Uta von Winterfeld: Naturpatriarchen. Geburt und Dilemma der Naturbeherrschung bei geistigen Vätern der Neuzeit. München 2006. 404 S.

Verf. will die "bis heute gültige Verfasstheit neuzeitlicher Naturbeherrschung von ihren Grundlegungen her" (10) und in ihrem patriarchalen Gehalt kritisieren und begibt sich dazu auf Spurensuche bei Descartes (Abhandlung über die Methode, 1637), Francis Bacon (Neues Organon, 1620) und Giordano Bruno (Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen, 1584).

Seit Beginn der Neuzeit wird Natur einerseits als Grundlage der männlichen Herrschaft gesehen und legitimiert diese (auch indem behauptet wird, diese sei den Männern von Natur aus gegeben), andererseits darf sie auch beherrscht werden und damit alles, was das männliche Individuum nicht ist: "Frauen, indigene Völker, schwarze ›Sklaven‹, eroberte Länder, Tiere". In diesem Spannungsfeld gründe sich "patriarchale Herrschaft auf Natur und unterwirft diese zugleich" (23). Die "drei modernen Produktionsformen" - Naturwissenschaft und Technologieentwicklung, Kapitalisierung der Wirtschaft und moderne Nationalstaaten (15) - haben dem Ausmaß der Naturbeherrschung dabei einen enormen Schub verliehen. Verf. wendet sich zum einen gegen die heutige "Geschlechterblindheit des Mainstreams", der die "patriarchalen Dimensionen sozialer Herrschaft über Natur überwiegend verfehlt", zum anderen gegen die "Quellenblindheit in Teilen der feministischen Debatte" (23). Methodisch knüpft sie an die "kritisch-dialogische Hermeneutik" von Hans-Herbert Kögler an, die dieser in Anlehnung an Gadamer, Foucault und Rorty entwickelt hat (26).
Bei Descartes stelle sich die Frage, weshalb sein "›Ich‹ nur über Herrschaft und Kontrolle in die Welt zurückkehren kann", denn denkbar wäre auch, dass es nicht "die abgespaltene Welt aneignen und beherrschen muss" (82). In der cartesischen Selbstentbindung von der Natur liege die "Freiheit des autonomen Denkens, in der sich das zweifelnde Subjekt von allen Verhältnissen befreit, die sein Denken behindern". Diese Freiheit sei aber "negativ bestimmt", d.h. sie ist Freiheit ›von‹, nicht ›für‹ etwas, und zudem "streng individualistisch" - aus dieser Vorstellung von Freiheit müsse zwangsläufig ein "herrschender Erkenner" hervorgehen (108). Die feministische Kritik richtet sich hier v.a. gegen den mit der Hierarchisierung verbundenen Herrschaftsanspruch. Zwar werden Frauen von Descartes nicht wie die Natur abgewertet oder Natur als weiblich angesehen bzw. das Weibliche für natürlich erklärt, aber ein ›befreites‹ männliches Subjekt ordnet die abgespaltene Natur den eigenen Zwecken unter. Die Auflösung der dualistischen Spaltung zur anderen Seite hin sei allerdings ebenso problematisch, denn auch "holistische und organische Naturbilder können durchaus herrschaftlich angelegt sein" (110).
