Helmuth Berking u. Martina Löw (Hg.): Die Eigenlogik der Städte. Neue Wege für die Stadtsoziologie. Frankfurt/M 2008. 240 S.

Der Band verspricht der Stadtsoziologie neue Wege aus einem Dilemma. Dieses bestehe darin, dass ihr Objekt, die ›Stadt‹, stets für etwas anderes – die Moderne, den Kapitalismus, die Gesellschaft überhaupt – stehe und weder konkrete Städte noch konkrete Konfigurationen des Städtischen interessierten. Statt einer Soziologie der Stadt, so die Hg., würde lediglich Soziologie in der Stadt betrieben. Dem setzen Verf. die Suche nach der »Eigenlogik der Städte« entgegen. Man müsse »die Städte selbst erforschen« (7), um die Eigenlogik des Städtischen (gegenüber dem Nicht-Städtischen, sei es das Ländliche oder das Soziale) sowie die Eigenlogik individueller Städte (gegenüber anderen Städten) zu ergründen.

Die elf Beiträge suchen auf sehr unterschiedliche Weise nach der städtischen Eigenlogik. Gemein ist einigen ein weitgehend abstraktes ›Nachdenken über die Stadt‹ ohne Bezugnahme auf die empirische Stadtforschung. So philosophiert Petra Gehring über ›Eigenlogik‹ und ihre Bedeutung für die Stadtforschung, während Franz Bockrath Bourdieus Habitus-Begriff auf Städte überträgt. Städte beeinflussen nicht nur Handeln und Habitus ihrer Bewohner, sondern verfügen selbst über einen Habitus, der als Erzeugungsprinzip von Lebensstilen wirkt. »Habitus – das drückt namentlich die Möglichkeit, Städte tatsächlich als Ganzheiten zu lesen, sehr gut aus. Städte haben gewissermaßen ihren typischen Auftritt, ein Gesicht, eine Haltung, ein Repertoire an Gesten.« (Gehring, 158) Rolf Lindner, auf den immer wieder verwiesen wird, wenn der Habitus-Begriff auf Städte angewendet wird, bleibt in seinem Aufsatz bezüglich der Tragweite des Konzepts zurückhaltender und baut ihn nicht zur Schlüsselkategorie einer theoretischen Stadtforschung auf.
Ausgerechnet der Begriff der ›Stadt‹ erfährt überraschend wenig Beachtung. Was soll das denn sein, die ›Stadt selbst‹, die erforscht werden soll? Es handelt sich mindestens um eine Abstraktion, wenn nicht sogar um ein ideologisches Konzept, wie sowohl Manuel Castells also auch Peter Saunders vor langer Zeit schrieben. Die soziale Relevanz der ›Stadt‹ müsste konkret betrachtet werden, bleibt jedoch unbestimmt. Verbunden mit dem Anspruch, die Stadt ›als Ganzes‹ in den Blick zu nehmen, wird dies problematisch. Lediglich in den Beiträgen von Jürgen Hasse, dem einzigen Geographen im Band, und von Gerd Held wird der Begriff diskutiert, ohne dass ihre Resultate Eingang in die übrigen Texte des Bandes finden würden. Die Beiträge von Marianne Rodenstein und Ulf Matthiesen nehmen immerhin empirisch Bezug auf die Stadt, allerdings nicht »als Ganze«, sondern als Ort des Handelns komplexer Akteursnetze. Rodenstein vergleicht urban regimes, lokale Machtkonstellationen und –koalitionen, deren historische Entwicklung Unterschiede in der politischen Kultur von Hamburg und Frankfurt begründete. Matthiesen, wenngleich er den problematischen Begriff des »Wissenshabitus einer Stadt« (127) verwendet, betrachtet die historische Entwicklung von »Wissenslandschaften« in Berlin und Jena. Auch hier geht es nicht um Städte als Ganze, sondern um Wissensdiskurse und Praktiken, die mit spezifischen sozialen Positionen verbunden sind.
Zahlreiche Texte des Bandes betreiben eine Öffnung der Stadtsoziologie – etwa in Richtung postkolonialer Kritik im Beitrag von Cedric Janowicz. Die Anliegen einer stärkeren theoretischen Fundierung der häufig empiristischen Stadtsoziologie, einer Kritik an der Kleinraumorientierung von Forschung sowie der Einbeziehung aktueller Debatten um die affektive Wende sind sicherlich berechtigt. Der Versuch, dies durch den Fokus auf Eigenlogik und Habitus zu bewerkstelligen, kann jedoch nicht überzeugen. Die Fallstricke des Anthropomorphismus und der Konstruktion der Stadt als handelndes Subjekt, die von den meisten Verf. durchaus gesehen werden, sind kaum zu umgehen, während die Vorteile mit empirischen Städteanalysen auch zu haben wären. Die Rede von der städtischen Eigenlogik tendiert dazu, Konflikte und Widersprüche zwischen Akteuren zugunsten der abstrakten Kategorie ›Stadt‹ zu homogenisieren. So verdrängt die Eigenlogik der Stadt die Differenzierungen des Städtischen (wie ein 2002 von Martina Löw herausgegebener Band hieß) und wird den Komplexitäten städtischer Realitäten nicht gerecht. Da z.B. der Habitus als gesamtstädtisch (und so als hegemonial) konzeptionalisiert wird, können Fragen von Klasse, Geschlecht oder Ethnizität kaum gedacht werden – dies, obwohl städtische Räume für unterschiedliche Nutzer/innen verschiedene Bedeutungen besitzen, wie sowohl die feministische Stadtforschung und -planung als auch Löw in ihrer Raumsoziologie von 2001 betonen.


Solch eine Stadtsoziologie droht, sich ungewollt dem Paradigma der ›Landschaft‹ anzunähern, das die deutschsprachige Geographie vor ihrer sozialwissenschaftlichen Reformulierung dominierte und das die Komplexität der gesellschaftlichen Totalität für unmittelbar der Anschauung zugänglich hielt. Zudem handelt es sich vielfach um eine bemerkenswert deutsche Stadtsoziologie, die kaum an internationale Debatten anschließt, obwohl dort ähnliche Fragen gestellt werden. Vermutlich lässt sich die – vom hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur geförderte – Suche nach »Eigenart«, »Biographie« oder »Handlungsmustern« einer Stadt am Besten im Kontext der unternehmerischen ›Image‹- und ›Branding‹-Kampagnen verstehen, mittels derer heute jede mittlere Kleinstadt ihre lokale Identität als Standortvorteil im Städtewettbewerb zu konstruieren sucht.
Boris Michel

 

Quelle: Das Argument, 51. Jahrgang, 2009, S. 353-354

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