Reinhard Johler, Ansgar Thiel, Josef Schmid u. Rainer Treptow (Hg.): Europa und seine Fremden. Die  Gestaltung kultureller Vielfalt als Herausforderung. Bielefeld 2007 217 S.

Die hier versammelten zwölf Aufsätze behandeln die Thematik der Integration bzw. Desintegration von Fremden in Europa. Während die vier Aufsätze im ersten Kapitel eine gesamteuropäische Perspektive diskutieren, liegt der Schwerpunkt der empirischen acht Beiträge im zweiten und dritten Kapitel zumeist auf den Bedingungen der Sozialisation, Erziehung und Ausbildung von Immigranten im vereinigten Deutschland. Gleichwohl ist auch diesen Autoren die europäische Perspektive selbstverständlich, das zeigt sich in der theoretischen Grundlegung und auch im methodischen Vorgehen, etwa im Sinne des innereuropäischen Vergleichs.

Das Vorherrschen einer gesamteuropäischen Perspektive in allen Beiträgen ergibt sich nicht zuletzt aus der Zielsetzung mehrerer, vor allem an erziehungswissenschaftlichen Instituten angesiedelter Forschungsprojekte, aus denen die als Fallstudien anzusehenden empirischen Aufsätze zumeist hervorgegangen sind.
Erhellende Einblicke in das brisante Themenfeld bieten vor allem die empirischen Aufsätze. So beziehen sich die unter dem Rubrum »Migration und ihre Folgen« versammelten vier Aufsätze des zweiten Teils zum einen auf grundsätzliche Debatten europäischer Intellektueller über die Integrations- und Migrationspolitik, wobei S.K. Amos die Ermordung Pim Fortuyns und Theo van Goghs 2004 in den Niederlanden zum  Ausgangspunkt ihrer Analyse wählt. Zum anderen werden von K. Schittenhelm Bildungs- und  Berufsbiographien von Akademikerinnen mit Migrationshintergrund, des Weiteren von S. Fürstenau und H. Niedrig Unterschiede in den Sozialisationserfahrungen von Jugendlichen aus Portugal und Afrika
in Deutschland und schließlich von R. Römhild ethnografi sche Einsichten in die prekären Lebensbedingungen an den Rändern Europas am Beispiel Belgrads, Athens und Antalyas vermittelt. Der dritte Teil steht unter dem Rubrum »Integration und ihre Gestaltung«, in dem sich zunächst S. Mannitz mit schulischen Integrationserfahrungen von Heranwachsenden der zweiten und dritten Generation aus sog. Migrantenfamilien, insbesondere in  Berlin-Neukölln, befasst und dabei auch auf »Defi zite der  Integrationsforschung« (156f) aufmerksam macht. Es schließt sich ein Beitrag von I. Gogolin über das Ausmaß sprachlich-kultureller Vielfalt in deutschen im Vergleich zu englischen Grundschulen an, worin Ergebnisse aus dem bundesweit angelegten Forschungsprogramm FÖRMIG präsentiert werden. Es folgt ein Bericht von O. Zitzelsberger und P.L. Pallares über Erfahrungen somalischer, kurdischer und russischer Migrantinnen mit Selbstorganisationen im Großraum Darmstadt. Abschließend wird von K. Seiberth und A. Thiel die weit verbreitete positive Einschätzung der Integrationsleistung  von Sportvereinen mit den ernüchternden Ergebnissen sportsoziologischer Forschung konfrontiert. Jeder Beitrag schließt mit einer Liste, die auf einschlägige Literatur und informative Internetseiten aufmerksam macht.
Die ersten vier Aufsätze sind zwar konzeptionell unterschiedlich angelegt und verfolgen verschiedene Zielsetzungen, ihnen gemeinsam ist aber das Anliegen einer systematischen Durchdringung des Themenfeldes, um tragfähige Interpretationsangebote und Analysekonzepte anzubieten. Mit dem von den Hg. verfassten ersten Aufsatz wollen sie einen »Überblick über die wissenschaftliche und öffentliche Auseinandersetzung mit den Begriffen Fremdheit‹, ›Migration‹, ›Integration‹ und ›kulturelle Vielfalt‹« (8, vgl. auch 14) bieten. Dabei verkennen sie erstens die komplexen, mitunter martialischen  Entstehungsbedingungen der im Hochmittelalter und insbesondere in der Frühneuzeit entstehenden Vorstellungen von Europa, zu denen die Kreuzzüge und die Kriege mit dem Osmanischen Reich gehören. Der