Claudia Müller: Zur Bedeutung von Remigranten für Innovationsprozesse in China. Eine theoretische und empirische Analyse. Frankfurt am Main u.a. 2007. 278 S.

Der Zusammenhang von Migration und wirtschaftlicher Entwicklung ist in den vergangenen Jahren stärker in den Fokus regionalökonomischer Studien gerückt. In der Vergangenheit wurde diese Thematik vor allem aus Sicht der Herkunftsgebiete hochqualifizierter Migranten, in der Regel Entwicklungsländer, als brain drain thematisiert, während gleichzeitig Industrieländer von dem komplementären brain gain profitierten. Seit einigen Jahren sind jedoch Rückwanderungsprozesse gerade von Hochqualifizierten zu beobachten, die mit dem Stichwort brain re-gain oder auch reverse brain drain als positiver Einflussfaktor für die Wirtschaftsentwicklung in Entwicklungs- und Schwellenländern angesehen werden.

Dieser interessanten und wichtigen Thematik widmet sich die Diss. von Claudia Müller, die die Rückwanderung von Hochqualifizierten nach Shanghai und ihren Einfluss auf das dortige regionale Innovationssystem und -geschehen untersucht. Ihr Fokus liegt auf Hochqualifizierten, die nach einem mindestens fünfjährigen Studien- bzw. Arbeitsaufenthalt in den USA nach China zurückkehren und in Shanghai ein Unternehmen gründen.
Ausgehend von einer Aufarbeitung des Innovationsbegriffs und der Debatte über nationale und regionale Innovationssysteme entwickelt die Autorin zunächst Aussagen und Hypothesen für die Anwendung in Schwellen- und Transformationsländern (Kap. 2). Dabei wird deutlich, dass die Innovationstätigkeit in diesen Ländern und ihren Städten besonderen Bedingungen unterliegt. Hierzu gehören neben spezifischen Hindernissen und Blockaden die besondere Bedeutung internationaler Verflechtungen und des Zugangs zu Technologien aus Industrieländern für einen möglichen Aufholprozess. Daran anknüpfend werden in Kap. 3 die wichtigsten Forschungsergebnisse zur Wanderung Hochqualifizierter und ihrer Rolle in regionalen Innovationssystemen dargestellt. Die besondere Bedeutung von Wissensexternalitäten wird hervorgehoben, die zum einen als Ergebnis der Mobilität Hochqualifizierter zwischen verschiedenen ökonomischen Kontexten und zum anderen als Folge informeller Netzwerkaktivitäten interpretiert werden. Anschließend wird die Rolle von Unternehmensgründungen betont, die in der Debatte über regionale Innovationssysteme bisher eher vernachlässigt wurden. Insbesondere internationale Gründungen (international entrepreneurship) stellen ein eher jüngeres Phänomen dar, das, so zeigen die zitierten Beispiele zu Remigrantengründern, verschiedene positive Wirkungen auf regionale Innovationssysteme haben kann. Vor diesem Hintergrund eines sehr positiven Bilds von Remigrantengründungen und ihren Wirkungen entwickelt die Autorin ihre Fragestellungen für die empirische Untersuchung.
Das Forschungsdesign der Arbeit (Kap. 4) beinhaltet neben der Analyse von Sekundärdaten vor allem Leitfadeninterviews in Shanghai. Claudia Müller hat im Rahmen von zwei Feldaufenthalten insgesamt sechs Monate in Shanghai verbracht und 99 Interviews geführt, davon über 20 mit diversen Experten und vermittelnden Personen, 50 mit hochqualifizierten Remigrantengründern von innovativen Unternehmen bzw. solchen in High-Tech-Branchen sowie zu Vergleichszwecken über 20 mit einheimischen und sonstigen Remigrantengründern. Eine besondere Herausforderung stellte die Identifizierung von geeigneten Gesprächspartnern dar, die, wie es bei explorativen Studien zu neuen Frage- und Themenstellungen nicht anders möglich ist, über verschiedene Zugänge erfolgte. Für weitere ähnlich gelagerte Studien interessant ist, dass sich neben der deutschen Außenhandelskammer in Shanghai (die als Basis vor Ort diente) vor allem die Shanghai Overseas Returned Scholars Association und die Nutzung privater Kontakte als besonders nützlich erwiesen haben, während "offiziellere" Zugänge über ein Gründer- und ein Beratungszentrum weniger ergiebig waren. Klar ist (auch der Autorin), dass mit der gewählten Vorgehensweise keine repräsentative Grundgesamtheit erreicht werden konnte und erfolgreiche Remigranten vermutlich überrepräsentiert sind.
