Friedrich Lenger, Klaus Tenfelde (Hg.): Die europäische Stadt im 20. Jahrhundert: Wahrnehmung - Entwicklung - Erosion. Köln, Weimar, Wien (Industrielle Welt, 67) 2006. 368 S.

"Die europäische Stadt" findet aus unterschiedlicher Sichtweise stets Interesse. Namentlich die Gruppe der Stadtplaner hat sich ihr in jüngerer Zeit zugewandt, doch mag wohl treffender formuliert werden: sich ihrer bedient. Dies sei lediglich angemerkt. Es ist an dieser Stelle nicht weiter darauf einzugehen, ob die technische Verkürzung von Dichte, Kompaktheit dem Modell "europäische Stadt" wirklich gerecht zu werden vermag. Was sicherlich vielfach mit dem wie auch immer veranlassten Rückgriff auf "die" europäische Stadt zu kurz kommt, ist ein längerer Blick auf diese Stadt. Kurzfristig angelegte Perspektiven und Rückgriffe auf diese "Idee" lassen und müssen wohl die grösseren Entwicklungslinien ausser Acht lassen. Diese sind aber nicht nur notwendig, sondern sie liegen eigentlich deshalb nahe, weil sich Veränderungen bzw. Wandlungen im Raum allmählich niederschlagen.