schüttere Hinweis auf »Wanderungsbewegungen« als einer der entscheidenden Faktoren der »Geschichte Europas« ist daher als nicht hinreichend zu beurteilen, weil er unterkomplex angelegt ist. Darüber hinaus verkennen sie zweitens die gesteigerte Hegemonie nationalistisch geprägter Einheitsvorstellungen im 19. Jh., deren exkludierende Bedeutung der Vorstellung vom ›Fremden‹ zugrunde liegt. Sie brachte G. Simmel in seiner Soziologie 1908 erstmals prominent am Beispiel von Juden phänomenologisch auf den Begriff. Die Virulenz dieser nationalistischen Semantik, die mit den Prinzipien des Grundgesetzes in Widerspruch steht, zeigt sich nicht zuletzt an ihrer schnellen Aktivierbarkeit gegenüber Migranten in Phasen erhöhter sozialer Ungleichheit wie etwa in der Gegenwart. Von dieser politischen Semantik ist auch latent ein insbesondere in Deutschland und Österreich vorherrschender substanzieller Kulturbegriff geprägt, gegen den die Autoren das Motto ›kulturelle Vielfalt‹ in Stellung bringen. Hierbei  beziehen sie sich auf Philosophen wie J. Rifkin und Ökonomen wie R. Florida, die in ihrer globalen Betrachtung kurzerhand die unterstellte kulturelle Vielfalt Europas als politisch vorbildlich und als ökonomischen Standortvorteil interpretieren. Eine ähnlich wohlmeinende, aber von gesellschaftskritischer Analyse weit entfernte und daher als reichlich naiv zu bezeichnende Perspektive nimmt der Politikwissenschaftler E. Grande in seinem Beitrag ein. Darin spürt er den abendländischen Ursprüngen der Idee des Kosmopolitismus nach und verknüpft sie unumwunden mit gegenwärtigen Erfahrungen der Differenz und soziokultureller Heterogenität. Es verwundert daher nicht, dass er in der Aktivierung des abendländischen Kosmopolitismus den »Schlüssel zur Integration Europas« (38) gefunden zu haben glaubt. – Geradezu als kritischer Kommentar zu diesen Ausführungen kann der Beitrag von K.S. Amos gelesen werden (v.a. 75-79).
Demgegenüber wird in den anderen beiden konzeptionell angelegten Aufsätzen methodisch gewissenhafter und sorgfältiger argumentiert. Der Sozialanthropologe M. Sökefeld analysiert diskurstheoretisch im Alltag und in der Wissenschaft dominante Vorstellungen von Kultur, Migranten und Islam hinsichtlich ihrer inkludierenden und exkludierenden Bedeutungen, um sie mit dem anhand afrikanischer Kulturen entwickelten kulturanthropologischen Konzept der Hybridität zu konfrontieren. Dieses seiner Ansicht nach den europäischen Verhältnissen in der Gegenwart angemessenere Konzept habe jedoch bis heute keine  nennenswerte Resonanz in dem »allgemein-gesellschaftlichen und politischen Diskurs« (49) erfahren. Der Erziehungswissenschaftler L. Liegle erläutert in Orientierung an J. Piaget und W. Klafki die Kommunikations- und Handlungsspielräume erweiternden Potenziale des pädagogischen Prinzips ›interkulturellen Lernens‹, um den Dialog zwischen den Kulturen voranzubringen und die Chancen für den Weltfrieden zu erhöhen.
Insgesamt gesehen hinterlässt der Sammelband – insbesondere betrifft das die beiden ersten konzeptionellen Aufsätze – einen ambivalenten Eindruck. Während die Hg. im Vorwort und einleitenden Aufsatz immerhin das Janusgesicht Europas im Verhältnis zu »seinen Fremden« betonen (7, 20), neigen sie in ihren Ausführungen im Weltmaßstab ansonsten zu einer deutlich positiven Einschätzung der Integrationsfähigkeit Europas, womit sie prima facie das gegenwärtige Selbstverständnis der politischen Klasse der Europäischen Union zu teilen scheinen. Die wenigen gesellschafts- und wissenschaftskritischen Betrachtungen verbleiben zumeist an der Oberfläche von Phänomenen der Migrationspolitik und des alltäglichen Umgangs mit Migranten, während kritische Gesellschaftsanalysen in der Regel nicht einbezogen werden.
Frank Konersmann

 

Quelle: Das Argument, 51. Jahrgang, 2009, S. 350-351

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