James Gustave Speth: The Bridge at the Edge of the World. Capitalism, the Environment, and Crossing From Crisis to Sustainability. New Haven 2008. 295 S.

Zu Beginn wird die Aufmerksamkeit auf sechzehn Grafiken gelenkt, die in Kleinformat auf einer Doppelseite mit dem Titel "The Great Collision" abgebildet sind (xx). Alle Grafiken zeigen Werte, die exponentiell wachsen, z.B. Bevölkerungszahlen, Papier- und Wasserverbrauch, BIP, Luftverschmutzung, Verlust von Ökosystemen und Biodiversität. Speth, einer der führenden US-Umweltexperten, Professor an der Yale-University, war Berater von US-Präsident Carter und Mitautor der bekannten Studie Global 2000, gründete u.a. eine große Umwelt-NGO, war Mitglied im Nachhaltigkeitsrat von Clinton und auch als Berater von Barak Obama tätig. Er legt hier eine kritische Würdigung von vier Jahrzehnten Umweltbewegung in den USA vor, eine schonungslose Selbstevaluation des eigenen Schaffens.

Sein Ausgangspunkt: "We have been winning battles, including some critical ones, but losing the war." (xii, 78) Trotz aller Gesetze und Regulation, trotz aller Programme und Modellvorhaben gehen die Negativtrends weiter, der dringend notwendige Trendbruch ist nicht erfolgt. Daher folgen eine kritische Prüfung der bisherigen Umweltpolitiken und der Schluss, dass eine grundlegende Transformation der Gesellschaft notwendig sei. Dabei greift Verf. auf linke Autoren wie Samuel Bowles oder Karl Polanyi zurück und zitiert auch einige erstaunliche Passagen von Klassikern wie Keynes, Daniel Bell und Milton Friedman, um seine Position zu belegen.
Speth betrachtet keineswegs nur ökologische Fragen im engeren Sinne, sondern verfolgt einen umfassenden systemischen Ansatz und bezieht sozialwissenschaftliche Diskussionen (z.B. Benjamin Barber, Gar Alperowitz) ein. Die Grenzen des bisherigen Umweltengagements und der Umweltbewegung macht er vor allem an Folgendem fest: unzutreffende Annahmen, keine Problemlösungen innerhalb des bestehenden Systems, Pragmatismus und Inkrementalismus, Effekt- statt Ursachenbekämpfung, kostenorientierte Lösungen, ausschließliche Konzentration auf den Umweltbereich, Expertokratie und zu wenig politische Aktivitäten (69f). Neben eigenen Fehlern und Defiziten stehen Umweltaktivisten weiteren Hemmnissen gegenüber, u.a. einer kriegführenden Regierung oder einer modernen und gerüsteten Rechten: "Working only within the system will, in the end, not succeed when what is needed is transformative change in the system itself." (86)
Anschließend widmet Verf. sich zahlreichen wirtschaftspolitischen Reformen, die vorangetrieben werden müssten, um eine Transformation des Marktsystems, der Unternehmen und der Konsummuster und ihre Umfunktionierung für Umweltbelange zu bewirken: "to identify contours of a new nonsocialist operating system that can transform capitalism as we know it" (190). Obgleich recht eklektizistisch, gibt Verf. Hinweise für strukturelle oder gar systemüberwindende Reformen und Innovationen, die zu verfolgen oder genau zu analysieren sich lohnen dürften (z.B. neue Formen von Eigentum und Kontrolle über Unternehmen und Kapital wie Kooperativen, ESOP, Kreditgenossenschaften, Pensionsfonds).
Im Schlusskapitel plädiert Verf. unter dem Titel "A New Politics" für eine lokal orientierte Politik, für eine "strong democracy" wie sie bereits Barber vorgeschlagen hat: "a uniform national system of local participation" mittels Nachbarschaftsversammlungen (223), für eine Politisierung der Umweltbewegung, ein Ausgreifen in andere wichtige Politikfelder, z.B. die soziale Frage, und für ein intensiveres Mitmischen bei Wahlen. Dabei verweist Verf. auf konkrete Beispiele progressiver Praxis, die vermehrt und gestärkt werden können. "To leave a ruined world to our children and grandchildren and ruin the world for other life would violate the two central precepts of environmental ethics. Our duty lies in precisely the opposite direction, to struggle against the contempocentrism and anthropocentrism that dominates modern life." (xvii)
Edgar Göll

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 928-929

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