Emil M. SloterdijkCioran: Über Frankreich. Berlin 2010.
Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten. Bemerkungen zu den deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Frankfurt a.M. 2008.

"[Frankreich] ... ein mit seinem Raum glückliches Land mit scharf umrissener geographischer Persönlichkeit, sogar auf der Ebene der Natur wohlgelungen." (Cioran 2010, S. 19). Vergessen wir für einen Moment, was uns die Neue Kulturgeographie nach ihren vielfältigen turns beigebracht hat und geniessen die semantische Finesse dieses Satzes. Genau so hätte einmal eine packende Länderkunde - ein geographisches (Be-) Schreiben - beginnen können. Emil M. Cioran, der rumänische Aphoristiker und Skeptiker, schreibt jedoch keine Länderkunde, sondern eher eine Mentalitätskunde Frankreichs, eine Völkerpsychologie, die er als Geschichte des Niedergangs erzählt.

Das Paradox, das Cioran in seinen Aphorismen festhält, ist, dass Frankreich seiner Zeit voraus - und gerade deshalb dem graduellen Verfall hingegeben sei. In seinen eigenen Worten: "Die Franzosen haben sich durch ein Übermass an Sein verbraucht" (S. 54). 1 Frankreich hat sich überlebt - in einem zweifachen Sinne: verausgabt durch die Intensität seiner Geschichte, es hat bereits alles erlebt - Mittelalter, Renaissance, Revolution, Imperialismus, grande nation - aber dabei auch "allzusehr gelebt" (S. 37), seinen Zenit überschritten: "Das Phänomen der Dekadenz ist die endgültige Schlussfolgerung der geschichtlichen Reife. [...] Frankreich büsst für die Jahrhunderte des Aufruhrs durch Erstarrung." (S. 91). Diese Erstarrung zeigt sich in Frankreich's "Gottheit ...: [dem] Geschmack" (s. 13), dem Hang zu Distanz, Etikette, Diskretion, Geschmack - höfische Verfeinerung, als Rezept gegen das Irrationale, das Emotionale, die Leidenschaften oder den Drang zum mystischen Spekulieren und Tragischen, wie es dem Deutschen und Slawischen innewohne. Ein Volk der Immanenz: "In der Dekadenz trennt sich ein Volk von sich selbst" (S. 75). Es ist eine alexandrinische Epoche. Das Ende Frankreichs.
Cioran schrieb Über Frankreich noch in seiner rumänischen Muttersprache, aber bereits im von deutschen Truppen besetzten Paris des Jahres 1941: "Das Missgeschick Frankreichs ist, dass sein Niedergang offensichtlich geworden ist in einer Zeit, in der alle Welt in der Geschichte bewandert ist" (S. 57). Frankreich war seiner Zeit voraus gerade dann, als die anderen Nationen ihre Lebenskraft entdeckten - insbesondere die Deutschen: "Dieses Volk brachte zuviel Leben mit sich, das mit [seiner] bedeutungslosen politischen Wirklichkeit nicht übereinstimmte" (S. 72). Demgegenüber Frankreich: "Die Franzosen können für nichts mehr sterben ... Der Held ist nicht mehr vorstellbar - denn niemand ist mehr unbesonnen und tief" (S. 36). Cioran scheint hier eine vitalistische Grundannahme zu vertreten: "Leben ist ein einfaches Mittel, um zu tun. In der Dekadenz wird es zum Zweck. Einfach nur leben, dies ist das Geheimnis des Ruins" (S. 37). Frankreich war bereits in der postheroischen Epoche angekommen, als seine Nachbarn noch dabei waren, ihre Lebenskraft, ihren Heroismus, ihre Geschichte zu entdecken.
Cioran schreibt auch: "Nur in der banlieue gibt es noch Leben" (S. 73). Eigentlich ein erstaunlicher Satz, aus heutiger Sicht. Normalerweise wird mit banlieue Krieg, Aufstand, Untergang assoziiert. Vielleicht ist auch das Leben der vitalistische Ausdruck der gesellschaftlichen Verlierer? Die grande nation hat stets ihre ganz eigene Beziehung zu ihren banlieues gehabt, insbesondere im Fussball, stammen doch viele der französischen Fussballstars aus der banlieue. Das Quäntchen Anerkennung, dass das "zivilisierte" Frankreich seinen Jungs aus der banlieue alias Fussballstars anheim kommen lässt, evaporiert jedoch bei der ersten Gelegenheit. Nach der erbärmlichen Leistung der französischen Nationalmannschaft bei jüngsten Fussballweltmeisterschaft gipfelte die Untergangsstimmung der grande (Fussball-) nation in der Äusserung des Philosophen Alain Finckielkraut, der die Ungezogenheit und Revolte der französischen Nationalspieler, die sich gegen die Abstrafung eines ihrer Kollegen durch Nationaltrainer Raymond Domenech aufgelehnt hatten, als Sieg der Unkultur der Vorstädte über die städtische Zivilisation Frankreichs markierte.2 Hier liessen sich andere Geographien der Dekadenz ergänzen: Als Zinédine Zidane im Finale der WM 2006 seinen Kopf in die Brust des italienischen Gegenspielers Materazzi rammte, löste dies einen zwiespältigen Gefühlscocktail aus. Einerseits wurde er zum Anti-Helden der Medien, zum Anti-Beispiel für die Jugend erklärt. Und dennoch wurde Zidane auch zum Helden eines reaktiven Stolzes. Zidanes Zornesausbruch faszinierte, so interpretiert es Hans Ulrich Gumbrecht,3 denn diese Geste zeigte grosse Unabhängigkeit: die Ehre seiner Familie und sein eigener Stolz waren ihm wichtiger als sportlicher Sieg und finanzieller Gewinn. "War auf der anderen Seite Zidanes Opfer Materazzi, der sich um die Aufmerksamkeit des Schiedsrichters buhlend auf dem Rasen wälzte und eine halbe Stunde später Weltmeister wurde, ein Emblem des neuen ... Europas?" fragt Gumbrecht. Oder man könnte hinzufügen: Wo ist Niedergang und wo ist Zivilisation; wo ist Lebenskraft?