Es ist das Anliegen des zu besprechenden Titels, sich eben diesen "grossen Linien" zuzuwenden. Mithin: Die in diesem Band zusammengefassten Arbeiten stehen vor einem stadtgeschichtlichen Hintergrund. Mithin werden jene Basisprozesse, die pauschalierend als z. B. "Industrialisierung" oder "Modernisierung" umrissen werden mögen und die die Gesellschaft Europas in vielfältiger Weise verändert haben, hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Städte in Europa thematisiert. Dass damit für die historischen Wissenschaften auch eine Art Neuoder Wiederentdeckung des städtischen Raumes verbunden ist, sollte als grundsätzlicher Gewinn für das Verständnis der Vielschichtigkeit dieses Raumtypus unvoreingenommen akzeptiert werden.
Die in diesem Band publizierten 21 Beiträge (inkl. Einleitung von F. Lenger) sind auf vier grössere Themenbereiche aufgeteilt: I. Stadtentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert; II. Wahrnehmung in Städten - Wahrnehmung der Städte; III. Entwicklungen der Nachkriegszeit und IV. Erosion der grossen Stadt?
"Europäische Stadt" ist nicht einfach die Stadt in Europa, vor allem wäre es dann wohl die west- und mitteleuropäische Stadt i. S. von "abendländischer Stadt". Doch auf diese begrenzt sich der vorliegende Band keineswegs. So mag es als wohltuend empfunden werden, wenn die regionalen Beispiele nicht die gängige Vorstellung (aber welche wäre dies?) von der (west-)europäischen Stadt bedienen. Wenn dieser Band somit in seinem regionalen Umgriff das abendländische Europa deutlich überschreitet und skandinavische Beispiele ebenso erfasst wie die russische und sowjetische Stadt, südost- und südeuropäische Exempel gleichermassen aufführt, wenn afrikanische Verbindungen aufgezeigt und Vergleiche zu nordamerikanischen Stadträumen initiiert werden, dann ist dies wohl auch so zu lesen, dass die europäische Stadt nicht einfach nur eine Blaupause für manche Stadtentwicklungen - mit unterschiedlichen Ausprägungen innerhalb Europas und qua kolonialem Erbe auch ausserhalb dieses Kontinentes - abgab. Deutlich bleibt, dass diese Städte nicht nur zu einem Brennglas ihrer (je zeitlich spezifischen) Gesellschaft(-en) werden, sondern als Erinnerungsorte zugleich zu einem Archiv der gesellschaftlichen Entwicklung geraten.
M. Hillmeier rückt die russische Stadt in den Mittelpunkt, sieht die Differenz zur okzidentalen, aber auch eine Nähe zur orientalischen Stadt. Der revolutionäre Versuch kannte einen Anspruch: "Der neue Mensch einer neuen Gesellschaft sollte auch in einer neuen Stadt wohnen" (S. 56). Auch wenn die vollzogene Industrialisierung als auf den Westen bezogen gelten mag, die sozialistische Stadt mag dafür nur einen bedingten Beleg geben. Jedenfalls mit dem Systemwechsel von 1991 dürfte sich die sozialistische Stadt (wieder) der westlichen annähern, wiewohl Urbanisierung und Verstädterung sich (zunächst) noch auf einer anderen Ebene bewegen. Einen spezifischen Aspekt der sowjetischen Stadt trägt M. T. Bohn hinsichtlich der "geschlossenen Städte" vor.
W. Höpken zeichnet den Einfluss der Metropolen (d. h. vor allem der Hauptstädte) in Südosteuropa nach. Anders als beim europäische Stadtmodell bestand zunächst keine Verbindung zur Industrialisierung und Metropolenentwicklung. Ein bestimmendes Merkmal aber war ihre Bedeutung für die Modernisierung der jeweiligen Länder; über die Urbanisierung dieser Metropolen liefen die "Entorientalisierung" und "Enttraditionalisierung" der Bevölkerung.
L. Nilsson rückt mit seinem Beitrag zur Verstädterung und Urbanisierung in Skandinavien eine Region Europas ins Bewusstsein, die gerne als "peripher " wahrgenommen wird. Doch die Probleme scheinen - in Varianten - durchaus vergleichbar mit den westeuropäischen Städten zu sein, was sicherlich auch den in Grundzügen sehr ähnlichen gesellschaftlichen Gegebenheiten geschuldet ist. In einem weiteren Beitrag verengt er den Blick und vergleicht die Stadtplanung der Hauptstädte Stockholm und Oslo im 20. Jahrhundert.
"Randlich" zu Europa, freilich nicht ganz frei von den Einflüssen dieses Kontinentes, dann das Beispiel der südafrikanischen Stadt im 20. Jahrhundert. A. Eckert thematisiert die Bezüge zwischen Urbanisierung und Apartheid, in denen sich letztlich die koloniale Organisation der Europäer nicht nur in Südafrika widerzuspiegeln scheint. Die Stadt wird nicht nur zum Brennglas ihrer Gesellschaft, sondern auch zu einem Erinnerungsort ihrer Entwicklung.
W. Schieder deckt am Beispiel Italiens die schizophren anmutende Haltung des Faschismus zur Stadt auf. Auf der einen Seite eine italienische Tradition, die der Stadt stets den Vorzug vor dem Land einräumte, andererseits antimodernistische Haltungen, die gegen die Stadt gerichtet waren. Dennoch wurde eine Urbanisierungspolitik betrieben, in der die faschistische Herrschaft symbolisch in der Stadt deutlich gemacht werden musste. Dies sollte erreicht werden über einen faschistischen Stadttyp, in dem die Land-Stadt-Grenze aufgehoben wurde. Das vermeintlich Neue dieses Typs blieb freilich im Kern der Tradition der Agrostädte verpflichtet. Auch wenn die Urbanisierungspolitik mit ihren Tendenzen zur Monumentalisierung, Zentralisierung und Umgestaltung der alten Stadt durch neue geschlossene Stadtteile ambitioniert war, bewirkt hat sie nach Schieder wenig. Vielmehr glitt auch die italienische Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg in den Typus "Agglomeration" ab, und auch die politische Aufwertung des ländlichen Raumes kann als gescheitert betrachtet werden.
