Martina Löw: Soziologie der Städte. Frankfurt/M 2008. 292 S.

Welchen Sinn hat es, die niederösterreichische Stadt Scheibbs (4 331 Einwohner/innen) und Mexiko-Stadt (ca. 25 Mio Einwohner/innen) mit demselben Begriff ›Stadt‹ zu beschreiben? Obwohl mit ›Stadt‹ sehr verschiedene Gebilde gemeint sein können, hält Löw an einer Soziologie der Städte fest. Ihr Clou ist der Plural. Städte sind unterschiedlich und ihre Wahrnehmung wird durch ihre Differenzen beeinflusst. Ohne ›Stadtgemeinden‹ wie Scheibbs wäre Mexiko-Stadt vielleicht statt Megacity einfach nur Großstadt.


Für eine pluralisierte Beobachtung müsse die Stadt zunächst aus einer Reihe von Gegensätzen gelöst werden, in die die Soziologie sie eingeschrieben habe: die (moderne) Stadt als Gegenmodell zum (traditionellen) Land, die Stadt als das (tendenziell widerständige) Lokale gegenüber dem Globalen, die Stadt als pars pro toto, nämlich als Laboratorium der national formierten Gesellschaft. Löw leistet also zunächst eine fundierte Bestandsaufnahme des Stadtbegriffs der Stadtforschung. Anschließend schildert sie Städte als »sich wandelnde kulturelle Formationen« (126), die vor allem auch körperlich erfahrbar sind. Auch deshalb geht es um Städte im Plural, München ›fühlt‹ sich anders an als Berlin. Städte ›besitzen‹ eine »Eigenlogik«, die auf »regelgeleiteten, routinisierten und über symbolische wie auch materielle Ressourcen stabilisierten Handlungsformen« beruhe (235).
Umso merkwürdiger dann, dass der empirische Teil ihres Buches mit einer grundsätzlichen Einschränkung beginnt. Sie kündigt eine Untersuchung von »Stadtbildern« an, versteht darunter aber bloß gebaute und graphische Bilder. Sie plädiert dafür, »mentale Konstruktionen nicht als Stadtbild zu bezeichnen« (146). Das mag wegen der besseren Operationalisierbarkeit forschungsstrategisch sinnvoll sein, lässt die empirische Analyse aber weit hinter die theoretischen Ausführungen zurückfallen. Löw vergleicht die »Stadtbilder« von München und Berlin anhand der offiziellen Werbekampagnen und je eines (!) Zeitungsartikels. Sie beschreibt plastisch, wie die Städte gesehen werden sollen und wie das offizielle Selbstbild einer Stadt immer auch in Abgrenzung zu anderen Städten entsteht. »Alltagsroutinen« (232), die für Löw bei der Definition der städtischen Eigenlogik noch zentral waren, werden in dieser Analyse von Repräsentationsformen aber komplett ausgeklammert. Hier geht es nur um Darstellungsweisen.


Diese Reduktion von »Stadtbildern« auf Repräsentationsformen verbannt jene verkörperten Praxen aus dem analytischen Rahmen, die im theoretischen Teil noch als wichtig galten. Löw kann dann zwar beobachten, wie stark die offizielle Darstellung ein Stadtbild ›sexualisiert‹. Was dies aber im Alltag bedeutet, welche Wege Frauen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr gehen und welches Unbehagen angetrunkene Gruppen von Männern auf öffentlichen Plätzen bereiten usw., wird mit dem vorgeschlagenen Modell nicht mehr gefragt. Hinzu kommt ein zweites Problem. Zwar betont Löw, dass die Stadtwerbung im Kontext des wirtschaftlichen Wettbewerbs zwischen Städten zu sehen ist. Aber die Untersuchung von (graphischen und gebauten) Stadtbildern allein wird kaum ausreichen, die Akteure zu benennen, die an der »Textur von Städten« (112) schreiben. Zwar haben Bilder tatsächlich nicht nur die Funktion abzubilden, sondern sie greifen darüber hinaus in die Herstellung des Abgebildeten ein. Aber dies geschieht wiederum nicht nur durch Bilder, sondern auch durch andere Praktiken. Anders gesagt: Wenn die »Sinnstrukturiertheit« von Städten auf »in materiellen wie autoritativen Ressourcen abgesichertem Handeln« (74) beruht, müssten eben nicht nur das Handeln, sondern auch die unterschiedlichen Zugänge zu diesen Ressourcen untersucht werden. Das wäre schließlich auch ein Ansatzpunkt für eine soziologisch fundierte Kritik, die nicht unbedingt die fortschreitende Homogenisierung und Ökonomisierung en gros beklagen müsste. Solchen Niedergangs- und Krisenszenarien kann Löws Betonung der kulturellen und habituellen Praxen bei der Herstellung von Städten als »Sinnprovinzen« (78) durchaus analytisch entgegenwirken, indem die Praktiken von Einzelnen analytisch Gewicht erlangen. Dennoch muss es Instrumentarien für die Unterscheidung von Praxen im Hinblick auf ihre strukturierenden Effekte geben. Die Praktiken von Stadtplanung, -politik und -verwaltung, die per Public-Private-Partnership städtische Infrastruktur verscheuern, wirken schließlich ganz anders nachhaltig als die  Vorstadtjugendlichen, deren Unruhen indirekt auch auf diesen Ausverkauf reagieren.
Jens Kastner

 

Quelle: Das Argument, 51. Jahrgang, 2009, S. 352-353

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