Jörg Scheffer: Den Kulturen Raum geben. Das Konzept selektiver Kulturräume am Beispiel des deutsch-tschechisch-österreichischen Dreiländerecks. Passau 2007. 141 S.

Zu den leider immer wieder vergessenen Grundelementen empirischer Forschung gehören zwei Fragen, und zwar diejenige nach dem Sachverhalt, den es zu erklären gilt, und zum anderen diejenige nach dem Zweck der Untersuchung. Die Nicht-Beachtung des ersten Elements führt zu einem erzählerischen Vorgehen, das im Regelfall über ein bloßes Aufzählen von Fakten oder ein zeitgeistgesättigtes Plaudern nicht hinausgelangt. Fehlt eine Klärung der zweiten Frage, bleibt die Relevanz der Untersuchung im Dunkeln und der Forschungsprozess erhält den Charakter einer bloßen Spielerei mit Methoden und Begriffen, die mehr an einer gefälligen Präsentation der Wissenschaftlichkeit des Autors interessiert ist als an nachprüfbarer Wissenserzeugung.

Sind die beiden genannten Aspekte empirischer Forschung hingegen gegeben, ist sie weitestgehend davor gefeit, als bloßes Reservoir von Wirklichkeitsschnipseln zu dienen, mit denen die in erster Linie angestrebte Präsentation der eigenen Weltsicht lediglich garniert wird, und hat damit auch gute Chancen, das Stadium des Feuilletons zu verlassen, das nach Helmut Klüter insbesondere die "neue Kulturgeographie" charakterisiert.
Aus dieser Perspektive ist das vorliegende Buch eher einer "alten" Kulturgeographie zuzuordnen, geht es doch darum, Kulturräume im Sinne von "Räumen gleicher Kultur" (hier: im deutsch-tschechisch-österreichischen Dreiländereck) zu identifizieren und aus den gewonnenen Erkenntnissen Schlussfolgerungen für den grenzüberschreitenden Tourismus und grenzüberschreitende Kooperationen zu ziehen.
Kultur wird dabei nicht wie in Produkten wie etwa dem "Atlas der deutschen Volkskunde" am Vorhandensein bestimmter Artefakte, Gebräuche oder narrativer Motive gemessen, sondern als ein Konglomerat von Einstellungen. Der Autor greift zu diesem Zweck auf Vorbilder insbesondere aus der Wirtschaftspsychologie zurück und konstruiert in Anlehnung an dortige Erhebungen vier (nicht weiter begründete) Kulturdimensionen, die in einer gegebenen Region als weitgehend homogen ("standardisiert") angenommen werden: "Traditionsbewusstsein", "Aufgeschlossenheit", "Naturidentifikation" und "Persönliches Engagement". Deren Ausprägungen wurden durch fragebogengestützte Erhebungen ermittelt, wobei in der Grenzregion vier Teilregionen vergleichend gegenübergestellt wurden: Deutschland, Österreich, Tschechien I (grenznahe Orte) und Tschechien II (grenzferne Orte). Letztere Unterscheidung sollte dem Umstand Rechnung tragen, dass die grenznahen Orte erst nach 1945 (Vertreibung) von der heutigen Bevölkerung besiedelt wurden, der daher ein anderer Lokal- oder Regionalbezug zugeschrieben wird als einer länger ansässigen Bevölkerung.
Das Ergebnis der umfangreichen und aufwändigen Untersuchungen ist leider wenig überraschend: Je nach betrachteter Kulturdimension stehen sich manche Regionen näher als andere, oder in den Wortendes Autors: "So überschreiten die Standardisierungen im Dreiländereck mal die politischen Grenzen zweier Länder (...), mal die Grenzen aller drei Nachbarländer (...). Des weiteren zeigen sie innerstaatliche Differenzen auf, die größer sind als jene zu den Nachbarregionen (...), oder spiegeln auch nationale Grenzen wider (...)." (S. 110)
Sicherlich hätte man auch Kulturdimensionen konstruieren können, bei denen die Grenzziehungen durchgängig dieselben sind oder aber überhaupt keine Grenzen auftauchen; dies ist jedoch insofern unerheblich, als die eigentlich entscheidende Frage ungeklärt bleibt: Was haben staatliche Grenzen mit Kulturunterschieden zu tun, genauer: Welche Faktoren, die sich auf ein Staatsgebiet (bzw. im deutschen Fall, in dem ja die Kulturhoheit bei den Ländern liegt, auf das Gebiet eines Bundeslandes) begrenzen lassen, führen zu welchen regional konstanten Einstellungsmustern?