Hilfreich für die Wahrnehmung von städtischen Räumen, nicht zuletzt auch in ihren agglomerativen Entwicklungen, scheint der Faktor "Recht" zu sein. J. Rückert setzt sich theoretisch damit auseinander und verfolgt an den Raumtypen Land, Stadt und Agglomeration den Gedanken, Recht empirisch als Wirkungselement zu fassen Die Entstehung und Ausbildung von Agglomerationen wird auf den Faktor Recht hin orientiert, der hinsichtlich der Einflüsse nach Privatrecht, direkt regulierendem öffentlichen Recht sowie Selbstverwaltungsrecht zu unterscheiden ist. Es dürfte wohl kaum überraschen, wenn diese Überlegungen in der weiteren Beschäftigung mit städtischen Räumen speziell, mit Siedlungsfragen allgemein, noch eine grössere Breitenwirkung erzielen werden.
Der vielschichtigen Wahrnehmung der europäischen Stadt wird auch dadurch entsprochen, dass H. Kohle am Beispiel der futuristischen Malerei Italiens und des deutschen Expressionismus eine künstlerische Stadtwahrnehmung nachzeichnet. Bezüglich der ökonomischen Basis der italienischen und spanischen Hauptstädte weist Ch. Dipper auf markante Unterschiede zur verbreiteten Stadtentwicklung in Europa hin. Während D. Schott mit Londons "New Towns und der holländischen Randstad" zwei metropolitane Planungskonzepte vergleicht und D. Schubert sozialräumliche Transformationsprozesse in London und Hamburg gegenüberstellt und dies von Ch. Bernhardt am Beispiel von Industrieregionen der DDR und Polens geleistet wird, wobei er deutlich macht, was nicht sein darf: sozialräumliche Disparitäten in sozialistischen Städten.
Für Barcelona und Turin zeichnet M. Baumeister am Phänomen der Masseneinwanderung schliesslich sich auftuende Grenzen der Stadt nach. Und P. Noltes Überlegungen zu einer jüngeren deutschen Stadtgeschichte denken auch über eine mögliche Erosion der Stadt nach. Erhellend hierzu der Beitrag von F. Lenger zur stadträumlichen Entwicklung in Nordamerika, an der gerne die europäische gespiegelt wird.
R. Stichweh bindet die Zentrum-Peripherie- Differenzierungen über den europäischen Rahmen hinaus in die globale Entwicklung ein. H. Häussermann fokussiert seinen Beitrag auf die in Deutschland intensiv thematisierte "soziale Stadt" und stellt die wesentlichen Veränderungskräfte in der Stadt heraus. Er vermisst gegen die Entstehung ausgegrenzter Stadtviertel eine "kohärente Stadtpolitik ... in der bundesdeutschen Politik", was unschwer aber nicht nur auf diesen Teilaspekt zu begrenzen wäre. Wenn er zu bezweifeln scheint, dass das, was die europäische Stadt in ihrem Wesen eigentlich ausgemacht hat, nämlich das bürgerschaftliche Engagement, für die gegenwärtige Stadt nicht wiederbelebt werden kann, dann ist es gelungen, die Stadt auf allein technische Grössen zu reduzieren, sie nur als Summe von Standorten wahrzunehmen. Eine Sicht, in der die Verarmung der Stadt, womöglich auch als Teilaspekt der europäischen Kultur, zu erkennen ist.
Und die Verknüpfung zu nordamerikanischen Stadträumen/-problemen (F. Lenger) mag vordergründig die Angleichung stadträumlicher Probleme signalisieren und die einsetzende - vielleicht globale - Homogenisierung von Stadt nahe legen. Dies gilt vermutlich bevorzugt für die äussere Gestalt der Stadt, jedenfalls würden sich dagegen nur schwerlich Einwendungen anführen lassen.
Die Hoffnung aber bleibt - auch nach der Lektüre dieses Bandes -, dass eben dies nur eine äussere Hülle betrifft. Doch diese Hülle ist nicht europäisch. Die Hoffnung wird gestärkt, dass das "Innenleben" der europäischen Stadt sich mutatis mutandis behaupten möge, so wie es die Summe der Beiträge zu vermitteln scheint. Die europäische Stadt als Geburtsort der bürgerlichen Gesellschaft, als Ort der Emanzipation, als Ort ihrer urbanen Lebensweise mit ihrer Auseinandersetzung zwischen den Formen von Öffentlichkeit und Privatheit, in ihrer Differenziertheit als Ort von Kommunikation und - neuerdings zumindest in Deutschland mit kräftiger Akzentuierung - als Ort der sozialstaatlichen Regulierung.
Es ist wohl (auch) dies, was der historische Zugang zur europäischen Stadt herausstellt, dass es diese Merkmale gemeinsam sind, die eine Stadt zu einer europäischen machten. Doch was stimmig war, bleibt nicht so, verändert sich und verliert einst klare Zusammenhänge, weil sich mit den Zeiten auch die gesellschaftlichen Bezüge verändern. Die Frage drängt sich auf: Müssen sich mit der städtebaulichen Hülle auch die gesellschaftlichen Bezüge aufgeben? Oder besteht die Möglichkeit, in einer anderen Hülle als wesentlich erkannte europäische Stadtmerkmale (angepasst) zu bewahren? Könnte die europäische Stadt mithin eine, "ihre" Stadtutopie "erneuern" und sie anderen Zivilisationen (wieder) bekannt machen? Lohnenswert wären solche Anstrengungen für Städte allemal. Indirekt zumindest mag auch dies ein Anliegen dieses Bandes sein.
Als Randbemerkung darf ergänzt werden, dass mancher Leser sicherlich über ein Autorenverzeichnis dankbar wäre und an manchen Stellen (z. B. S. 17, FN 71, oder S. 504, FN 36) falsche oder mit dem Text nicht übereinstimmende Autorennamen genannt werden.
Ulrich Ante

 

Quelle: disP 173, 2/2008, S. 77-79

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