als Mouffe und Laclau her. Die Flüssigkeit von Bedeutungen wird mit Theorien von Saussure bis Eco dadurch begründet, dass Zeichen mit ihren Gegenständen nur arbiträr verbunden sowie untereinander unüberschaubar vernetzt sind und schließlich in immer neuen Situationen verwendet werden. Für die Politik werden Arendt und Schmitt herangezogen. Von ihren Konzeptionen bleiben allerdings nur die abstrakten Schemata Allgemeinheit und Konflikt bzw. ein "bürgerschaftlicher" und ein "realistischer" Begriff des Politischen, die sich dann leicht kombinieren lassen (103). Und im Fall der ›Hegemonie‹ wird ein wichtiges Stück Herleitung gleich wieder aufgegeben: Den bei Gramsci herausgestellten Gedanken, dass die "wichtigsten Akteure im hegemonialen Kampf" die "Klassen" seien, "die sich infolge der ökonomischen Produktionsverhältnisse konstituieren und sich bipolar gegenüberstehen" (143), kann Verf. nicht mit seiner Theorie politisch-sozialer Sinngebung vereinbaren. Er wendet ein, man könne keine objektiven Klassengegensätze feststellen, weil der Klassenfeind je nur von einer Seite aus antagonistisch konstruiert wird (223), und schließt daher nur an die Ideologieanalysen Gramscis an, die seinem Anliegen näher stehen: "So bestätigt sich mit Gramsci unsere Überlegung, Hegemonie als diskursives Phänomen zu begreifen. Das Ringen um Hegemonie, das Ringen um den gemeinsamen Willen vollzieht sich [...] als Prozess der (Neu-)Anordnung von ideologisch-diskursiven Elementen." (147)
Der Bezug auf soziale Interessen, ob sie nun in Klassenkämpfen oder in anderen Konfliktkonstellationen ›artikuliert‹ sind, wird damit nicht mehr hergestellt. An die leergeräumte Stelle setzt Verf. eine weitere, ausgiebig geschilderte Lücke: die Unmöglichkeit, ein geschlossenes Verständnis des sozialen Ganzen zu gewinnen. Da das Kollektiv diesen "Mangel an Allgemeinem" ebenso dringend "beheben will" (217), wie das Einzelsubjekt laut Lacan ein vollkommenes Selbstbild anstrebt, kann er statt bestimmter Bedürfnisse, Wünsche u.ä. immerhin einen generellen Ganzheitswunsch feststellen, der "eine symbolische Anfüllung einfordert" (121). Erst über diesen Umweg werden konkrete Streitfragen denkbar: "Das kollektive Begehren, den Mangel zu beheben, wird im Raum des Symbolischen bzw. im Diskurs in verschiedene partikulare Forderungen übersetzt, die dann wiederum die Grundlage des politischen Konflikts bilden." (ebd.) Auch im Teil zur ›Sozialen Marktwirtschaft‹ setzt Verf. das Begehren nach imaginärer Ganzheit voraus. Das verleiht seinen detaillierten Textanalysen und prägnanten Kontextbestimmungen teilweise seltsame Pointen. Nicht lange nachdem er geschildert hat, wie "Müller-Armack, Erhard und die CDU" den materiellen Mangel der Nachkriegszeit zu beheben vorschlagen und welche Notlagen sie ausblenden, fasst er zusammen: "In allen Diskursbeiträgen ließ sich als Movens des hegemonialen Projekts ein doppelter Mangel ausmachen: zum einen ein Mangel am spezifischen - ökonomischen - Allgemeinen, zum anderen aber ein Mangel im Symbolischen selbst, insofern als keine Artikulation hinreicht, um das Allgemeine befriedigend zu repräsentieren, weshalb sich in Relation zu eben diesem Allgemeinen Forderung an Forderung reiht." (344) Dabei ist nicht einmal klar, ob der erste Mangel einer an Gütern ist; wenn komplementär "die abwesende Fülle des deutschen Wirtschafts- und Sozialsystems " diskutiert wird (134), lässt sich das wohl nur symbolisch verstehen. Schließlich bleibt auch der symbolische ›Mangel an Allgemeinem‹ in der frühen BRD unerwähnt, den man tatsächlich auf Wirtschaftspolitik beziehen könnte (was etwa Foucault versucht hat): ihre prekäre staatliche Souveränität.
Was läuft hier verkehrt? Das Grundproblem ist wohl, dass theoretisch viel mehr beansprucht wird, als analytisch in den Blick kommt: Bei aller Kritik der Unterscheidung diskursiver von nichtdiskursiven Praktiken zieht Verf. doch nur wissenschaftliche und politische Texte (bzw. dokumentierte Reden Erhards) in Betracht, in denen das so genannte hegemoniale Projekt als Leitbegriff vorkommt (oder vorbereitet wird). Die rhetorischen Strukturen, die er dabei herausarbeitet, trennt er dann aber nicht klar vom "Erfolg einer Politik, die unter dem Etikett ›Soziale Marktwirtschaft‹ betrieben wurde" (351) - als hätte er auch schon die involvierten Handlungen, Machtkämpfe, Kompromisse, ökonomischen Probleme und Entwicklungen erfasst. Zwar bemüht sich Verf., seinen Anspruch klein zu halten: Er betont mehrfach, es gehe nur um das ›Wie‹, nicht um das ›Warum‹ hegemonialer Strategien und Prozesse (z.B. 386). Doch selbst diese Bescheidenheit durchkreuzt der Erklärungsanspruch der genutzten Theorien, denn Begriffe wie Begehren, Movens, Mangel und Antagonismus benennen kausale Zusammenhänge. Man sollte sich in Zukunft entscheiden: sozialtheoretischer Zugriff oder Close Reading. Sonst übersetzt man nur politische Rhetorik in akademische Selbstbeschäftigung.
Tilman Reitz

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 594-596

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