James Ferguson: Global Shadows. Africa in the Neoliberal World Order. Durham u. London 2007 (Erstdruck 2006), 257 S.

Das Titelbild ist faszinierend. Der Inhalt auch. Ferguson rückt die gängigen Bilder sowohl von "Globalisierung" als auch von "Afrika" so gründlich zurecht, dass die überkommenen Vorstellungen von beidem völlig über den Haufen geworfen werden.

Beginnen wir mit "Afrika". Da gibt es die einen, die den "dunklen Kontinent" als vom Okzident klar unterschiedene Einheit (ähnlich dem "Orient" der von Edward Said so treffend kritisierten "Orientalisten") konzipieren. Und es gibt die anderen (größtenteils Ethnologen), die die Einheitlichkeit des Kontinents bestreiten und Abertausende verschiedene "Afrikas" studieren. So sehr die letzteren gegenüber den ersteren im Recht sind - auch bei ihnen geht nach Ferguson ein wesentlicher Aspekt verloren: Auch wenn "Afrika" eine noch so heterogene, eine historisch und sozial noch so willkürlich konstruierte Einheit ist, ist es doch auch eine Kategorie, durch die unsere gegenwärtige Welt strukturiert ist; eine, die den Menschen dort aufgezwungen wurde und mit der sie leben müssen; eine, die nicht nur eine Verortung im geographischen Raum impliziert, sondern auch eine - untergeordnete - Position in einem globalen Rangsystem, und die insofern durchaus reale sozio-ökonomische Konsequenzen hat.
Eng verknüpft ist diese Positionierung mit dem Begriffspaar "Tradition - Moderne". Auch hier unterläuft Ferguson erfolgreich alte Frontstellungen. Die Kritik an der klassischen Modernisierungstheorie, welche "Modernisierung" als festgeschnürtes Paket aus allen möglichen guten Dingen (Rationalismus, Universalismus, Demokratie, Markt, Individualismus, Wachstum, Differenzierung, und dgl. mehr) ansah, die erstmals im Westen verwirklicht worden seien und nun von allen anderen in toto übernommen werden müssten, teilt er vollständig. Wenn aber Verfechter des Konzepts der "multiple modernities" daraus schließen, alle Gesellschaften der Gegenwart seien "modern", nur eben in unterschiedlicher Art und Weise, erhebt er Einspruch. Man müsse ernst nehmen, dass viele Afrikaner eine Art Nostalgie für die Moderne fühlten - sambische Minenarbeiter z.B., die ihm erklärten "wir waren einmal modern ... aber jetzt ist uns diese Chance genommen" (186); oder noch schlichter: "This place is not up to date" (185). Was in der Rede von den "alternative modernities" übersehen wird, ist, dass die Tradition-Moderne-Dichotomie nicht nur kulturelle Wertvorstellungen implizierte (die ihrerseits aus einer eurozentrischen Perspektive bewertet wurden), sondern auch und vor allem politische und ökonomische Exklusion der "Traditionellen" aus der privilegierten "first class world" (166) der "Modernen". Die zukünftige Beendigung dieser Unterprivilegierung ist das, was man sich von Modernisierung verspricht, daher die Skepsis gegenüber der Liquidierung des Konzepts.
Am Konzept der "Globalisierung" kritisiert Ferguson zunächst und vor allem die damit regelmäßig verbundene Metapher des "Fließens". "Das Kapital 'fließt' nicht von New York zu den Ölfeldern Angolas oder von London zu Ghanas Goldminen; es 'hüpft' und überspringt elegant das meiste, was dazwischen liegt" (38). Es ist "globehopping, not globe-covering" (ebd.). Entgegen einigen vorschnellen Trendverlängerungen aus den 80er Jahren trifft es keineswegs zu, dass "Afrika" kein ausländisches Kapital mehr anziehen würde; die ausländischen Direktinvestitionen auf dem Kontinent haben sich von 1986 bis 2004 nahezu verachtfacht. Aber diese Investitionen konzentrieren sich fast ausschließlich auf gesicherte Enklaven, die von der restlichen Gesellschaft weitgehend abgeschottet sind. Paradigmatisch ist die Ölproduktion von Angola, die nahezu vollständig offshore abläuft. Die Industrie importiert praktisch ihr gesamtes Gerät und Material, bis hin zu den Nahrungsmitteln und dem Wasser für ihre Belegschaften, welche ihrerseits größtenteils mit kurzfristigen Verträgen aus dem Ausland rekrutiert werden und in eingezäunten und militärisch abgesicherten Gettos leben. Die militärische Absicherung obliegt privaten Großunternehmen, allen voran der berüchtigten südafrikanischen "Executive Outcomes", welche ironischer