Dies zeige sich bei Bacon. Für ihn ist die "Herrschaft des Menschengeschlechtes" über die "Gesamtheit der Natur" das höchste Ziel. Sie könne "allein auf den Künsten und Wissenschaften " beruhen, da die Natur sich "nur durch Gehorsam besiegen" lasse (Neues Organon I, Aphorismus 129). Verf. analysiert drei Schwerpunkte seiner Philosophie: die religiöse Rechtfertigung der Weltlichkeit in Verbindung mit der angestrebten (Wieder)-Errichtung eines weltlichen Paradieses; die koloniale Haltung bei der Eroberung neuer (geistiger) Welten; die Stärkung absolutistischer Herrschergewalt mittels einer Verbindung von Wissen, Macht und wirtschaftlicher Prosperität. Die feministische Kritik präzisiert Verf. mit einer detaillierten Analyse der baconschen Metaphern. Er wolle "Bündnisse schmieden, Einheiten schaffen und Ehen stiften" (149) - zwischen der beobachtenden und der denkenden Fähigkeit, der Naturphilosophie und der industriellen Produktion, dem Geist und der Natur. Die "Natur als Frau, deren Heiligtum betreten werden darf" und "in deren Verborgenes eingedrungen werden darf", solle "verheiratet werden mit einem Geist als Mann" (149). In den "letzten Jahrzehnten der Renaissance" werde die Frau allerdings zunehmend "zur Ehe gedrängt, die eine zähmende Institution darstellt, in der sich die Frau dem Mann unterwirft" (152). Das steht im Zusammenhang mit der gleichzeitigen ökonomischen Schwächung der Frauen und der Abwertung ihrer Leistungen. Nicht zuletzt wurden schon seit dem 15. Jh. Heilerinnen und Hebammen durch männliche Ärzte mit Universitätsausbildung ersetzt - womit der "Zugriff männlich definierter Kompetenz auf den weiblichen Körper" beginnt (151). Weitere Ansätze feministischer Kritik beleuchtet Verf. anhand des Übergangs vom organischen zum mechanischen Weltbild und am Bild der Folter, der Natur als Hexe und der Natur als Frau, dabei u.a. bezugnehmend auf Carolyn Merchant, Elvira Scheich und Vandana Shiva. - Während Descartes die Natur durch Vernunft (v.a. Mathematik) besiegen will, versucht Bacon sie durch die Tat (Erfahrung und Experiment) zu unterwerfen. Während die zentrale Aussage bei Descartes "Ich denke also bin ich" lautet, könnte Bacon ein "Ich handle also herrsche ich" zugeschrieben werden (176). Verf. fordert eine Auseinandersetzung mit der männlichen Selbst-Entlassung aus dem Naturzusammenhang und ein Ende der Verleugnung und Verdrängung weiblicher Produktivität und Arbeit. Sie plädiert darüber hinaus für die Überwindung einer Vorstellung von Emanzipation, in der "liebevolle Zuwendung (zum anderen) stets als existentielle Bedrohung des eigenen Anliegens" (179) erscheint. Gleichzeitig müsse auch das Verhältnis von Wissenschaft und Technik zur Natur hinterfragt werden. Ebenso wie der baconsche Verwertungsanspruch vom ›Recht auf die Natur‹ spreche, müssten die ›Pflichten‹ gegenüber der Natur wahrgenommen werden.
Bei Bruno erscheint die Natur als "Unterworfene und Unterwerfende" zugleich (181). Sein "Hin- und Herpendeln zwischen Emanzipation vom und Partizipation am Naturgeschehen " spiegelt die Ambivalenz des heraufziehenden Neuen wider (181). Sein "beißender Spott" richte sich gegen die Frauenfeindlichkeit seiner Zeit und die damit einhergehende "Verachtung für die Materie" (198). In krassem Widerspruch zur zeitgenössischen Naturphilosophie betreibt er kosmologische Studien, in denen er die Beziehung von Welt und Gott dialektisch begreift und die Natur des Universums nicht durch eine äußere Kraft angetrieben wird, sondern sie ihre kosmische Bewegung aus sich heraus entfaltet. Damit fällt er einerseits hinter die sich entwickelnden mechanischen Bewegungsgesetze zurück, eilt aber andererseits weit zu dem voraus, was Jahrhunderte später als Evolution und Relativität beschrieben wird. Bruno habe möglicherweise den Keim für eine weniger herrschaftsförmige Naturwissenschaft und für eine andere Gesellschaftswissenschaft gelegt, z.B. für ein Gemeinwesen, das "selbstregulative Potentiale" hat und nicht von einem äußeren Zentrum regiert werden müsse (228). Wenn "Natur selbst intelligibel" sei, könne sie in keinem neuen Gesellschaftsvertrag ignoriert werden. Wenn "Natur an und für sich Wert" habe, könne sie von "keiner neuen Ökonomie als eine Ressource behandelt werden, der erst die technisch gestützte Umwandlung durch Arbeit Wert verleiht" (ebd.). Eine ausgearbeitete feministische Kritik an der brunoschen Naturphilosophie steht Verf. zufolge noch aus.