Dass eine solche Erklärung unterlassen wurde, liegt sicherlich in erster Linie an den als Vorbild des Untersuchungsdesigns dienenden wirtschaftspsychologischen Modellen, bei denen es sich nicht um Erklärungs-, sondern um Beschreibungsmodelle, besser vielleicht sogar: Klassifikationsschemata handelt, deren Zweck es ist, Typen von Handlungsformen, Einstellungen usw. zu konstruieren, zu denen dann jeweils angepasste Lenkungs- oder Entscheidungsformen etwa für die Betriebsleitung entwickelt werden. Aus einer ähnlichen Perspektive könnte auf die angeführte Kritik auch geantwortet werden, dass es dem Autor gar nicht darum ging, die jeweiligen Ausprägungen der Kulturdimensionen  theoretisch fundiert zu erklären, sondern aus den Beobachtungen vielmehr Konsequenzen für die grenzüberschreitende Praxis (Tourismus, Kooperationen) zu ziehen.
Die fehlende Erklärung, warum die beschriebenen Einstellungen so sind, wie sie sind, wirkt jedoch auch auf die Aussagequalität bezüglich der Praxisrelevanz der erhobenen Kulturunterschiede zurück. Denn wenn unklar bleibt, ob regionale Kulturunterschiede tatsächlich durch regional unterschiedliche Faktoren bzw. Entwicklungen hervorgerufen wurden, zielen Praxisformen, die auf der regionalen Ebene an der Überwindung der Probleme mit Hilfe der sog. interkulturellen Kommunikation arbeiten, notwendigerweise ins Leere bzw. tragen zu einer gelingenden grenzüberschreitenden Kommunikation nicht mehr bei als wohlfeile Appelle für eine (größere) Toleranz gegenüber den so ganz anderen Nachbarn.
Dies ist eng verbunden mit einem weiteren Problem, welches das vorliegende Buch mit dem Gros der aktuellen kulturgeographischen Literatur teilt: es geht bei einem (irgendwie messbaren) Zusammenhang zwischen kulturellen (hier: Einstellungen der Befragten) und sozialen Variablen (hier etwa: Erfolgschancen von grenzüberschreitenden Kontakten) quasi automatisch davon aus, dass es sich bei den kulturellen Variablen um die unabhängigen und bei den sozialen um die abhängigen Variablen handelt. Dies klingt trotz aller mangelnden theoretischen Absicherung zunächst recht plausibel; tatsächlich ist immer wieder - gerade bei deutsch-tschechischen Kooperationsbeziehungen - zu lesen, dass Probleme innerhalb einer solchen Kooperation aus dem Arbeitsstil etc. des Partners aus dem Nachbarland resultieren, d. h. kulturell bedingt sind. Tatsächlich dürfte hier jedoch eine Verwechslung von Grund und Begründung vorliegen; die Partner begründen ihre Probleme kulturell, die Gründe für die existierenden Probleme sind dadurch aber alles andere als nachgewiesen.
Man würde sich wünschen, dass in der Diskussion über grenzüberschreitende Kontakte und die darin auftauchenden Probleme die Möglichkeit wenigstens angedacht würde, dass es auch anders herum sein könnte: dass Probleme, die aus welchen Gründen auch immer auftauchen, von den Beteiligten unmittelbar als kulturelle Differenzen wahrgenommen und etikettiert werden, worauf dann die bewusste Betonung der kulturellen Differenzen folgt, was schließlich zu einer Vertiefung kulturell definierter Unterschiede führen kann. Selbstverständlich muss dies nicht zutreffen; interessant ist auf alle Fälle jedoch die in der entsprechenden Literatur (so etwa von Seiten der in extenso zitierten Unternehmensberaterin Schroll-Machl) wie auch in der vorliegenden Arbeit weitgehend voraussetzungslose Entscheidung für den umgekehrten Zugang. Eine solche Vor-Entscheidung nicht zu treffen, sondern theoretisch abgesichert die jeweilige Bedeutung von Kultur erst zu analysieren, wäre aus dieser Warte nicht nur wissenschaftlich wünschenswert, sondern auch und insbesondere im Hinblick auf die Gestaltung grenzüberschreitender Beziehungen anzuraten. Insofern sind die eingangs angeführten beiden Fragen als notwendige, aber nicht hinreichende Elemente empirischer Forschung zu charakterisieren.
Wolfgang Aschauer

Literatur:
Klüter, Helmut 2005: Geographie als Feuilleton. In: Berichte zur deutschen Landeskunde 79, 1. S. 125-136.

 

Quelle: geographische revue, 12. Jahrgang, 2010, Heft 1, S. 75-77

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