Stefan Gärtner: Ausgewogene Strukturpolitik: Sparkassen aus regionalökonomischer Perspektive. Münster. 2008 (Beiträge zur Europäischen Stadt- und Regionalforschung, Band 5). 352 S.

Die Versorgung von Unternehmen, Haushalten und öffentlicher Hand mit Liquidität stellt einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis regional differenzierter wirtschaftlicher Entwicklung dar. Diese keinesfalls neue Beobachtung (wird sie doch bereits in Myrdals Polarisationstheorie oder frühen Arbeiten zum ‚Dritten Italien' berücksichtigt) ist an Aktualität kaum zu überbieten. So häufig jedoch derzeit das Argument vorgetragen wird, dass funktionierende Finanzmärkte unverzichtbare Voraussetzung für effiziente Kapitalallokation seien, so selten wurden Banken- und Kapitalmarktsysteme bislang im Hinblick auf ihre Wechselwirkungen mit Raumstrukturen untersucht.

Angesichts dessen ist es das verdienstvolle Anliegen von Stefan Gärtner, den Einfluss von Finanzintermediären und regional verfügbaren Kreditmitteln auf regionale Entwicklungspfade aufzuzeigen und im Kontext des strukturpolitischen Trends zur Orientierung an regional wettbewerbsfähigen Kompetenzen zu reflektieren. Dabei macht er überzeugend deutlich, dass die dezentrale Organisationsstruktur der Sparkassen in besonderer Weise dazu geeignet ist, sowohl an der Entwicklung von Wachstumspotenzialen mitzuwirken als gleichermaßen auch strukturpolitische Ausgleichsziele zu unterstützen.
Die Diskussion der Frage, wie sich das Spannungsfeld zwischen einer stärker auf Wachstum und die Stärkung vorhandener Kompetenzfelder orientierten Strukturpolitik mit der Stabilisierung von schwachen Regionen als traditionellem Ziel räumlicher Planung vereinen lässt, bildet den grundlegenden Rahmen dieser klar strukturierten, als Diss. an der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität Dortmund vorgelegten Arbeit. Hierzu erarbeitet der Autor vor dem Hintergrund der Leitlinien der Regionalpolitik in Deutschland und der EU sowie einer Auseinandersetzung mit den klassischen Konzepten der Regionalökonomie und ausgewählten jüngeren Begründungen raumwirtschaftspolitischer Intervention das Angebot eines hybriden strukturpolitischen Konzepts. Im Kern folgt dieser Ansatz einem Leitbild, "das stärker ausdifferenzierte Raumfunktionen zulässt und in Teilräumen auch eine deutliche Schrumpfung akzeptiert" (292), dabei jedoch gleichzeitig Möglichkeiten aufzeigt, wie sich geballte Krisenkreisläufe in benachteiligten Räumen über Einkommenstransfers und Sicherstellung unerlässlicher Infrastruktur verhindern lassen.
Inwiefern Sparkassen die Rolle eines zentralen Akteurs zu Umsetzung einer solchen ausgewogenen Strukturpolitik zukommen kann, wird in der Arbeit zunächst theoretisch, in der Argumentation stets sehr gut nachvollziehbar, durch die Verbindung von raum- mit bankenwirtschaftlichen Ansätzen erläutert. Als Anstalten des öffentlichen Rechts können Sparkassen die als Einlagen eingenommenen Gelder nur in der eigenen Region als Kredite verwenden (Regionalprinzip) und wirken damit dem Kapitalabfluss in prosperierende Regionen entgegen. In diesem Zusammenhang - dies ist einer der wenigen Kritikpunkte des Rezensenten - hätte eine stärker nach unterschiedlichen Finanzierungsformen (Kredit- vs. Beteiligungsfinanzierungen) differenzierte Betrachtung die Arbeit nochmals aufwerten können. Zwar finden sich einzelne Hinweise auf die zumindest bis zuletzt zunehmende Bedeutung von Kapitalmarktfinanzierungen und Eigenkapitalerhöhungen; bedauerlicherweise wird dieser ja auch im Hinblick auf die Mitgestaltung von Kompetenzfeldern sehr relevante Aspekt (Stichwort smart money) aber zunächst zu sehr in den Hintergrund gedrängt und in der quantitativen Untersuchung, sicherlich auch aufgrund der schwierigen Datenlage, gänzlich ausgespart.
Gleichwohl geben die auf Grundlage der beeindruckenden empirischen Basis vorgenommenen Analysen äußerst beachtenswerte Einblicke in den Zusammenhang zwischen dem Wohlstand einzelner Regionen und dem Geschäftserfolg der dort ansässigen Banken. Wie sieht das Engagement der Sparkassen vor Ort konkret aus? Vergeben sie in schwachen ländlichen Räumen genügend Kredite? Wie können sie eine auf Wachstum und Ausgleich setzende Politik unterstützen? Die das gesamte Bundesgebiet einschließenden statistischen Auswertungen und vier anregend aufbereitete Regionalbeispiele zeigen auf, dass Sparkassen im vergangenen Jahrzehnt eine bessere Ertragssituation als ihre privatwirtschaftlichen Mitbewerber aufwiesen, sie auch in schwächeren Regionen äußerst erfolgreich sein können und sie somit in der Tat den Entwicklungsdefiziten dieser Räume entgegenwirken können. Begründet werden diese Ergebnisse vornehmlich mit größerer Kenntnis der regionalen Wirtschaftsstruktur, reduzierten Informationsasymmetrien oder geringerer Wettbewerbsintensität dank des Rückzugs der Geschäftsbanken aus strukturschwachen, peripheren Gebieten.
Ausgehend von den gewonnenen Erkenntnissen zielt der letzte Teil der Arbeit auf die konkrete Ausgestaltung einer ausgewogenen Strukturpolitik ab. Dazu wird in drei unterschiedlichen strukturpolitischen Szenarien (Status-quo vs. Wachstum vs. Hybrid) erörtert, welche Regionen bzw. Kreistypen mit weiteren Benachteiligungen zu rechnen haben, hierzu können auch Städte und Agglomerationen zählen, und mit welchen (neuen) Instrumenten wie beispielsweise Micro-Lending, LETS oder eben Risikokapitalfinanzierung Sparkassen zu deren Überwindung beitragen können. Dabei sind die aufgezeigten Wege und abgeleiteten Empfehlungen gewiss nicht nur aus strukturpolitischplanerischer Sicht, sondern auch für die Sparkassen- Finanzgruppe sehr aufschlussreich.
Insgesamt leistet die vorliegende Arbeit zweifelsohne einen fundamentalen Beitrag zum besseren Verständnis der Funktionsweise und Praktiken von Finanzintermediären im Kontext regionaler Entwicklungsprozesse. Die reichhaltig, sehr sinnvoll illustrierte Arbeit ist sowohl für Wissenschaftler als auch für Praktiker uneingeschränkt lesenswert und kann auch zum Einsatz in der Lehre empfohlen werden. Mit ihren zahlreichen innovativen Anregungen liefert sie ferner einem Adressatenkreis, der weit über die Sparkassen hinausgeht, wertvolle Hinweise darauf, wie Wege des Wachstums bzw. des Profitstrebens sowie des Ausgleichs (gesamtgesellschaftlichen Mehrwerts) gemeinsam beschritten werden können.
Hans-Martin Zademach

 

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 53 (2009) Heft 1/2, S. 126-128

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