Beate M. W. Ratter: Natur, Kultur und Komplexität. Adaptives Umweltmanagement am Niagara Escarpment in Ontario, Kanada. Berlin 2001. 315 S.

Dieses Buch, an der Universität Hamburg von Beate M.W. Ratter 1999 erfolgreich als Habilitationsschrift vorgelegt, ist ein innovativer und wesentlicher Beitrag zur Theorienbildung und -anwendung in der Geographie, d.h. in der 'Geographie der Umweltressourcen' oder 'Ressourcengeographie'. Die Verfasserin betont ausdrücklich, dass es ihr hier um die Klärung eines möglichst weitgezogenen theoretischen Ansatzes zur Diskussion des Verhältnisses zwischen Natur und Kultur, d.h. Mensch-Umwelt-Beziehungen, und das Zwischenspiel der sich daraus ergebenen komplexen Systeme geht.

Im Zentrum der Diskussion steht die Frage, wie der Mensch undseine gesellschaftlichen Systeme die Umwelt mit ihren Ressourcen behandelt oder behandeln sollte, wenn es darum geht, Natur zu nützen und zu schützen. Eine solche Situation wird anhand von Fallbeispielen im südlichen Ontario (Kanada) dargestellt. In klarer Übersicht geht die Autorin diese Themenstellung an, indem sie zunächst im einleitenden Kapitel (Prolegomena) die Begriffe 'Umwelt, Ressourcen, Nachhaltigkeit und Management' erklärend darstellt und diskutiert. Der theoretische Rahmen wird im folgenden Kapitel durch die detaillierte Erläuterung und Diskussion der gewählten Theorien zur Komplexität und ihren vielfältigen Ansätzen und zur Human- und Kulturökologie gesetzt. Die Wahl dieser Theoriengebilde ermöglicht es der Verfasserin, ein weites Diskussionsfeld mit genauen Fragestellungen als Rahmen für die Analyse der lokalen Beispiele zu erstellen. Die Erläuterung der Entstehung und Anwendung dieser Theorien ist ein besonders wichtiger Beitrag dieser Arbeit, da die Verfasserin es verstanden hat, die verschiedenen, in der weitläufigen Literatur auftauchenden Gedankenströmungen zu identifizieren und übersichtlich darzustellen. Es ist besonders zu vermerken, dass hier eine positive Verschmelzung verschiedener Strömungen und Interpretationen aus dem englisch- und deutschsprachigen Raum zustande gekommen ist. Die in den Kapiteln 3.1.5 und 3.2.6 aufgeführten 'Forschungsfragen für die Fallstudie' sind die sich aus dem theoretischen Gebäude ergebenen 'Testfragen', die durch empirische Arbeitsweisen 'im Gelände' beantworten werden. Dieser Ansatz ist der Kern der Arbeit, die in ihrer Analyse und Diskussion einen Betrag zur Entscheidungsfindung in kontroversen Umweltfragen leistet. Die kanadische Fallstudie des Niagara Escarpments mit den ausgewählten Verwaltungsbezirken Grey und Bruce im südlichen Ontario wird im weitesten geographischen Zusammenhang angegangen, d.h. durch eine detaillierte Darstellung des gegebenen Natur- und Kulturraumes. Dieser Teil der Arbeit wird in kompetenter Weise durch kartographische Hilfsmittel untermauert und erweitert. Der eigentliche 'Fall', d.h. der Schutz und die Nutzung der Schichtstufe durch Planungsmaßnahmen und deren Entwicklung und Anwendung, wird anhand von Literatur, Archivunterlagen, Befragungen von und Gesprächen mit ortsansässigen Betroffenen und deren Experten erfasst, erläutert und analysiert. Der Autorin geht es darum, die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen und Strömungen aufzuzeigen, die zu den angesprochenen Planungsmaßnahmen geführt haben und welche Auswirkungen diese Konstruktionen vor Ort haben; all dies vor dem Hintergrund der unausweichlichen natürlichen und kulturellen Gegebenheiten auf regionaler und nationaler Ebene. Durch ihre eingehende Darstellung und Erörterung hat die Verfasserin gezeigt, dass sie die örtlichen, d.h. kanadischen Verhältnisse von innen erfasst und verstanden hat. Die Besonderheiten des 'Falles' sind klar erarbeitet worden und geben zu verstehen, dass es sich hier um eine kompetente Behandlung des Themas handelt, auch wenn sie von außen kommt. Somit ist diese Arbeit ein wertvoller Beitrag zur geographischen Analyse der gegenwärtigen Situation kanadischer Gegebenheiten. Die Schlussfolgerungen konzentrieren sich auf die 'Konsequenzen für das Umweltmanagement', d.h. auf die Frage, wie sollte denn der Mensch mit seiner Umwelt und deren Ressourcen eigentlich umgeben - eine Frage, mit der sich Geographen seit Generationen beschäftigen, auf die aber, so scheint es, keine befriedigende Antwort zu finden ist. Dennoch schlägt die Verfasserin einige Lösungsansätze vor, die der Diskussion auch in Zukunft förderlich sein kann, indem sie zu Recht die Notwendigkeit betont, die Anwendung von Analysemethoden und Ansätzen von Management-Strategien zu verfeinern. Weiterhin fordert sie eindringlich, die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt in den Blickpunkt der Diskussion zu stellen. Letzteres ist gerade der Ansatz, der gegenwärtig wieder ins Zentrum der geographischen Betrachtungsweise gelangt ist. Das vorliegende Buch ist ein willkommener und wesentlicher wissenschaftlicher Beitrag zur Fortentwicklung der Diskussion des menschlichen Einflusses auf die Umwelt und auf welche Weise dieser Einfluss in all seinen Gegebenheiten behandelt werden kann.

Autor: Ludger Müller-Wille

Quelle: Die Erde, 132. Jahrgang, 2001, Heft 3

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