Der Untergang des Abendlandes4 steht - vielleicht - doch noch nicht bevor. Ist die Schwermut, die sich manchmal wie Blei über die (sogenannten) postheroischen Gesellschaften des müden, überalterten, reformunwilligen (alten) Europa zu legen scheint, ein Zeichen von Blutarmut, fehlender Lebenskraft? "Sollten wir nicht im Gegenteil unsere Dekadenz (wenn es eine ist) offensiv verteidigen?", fragt Uwe Simpson. 5 Spengler ist out! Bei genauem Hinsehen schreibt Cioran eben nicht nur eine vitalistische Völkerpsychologie des Niedergangs, des alexandrinischen Moments. Vielmehr dekonstruiert Cioran den Kampfbegriff der Dekadenz gleich selbst und fragt: "Wo ist mehr Kultur: in einem mystischen Schluchzen oder in einer ‚Pointe'. [...] Mit Stil oberflächlich ist schwerer, als tief zu sein" (S. 11, 33). Was ist besser: barbarischer Heroismus oder Zivilität? "Was unserem Lebensgeflacker nottut, ist ein kategoriales Korrektiv. Das entfesselte Pathos ohne normative Zügel führt zur Ausrenkung des Geistes, zu einer fessellosen Gotik, die ihren Stil durch Elan aufhebt" (S. 89). Offensichtlich misstraut der Skeptiker Cioran dem transzendentalen Ausleben der Lebenskraft, dem "Ausserordentlichkeitsbedarf", wie es Odo Marquart nennt.6 Das Gegengift der Dekadenz ist die Skepsis und der Zweifel: "Die Begrenztheiten Frankreichs sind ein Gegengift gegen das falsche Ich, sind ein Damm des Klassizismus gegen die Hinneigung zum Verfügbaren und Unbestimmten [denn] auf der Dämmerstufe einer Zivilisation ersetzt der Zweifel die Ekstase" (S. 87, 54). Cioran schlussfolgert: "Wenn Frankreich noch einen Sinn hat, so denjenigen, den Skeptizismus ... zur Geltung zu bringen" (S. 47). Und damit, so Cioran, wird Frankreich anderen, aufstrebenden Nationen als Vorbild, "ihren Begeisterungen als Mahnung dienen" (S. 48).
Peter Sloterdijk, einer der wenigen deutschen Intellektuellen, die sich für Frankreich interessieren und dort auch rezipiert werden,7 sieht dies anders. In Theorie der Nachkriegszeit vergleicht Sloterdijk den Umgang mit der militärischen Niederlage von Frankreich und Deutschland - und findet wenig Bewundernswertes an der gaullistischen Umdeutung der militärischen Niederlage von 1940 zum trügerischen Sieg, der eher kampflos errungen wurde. Gaullisten und Linke, so Sloterdijk, teilen diese Lebenslüge, denn auch die Linke habe den Anspruch formuliert, sie habe an Stalins Seite mit der Roten Armee den Krieg gewonnen. Nur Sieger also, kein Raum für das, was Sloterdijk "Metanoia" nennt, die Reinigung nach der Niederlage. Den Deutschen unterstellt er hingegen ein "Syndrom anmassender Schwäche", doch immerhin Anzeichen von Metanoia in den Debatten zur Vergangenheitsbewältigung. Für Sloterdijk führen diese unterschiedlichen Bewältigungsstrategien zu einer benignen Entfremdung, zu einer "entfaszinierten Nachbarschaft" zwischen den beiden Ländern. Auch Sloterdijk entwirft hier eine vergleichende Völkerpsychologie, verpackt im Gewand einer "poststressorischen Kulturtheorie", die er bei Heiner Mühlmann entdeckt hat, doch scheint mir, dass er sich dabei in den Figuren von Immanenz, der Unmöglichkeit zur "Tiefe," verfängt, die Cioran so schön dekonstruiert hatte.
Der Andere widerspiegelt immer auch das Bewusstsein vom Eigenen, schreibt Martin Meyer in seiner Rezension zu Über Frankreich; 8 gewissermassen können wir dies in Sloterdijks These erkennen. Das Andere und Eigene können wir auf Frankreich und Deutschland beziehen, aber auch auf Länderkunde und Neue Kulturgeographie. Sicher, das vitalistische Grundprogramm, das aus Cioran's Skizze Über Frankreich durchschimmert, erinnert uns zu sehr an Friedrich Ratzel und andere Naturdeterministen oder an "alte" Kulturgeographen à la Sauer, die Mentalitätsgeographien eines Volkes aus Natur oder Geschichte abgeleitet haben. Doch Cioran ist zugleich ein früher Dekonstruktivist - Cioran ist eben nicht Spengler! Fast schon subversiv unterminiert er das Lamentieren über den Untergang des Abendlandes, das ja nicht auf Spengler's Zeit begrenzt ist. Und schliesslich: hätten geographische Länderkunden-Schreiber jemals solch schöne Aphorismen formuliert, wie Cioran sie schreibt, es wäre der Neuen Kulturgeographie, aber auch den Helden der Kieler Wende, sicher schwerer gefallen, eine solche Länderkunde als ihr (konstitutives) Anderes zu definieren.