Weise die MPLA-Regierung Mitte der 90er Jahre von der UNITA abwarb, wodurch es ihr gelang, die Produktion in den letzten Jahren des Bürgerkriegs ungehindert weiterlaufen zu lassen und die entsprechenden Einnahmen zu kassieren. Natürlich ist das ein Extrembeispiel, aber das angolanische Modell breitet sich rapide aus auf nahezu alle Mineralien abbauenden Industrien des Kontinents. Die Goldproduktion in Ghana und die Ölproduktion im Sudan sind schon fast genau so weit. Und bei der alluvialen Diamantengewinnung im Kongo haben es verschiedene Unternehmen (die Société Minière de Bakwanga und die kanadische American Mineral Fields z.B.) geschafft, sich durch private Sicherheitsdienste abgeschottete Enklaven abzustecken, in denen - ihr - Recht und - ihre - Ordnung galten, während drum herum Krieg und Chaos herrschten. Auch "Sicherheit" ist hier nicht flächendeckend auf nationalstaatlicher Ebene zu haben, sondern wird zu einem privatisierten räumlichen Patchwork Projekt. So wird auch verständlich, dass es keineswegs (wie es der Weltbank- Doktrin entspräche) die Staaten sind, in denen "good governance" und Rechtssicherheit herrschen, welche die großen ausländischen Direktinvestitionen anziehen, sondern gerade die korruptesten, diktatorischsten und am meisten von gewaltsamen Auseinandersetzungen geplagten - an der Spitze liegen Nigeria Angola, Kongo/Zaire, Liberia, Sierra Leone und Äquatorialguinea.
Spannend sind des weiteren Fergusons Überlegungen zur "vertikalen Topographie der Macht", welche Staat und Zivilgesellschaft in einem Oben- Unten-Schema angeordnet sieht. Dies war schon zu Zeiten der Dominanz des nation-building-Paradigmas so - hier war der (National-)Staat das zu verwirklichende Gute, die Zivilgesellschaft in Gestalt von Stämmen, Ethnien und anderen partikularistischen Einheiten das zu überwindende Böse. Mit den Strukturanpassungsprogrammen von IMF und Weltbank sowie der korrespondierenden NGO-Euphorie wurde nur die Bewertung umgedreht: jetzt wurde der interventionistische Staat zum Bösen und die dynamische und staatskritische Zivilgesellschaft zum - v.a. mittels forcierter Demokratisierung - zu unterstützenden Guten. Ferguson weist sarkastisch darauf hin, dass es Weltbank und IMF mit diesen Manövern gelang, den Unmut der Bevölkerungen über die drakonischen und fraglos unpopulären Maßnahmen der Strukturanpassung von sich auf die nun gewählten Regierungen abzuwälzen und das resultierende Elend damit letztlich der Bevölkerung selbst anzulasten. Sein zentraler Kritikpunkt ist jedoch, dass das gesamte Oben-Unten- Schema nichts taugt: Der Staat konstituiert sich in sozialen Praktiken, die nicht weniger "lokal" sind als alle möglichen anderen auch. Transnationale Organisationen regieren weite Bereiche des gesellschaftlichen Lebens - beispielsweise in Sambia - effektiver als sämtliche staatlichen Akteure. Und Weltbank und IMF zwingen vielen afrikanischen Staaten vielfach ihre Politiken auf - nicht nur im Bereich der Finanz-, sondern beispielsweise auch in dem der Bildungs-, Ernährungs- und Gesundheitspolitik. Auf der anderen Seite sind viele der sogenannten zivilgesellschaftlichen Akteure alles andere als lokale und indigene Gemeinschaften. "Die Zivilgesellschaft setzt sich zu großen Teilen aus internationalen Organisationen zusammen" (101). Man denke etwa an die unzähligen von USAID oder von den christlichen Kirchen aufgebauten und finanzierten Freiwilligenorganisationen - ganz zu schweigen von Organisationen wie Oxfam oder CARE, die überall in Afrika staatsähnliche Funktionen wahrnehmen. Sie sind weder subnational noch national und können nicht als "unter" dem Staat stehend, sondern nur als "integrale Bestandteile eines neuen, transnationalen Gouvernementalitätsapparats" (103) verstanden werden.
Nach "The Anti-Politics Machine" (1994) und "Expectations of Modernity" (1999) legt Ferguson mit "Global Shadows" erneut ein ungezählte Selbstverständlichkeiten des entwicklungspolitischen Mainstream erschütterndes und dazu glänzend geschriebenes Werk vor. Es wird Zeit, dass er auch in Deutschland ernsthaft rezipiert wird.
Gerhard Hauck

Quelle: Peripherie, 29. Jahrgang, 2009, Heft 114-115, S. 364-366

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