Die Hexenverfolgungen, deren Hochphase mit den Lebzeiten der drei untersuchten Philosophen zusammenfällt, betrachtet Verf. als "Voraussetzung neuzeitlicher Naturbeherrschung ". Zwar habe später die "neuzeitliche Vernunft die Hexenverfolgungen überflüssig" gemacht, doch hätten diese zunächst einmal "zur Entwicklung einer spezifisch neuzeitlichen Vernunft entscheidend mit beigetragen" (291f). Verf. erklärt die Hexenverfolgung mit "Grenzkonflikten", in deren Zentrum die Hexe steht. Der Begriff bezieht sich einerseits auf den Epochenbruch, andererseits auf die Dualismen im jeweiligen Umgang mit Naturbeherrschung bei den drei Naturpatriarchen: Descartes nehme eine "Trennung von Seele und Leib, von Denken und Körper, von Geist und Natur" vor; Bacon habe "das Brautbett von dem Geist-als-Mann und der Natur-als-Frau schmücken" und "die beiden verheiraten" wollen; Bruno sehe "die apollinisch-göttliche Licht-Natur im Schatten der Diana auf die Erde kommen" (297). Diese Dualismen befördern die Grenzziehung zwischen der "mit dem Mann assoziierten Sphäre des Geistigen" und der "mit der Frau assoziierten Sphäre des Natürlichen" (ebd.). Einer patriarchal angelegten neuen Herrschaft über Natur und Menschen stehe die Hexe im Weg. Bei der Hexenverfolgung gehe es gerade um die männliche Eroberung der Sphäre von Geburtenregulierung und Geburtshilfe. Wenn "die Kirche Seelen und der Staat Arbeitskräfte" braucht, aber zugleich Menschenmangel herrscht, dann muss "die gesellschaftliche Reproduktion der herrschaftlichen Kontrolle unterworfen" werden (322). Im Zusammenhang von Hexenverfolgung und Naturbeherrschung zeige sich die große Bedeutung der neuzeitlichen Wissenschaft, die sich nicht gegen die kirchlichen Machtansprüche sondern wegen dieser durchsetzen konnte.
Abschließend fragt Verf., "ob oder wie soziale Naturverhältnisse anders als herrschaftslogisch gedacht werden können" (347). Zunächst sieht sie die "These von der Dialektik der Aufklärung" (Horkheimer/Adorno) bestätigt, denn das zweckrationale Denken der Aufklärung habe "trotz seiner Emanzipationsorientiertheit zu einer neuen, diesem Ideal zuwiderlaufenden Qualität der Herrschaft über Mensch und Natur" geführt (355). Drei aktuelle Dilemmata fordern jedoch dazu heraus, gesellschaftliche Naturverhältnisse anders als herrschaftslogisch zu denken: "an Herrschaft gebundene Emanzipation und Freiheit", "mit Sicherheit und Ordnung verbundene Gefährdungen" und "ein auf naturbeherrschender Ausbeutung basierender Wohlstand" (355). Zu ihrer Auflösung schlägt Verf. vor, dass den alten und neuen geistigen Vätern die patriarchale Definitionsmacht darüber abgesprochen werden müsse, was Natur bzw. Naturzustand und was Gesellschaft bzw. gesellschaftlicher Fortschritt ist. Natur verändere sich und sei veränderbar. Natur "gehört sich selbst und gehört der Gesellschaft an". Natur könne "im weißen Mann erscheinen und von der schwarzen Frau kultiviert" werden (369).
Die streng durchgehaltene Aufteilung dieser Arbeit in Quellenanalyse, Kontexte und Kritikansätze ermöglicht ebenso den schnellen Überblick wie intensives Nachvollziehen. Allerdings lässt sich das reichhaltige Material nur dann erkenntnisbringend in heutige Debatten einbringen, wenn nicht nach schnellen Antworten, sondern nach weiterführenden Denkanstößen gesucht wird.
Pia Paust-Lassen

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 929-931

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