Rheinisches JournalistInnenbüro u. Recherche International e.V. (Hg.): Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. Unterrichtsmaterialien zu einem vergessenen Kapitel der Geschichte. Köln 2008. 224 S.

Nachdem 2005 das Buch "Unsere Opfer zählen nicht" - die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg erschienen ist, hat das Rheinische JournalistInnenbüro das Material für den Unterricht aufgearbeitet und liefert dazu einen umfangreichen Band mit Erläuterungen, didaktischen Kommentaren, Fotos, Quellen und einer CD. Es geht um die Einbindung der Menschen in den kolonisierten Ländern in einen weltumspannenden Krieg, der sie zu Tätern und Opfern gleichzeitig machte, ohne dass auch nur ein Hauch davon Eingang in unsere "nordatlantische" Geschichtsschreibung gefunden hätte. Es geht in diesem "Schulbuch" um Erinnerungspolitik im besten Sinne.

Angelehnt an die vorangegangene Publikation werden sinnvollerweise geografisch Afrika, Asien und Ozeanien unterschieden, wobei eine tabellarische Übersicht am Anfang des Buches hilfreich die chronologische Gleichzeitigkeit der historischen Abläufe darstellt. Im Zentrum der didaktischen Begründung steht die längst überfällige Problematisierung einer eurozentristischen Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg, zum einen im Hinblick auf die Periodisierung - Kriegsbeginn 1939, die Autoren legen schlüssig dar, dass man 1935 einsetzen müsste, als Italien Äthiopien besetzte; zum andern im Blick auf das Ausmaß des Krieges gemessen am Kriterium seiner Opfer: 21 Millionen Menschen starben in Asien, so viele wie in Europa, ohne dass jemals ein Wort darüber verloren worden wäre.
Eingeleitet werden die Kapitel in den Materialien jeweils durch einen poetischen Text, eine Zeittafel, eine Fotogalerie und ein Portrait. Die jeweiligen Unterkapitel behandeln wesentliche Aspekte des Themas, enthalten die wichtigsten historischen Fakten und sind ergänzt um einen gesonderten Quellenteil. Dazu gehören Berichte von Augenzeugen und Historikern aus der Dritten Welt, Dokumente von (Kolonial-)Behörden und Militärs, Erklärungen von Politikern und Widerstandsbewegungen, Karikaturen, Plakate und Fotos. "Hinweise für den Unterricht" geben Orientierung für den Einsatz der Quellen, und abschließende "Fragestellungen" enthalten konkrete Aufgaben- und Problemstellungen sowohl zur Erarbeitung des Materials als auch zur weiterführenden Diskussion und Vertiefung des Themas. Jedes Unterkapitel ist in sich abgeschlossen und kann so problemlos mit anderen kombiniert werden. Der Anhang enthält Ideen, wie das Thema abwechslungsreich und unter aktiver Beteiligung der Schülerinnen und Schüler im Unterricht erarbeitet werden kann.
Der gesamte Text dieser Unterrichtsmaterialien befindet sich als PDF-Datei auf der beiliegenden CD, so dass die Möglichkeit besteht, je nach Bedarf Texte, Quellen, Fotos usw. zusammenzustellen und auszudrucken.
Der Band besticht durch seine äußerst sorgfältige Auswahl der Quellen und Fotos, die überzeugend die eurozentristische Sichtweise auf den 2.Weltkrieg darlegen und perspektivisch problematisieren. Das Material ist anwendungsfreundlich gekürzt und damit für den sofortigen Einsatz brauchbar. Für die Oberstufe wären sogar längere Quellenauszüge denkbar gewesen, die die Lehrkraft aber durch die gut aufbereiteten Quellennachweise selbst nachliefern kann. Jede Seite ist in sich als Kopiervorlage konzipiert, ideal für eine schnelle Übernahme, die aber gleichzeitig nicht zwingend ist (siehe CD). Die Augenzeugenberichte kommen den Schülerinnen und Schülern entgegen, weil sie einerseits leicht verständlich und interessant sind und andererseits ihnen den Perspektivwechsel ermöglichen, der besonders bei diesem Thema besonders notwendig ist. Die Geschichte wird somit aus der Perspektive eines Vertreters der Kolonialmächte und eines Kolonisierten dargestellt. Diese Kontrastierung wird konsequent durchgehalten, sowohl in Bezug auf zeitgenössische Quellen als auch auf aktuelle Positionen. Dadurch sind die Schülerinnen und Schüler gezwungen, Kriterien der Beurteilung zu entwickeln, und werden befähigt, eine eigene Stellungnahme abzugeben.
Die Behandlung dieses Themas im Unterricht, schreiben die Autoren, sei längst überfällig. Ich stimme dem zu, und das Autorenkollektiv schuf dazu die notwendigen Voraussetzungen. Die Möglichkeit, sei es auch nur einen kleinen Teilbereich aus dem Material in der Schule einzusetzen, ist durch dieses Werk auf jeden Fall gegeben. Das Buch stellt eine Pionierarbeit dar, im Kontext einer globalisierten Welt zu lernen, global zu denken, und das heißt auch, historische Abläufe, die Geschichte aller Menschen global wahrzunehmen und zu verstehen.
Barbara Imholz

Quelle: Peripherie, 29. Jahrgang, 2009, Heft 114-115, S. 369-370

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