Detlef Müller-Mahn: Fellachendörfer. Sozialgeographischer Wandel im ländlichen Ägypten. Stuttgart 2001 (Erdkundliches Wissen 127). 302 S.

Geographische Studien über den ländlichen Raum im Nahen Osten versuchen bereits seit einiger Zeit die dortigen Entwicklungen aus handlungstheoretischer Perspektive zu erklären. Müller-Mahn ist dies in der hier besprochenen Arbeit bisher am überzeugendsten gelungen, indem er das Alltagshandeln der Dorfbewohner in den Mittelpunkt der Untersuchung stellt - nicht um es zu erklären, sondern um es zu verstehen.

Diese Zielsetzung wird im knappen Einleitungskapitel überzeugend dargestellt. Was hier zur theoretischen Fundierung und zur methodischen Umsetzung steht, kann als richtungsweisend angesehen werden. Dass mit einer solchen Perspektive traditionelles Arbeiten über den ländlichen Raum nicht vollends obsolet geworden ist, beweisen die beiden folgende Kapitel. Das Handeln der von Müller-Mahn betrachteten Fellachen in Ägypten ist selbstverständlich nur verstehbar, wenn der qualitativ und quantitativ messbare Handlungsrahmen in seinem historischen Gewordensein analysiert worden ist. Der Autor unternimmt dies im zweiten Kapitel auf der Makroebene (Ägypten) und im dritten Kapitel auf der Mikroebene (sieben idealtypisch ausgewählte Dörfer). Damit entsteht ein bereits sehr dichtes Geflecht von Basisinformationen als Grundlage für die folgenden Fallstudien, die vor allem mit qualitativen Methoden empirischer Sozialforschung analysiert werden. Ein so tiefes Eindringen in die Alltags- und Gedankenwelt ägyptischer Fellachen wie Müller-Mahn es uns hier präsentiert, erfordert vom Forscher ein hohes Maß an Disziplin, Zeitaufwand und Einfühlungsvermögen. Es setzt Prozesse der Vertrauensbildung voraus und ist somit nur in ganz wenigen Fällen realisierbar. Umso erfreulicher ist, dass die von Müller-Mahn präsentierten drei Dörfer doch eingewisses Maß an Repräsentanz besitzen: Mit einem Dorf angesiedelter Beduinen, einem Dorf im oberägyptischen Altsiedelland und einem zentrumsnahen Dorf im Nildelta begegnet uns eine Vielfalt von "Fellachendörfern", die sowohl untereinander als auch in den internen Strukturen grundverschieden sind. Damit entsteht ein äußerst differenziertes Bild lokalen Handelns und sozialgeographischen Wandels im ländlichen Ägypten, das mehr als bisher vermutet in globale Prozesse eingebunden ist. Die detailreiche, aber immer gut lesbare, ja stellenweise spannende Studie von Müller-Mahn sollte nicht nur für Orient-Geographen zur Pflichtlektüre werden. Sie stellt auch ein gelungenes Beispiel für die adäquate Erfassung und Darstellung sozialgeographischer Dynamik in ländlichen Entwicklungsgesellschaften dar.

Autor: Horst Kopp

Quelle: Die Erde, 134. Jahrgang, 2003, Heft 2, S. 210

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