Der empirische Teil beginnt mit einer kenntnisreichen und gut illustrierten Darstellung der Entwicklung des nationalen chinesischen Innovationssystems (Kap. 5).Als wichtigstes Ergebnis hebt die Autorin verschiedene Hindernisse und Barrieren hervor, die sie als Folge von Planwirtschaft und großen interregionalen Disparitäten interpretiert (schwache Innovationsfähigkeit der Unternehmen, unvollständige Kapitalmärkte, Wettbewerbsverzerrungen, Humankapitalmangel, fehlende Interaktionen und Innovationsanreize). Vor diesem Hintergrund wird in Kap. 6 das regionale Innovationssystem von Shanghai untersucht, wobei - neben grundlegenden Informationen zur administrativen, politischen und wirtschaftlichen Struktur - ein besonderer Schwerpunkt auf den Vergleich mit Peking und die Entwicklung von High-Tech- Branchen gelegt wird. Trotz der dynamischen Entwicklung, vor allem in der Halbleiter-, der Biotechnologie- und der Softwarebranche, seien regionale Akteure in Shanghai nach wie vor stark durch planwirtschaftliches Denken geprägt. Dies gehe auch auf die historisch besonders wichtige Rolle staatlicher Unternehmen in Shanghai zurück und resultiere in einem lock-in und einer Benachteiligung von Privatunternehmen (162). Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, warum Shanghai hinsichtlich verschiedener Innovationsindikatoren hinter Peking zurückliegt und sich erst in den vergangenen Jahren zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten entwickelt hat.
Den empirischen Kern der Arbeit bildet die Untersuchung der Remigrantengründer (Kap. 7). Während die Analyse vorhandener Sekundärdaten die steigende Relevanz der Remigration von Studenten und von Gründungen durch hochqualifizierte Remigranten auch und vor allem für Shanghai bestätigt, liefert die Analyse der Interviews weitere Details zur Rolle von Remigrantengründern im regionalen Innovationssystem Shanghais. Grundsätzlich können vor allem jene, die in High-Tech-Branchen gründen, einen positiven Beitrag zur Entwicklung des regionalen Innovationssystems leisten. Allerdings sind Remigrantengründer auch mit diversen Hemmnissen konfrontiert, die sich aus "unreifen Märkten" und chinatypischen Beziehungsgeflechten und -erfordernissen (guanxi) ergeben.Als für einen positiven Einfluss besonders bedeutsam hebt die Autorin analog zu ihren theoretischen Überlegungen Wissensexternalitäten in Zusammenhang mit der Ausbildung von Mitarbeitern und mit der Einbindung in regionale, weniger nationale Netzwerke hervor. Des Weiteren sei der kontinuierliche Zugang zu regionsexternen innovationsrelevanten Ressourcen über internationale Netzwerke besonders wichtig, da er die Gefahr eines lock-in verringert. Interessant ist außerdem, dass Remigrantengründer weniger technisches als vielmehr organisatorisches Wissen und soft skills weitergeben, ein Aspekt, der für eine konzeptionelle Weiterentwicklung des Zusammenhangs von Remigration und Wirtschaftsentwicklung besonders wichtig sein dürfte. Den Abschluss der Arbeit bilden ein Fazit, das neben einer Diskussion der Ergebnisse auch Politikempfehlungen für die Innovations-, die Gründungs- und die Remigrationspolitik enthält, sowie das Literaturverzeichnis und ein Anhang.
Insgesamt handelt es sich um eine sehr interessante, gut strukturierte und kenntnisreiche Arbeit zu einem wichtigen neuen Wanderungstrend. Mit der wirtschaftsgeographischen Fokussierung auf die regionalökonomischen Wirkungen der Remigration Hochqualifizierter, hier vor allem auf die Entwicklung des regionalen Innovationssystems in Shanghai, betritt die Autorin weitgehend Neuland. Ihre detaillierten Analysen und Aussagen sind daher nicht nur für China- und Migrationsforscher von Interesse, sondern sie stellen auch einen wertvollen Beitrag zur regionalökonomischen Forschung in Schwellen- und Transformationsländern dar. Konzeptionell schränken manche Schwerpunktsetzungen, beispielsweise auf bestimmte Branchen und auf Gründer, sowie der Verzicht auf eine systematische Erfassung möglicher Hindernisse und Probleme die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse zwar ein. Auch bedürfen manche Thesen und Details, zum Beispiel zur Weitergabe von implizitem Wissen und der Rolle unterschiedlicher Kontexte, der Konkretisierung und Weiterentwicklung. Doch gebührt dieser Arbeit das Verdienst, die (Rück-)Wanderung Hochqualifizierter als wichtigen Faktor für die Regionalentwicklung hervorzuheben und systematisch zu erfassen. Sie liefert damit wichtige Anknüpfungspunkte für weitere Studien in asiatischen, aber auch anderen Transformationskontexten wie etwa in Osteuropa.
Britta Klagge

 

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 53 (2009) Heft 1/2, S. 125-126

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