1   Alle Hervorhebungen in den Zitaten sind aus dem Original.
2   Vgl. J. Ritte 2010: Black-Blanc-Out: Frankreich im Schockzustand. - In: Neue Zürcher Zeitung, 25. Juni, S. 57.
3   Vgl. Hans Ulrich Gumbrecht 2007: Stolz: Grenzen des Zumutbaren. - In: Merkur 700, S. 681-690.
4   Oswald Spengler 1923: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. München.
5   Vgl. Uwe Simpson 2007: Spengler? - In: Merkur 700, S. 738.
6   Odo Marquart :2000: Philosophie des Stattdessen. Stuttgart.
7   Vgl. Jürg Altwegg 2008: Peter Sloterdijk: Jubiläum 2012? Kein Thema!. - In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Oktober.
8   Vgl. Martin Meyer 2010: Frankreich, die Grösse und die Dekadenz. Ein früher Essay von E.M. Cioran. - In: Neue Zürcher Zeitung, 11. Mai, S. 49.


Benedikt Korf


Zitierweise:
Benedikt Korf 2010: Rezension zu: Emil M. Cioran 2010: Über Frankreich. Berlin. Peter Sloterdijk 2008: Theorie der Nachkriegszeiten. Bemerkungen zu den deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Frankfurt a.M. In: www.raumnachrichten.de/ressource/buecher/1181-sloterdijk

Kommentar schreiben