Felicitas Hillmann: Should I stay or should I go? Polnische MigrantInnen im Fokus der geographischen Migrationsforschung

Becker, Jörg (2010): Erdbeerpflücker, Spargelstecher, Erntehelfer. Polnische Saisonarbeiter in Deutschland - temporäre Arbeitsmigration im neuen Europa. Bielefeld.

Glorius, Birgit (2007): Transnationale Perspektiven. Eine Studie zur Migration zwischen Polen und Deutschland. Bielefeld.


Polnische MigrantInnen sind für die internationale Migrationsforschung immer ein großes Thema gewesen. Wir verdanken der Existenz der Polonia (so nennt sich die polnische ‚Diaspora', d.h. die Gruppe der außerhalb der polnischen Staatsgrenzen lebenden Menschen polnischer Herkunft), auch die erste Darstellung transnationalen Lebens.

Mit ihrer Biographiensammlung "The polish peasant in Europe and America" erstellten Thomas und Znaniecki in den Zehnerjahren des letzten Jahrhunderts in den USA eine der ersten großen soziologischen Studien. Znaniecki hatte in Paris unter anderem  bei Durkheim studiert und so interessierte er sich zunächst für Fragen der sozialen Desorganisation. Das zusammen mit Thomas vorgelegte fünfbändige Werk zeichnet anhand von Briefen, Memoiren und Aufzeichnungen von Fürsorgeinstitutionen und Verwaltungsgerichten bis ins persönlichste Detail die Migrationswege von polnischen Auswanderern in die USA in den Jahren 1880 bis 1910 nach. Am Beispiel der polnischen Migranten wurde so ein Grundstein der qualitativen Sozialforschung gelegt.

Die polnische Migrationsgeschichte ist damit ein Glücksfall für die soziologische Forschung, sie wurde anhand dieser Migrationsgruppe entwickelt und geschärft. Abgesehen von den USA war Deutschland historisch immer eines derjenigen Länder, in denen die polnische Zuwanderung besonders wichtig war: seit Reichsgründung kamen Polen mit dem Umbruch vom Agrar- zum Industriestaat als Saisonarbeiter nach Deutschland (vgl. hierzu auch die Arbeiten von Herbert 2001). Gerade in Preußen traten die Differenzen zwischen den Agrargebieten und den aufsteigenden Industriestädten  stark zutage. Trotz der starken Überseeauswanderung in dieser Zeit erhöhte sich sogar die Reichsbevölkerung bis 1900 von 45 auf 56 Millionen (Bade 2004): 215f), die interne Ost-Westwanderung war deshalb seitdem von besonderer Bedeutung. Russische "Kongresspolen" wurden als saisonale Landarbeiter nach Preußen geholt, dort waren sie billiger und anspruchsloser als die einheimischen Arbeitskräfte und bei Auseinandersetzungen konnten sie als "lästige Ausländer" aus dem Reich abgeschoben werden (Bade 2004: 224f). Man bevorzugte systematisch Ausländer für die Landarbeit, weil die Arbeitgeber mit diesen leichter fertig werden konnten, diese längere Arbeitszeiten in Kauf nahmen und man ihnen geringere Löhne auszahlen konnte - so findet es sich schon festgehalten in den Abhandlungen von Max Weber. Im Sommer setzte man die Polen zur Feldarbeit ein, im Winter entstanden keine Unterhaltskosten für die Arbeiter - man brauchte nur eine kleine Zahl an Arbeitern zum Viehfüttern und Dungausfahren. Die Wanderarbeiterfrage war zugleich die Polenfrage! Auch die Zuwanderung der "Ruhrpolen" ist wesentlich für die deutsch-polnische Migrationsgeschichte. In großer Zahl wanderten Polen in die Bergbauregion ein und ermöglichten hier die Industrialisierung. Während der Nazidiktatur waren Polen dann massenhaft Opfer des Zwangsarbeitersystems.

Bis zum heutigen Tage ist Deutschland für Polen ein besonders wichtiges Zielland: laut der Zahlen des International Migration Outlook ist Deutschland nach den USA und vor Frankreich, das Land mit der größten Community an Polen. Für die sozialwissenschaftliche und politikwissenschaftliche Debatte haben in den letzten Jahren Frauke Miera und Norbert Cyrus grundlegende Werke zur Rolle der Polen in Deutschland vorgelegt und betonen die besondere Bedeutung sozialer Netzwerke und des Transnationalismus: die Transnationalismusforschung beschäftigt sich dezidiert auch mit den mobilen polnischen MigrantInnen. In der geographischen Migrationsforschung gab es eine solche Spezialisierung auf eine nationale Zuwanderungsgruppe bislang noch nicht so stark wie in anderen Disziplinen. Birgit Glorius legte 2007 mit dem Buch "Transnationale Perspektiven" schließlich eine Analyse vor, die sich auf polnische Migranten in Leipzig bezieht. Es folgte 2010  die Arbeit von Jörg Becker, die sich auf die gängige Arbeitsmarktintegration von Polen in Deutschland konzentriert und eine Fallstudie zu Saisonarbeitern auf einem Erdbeerhof in Norddeutschland präsentiert.

 

Beleuchtet wird die gleiche nationale Gruppe - die methodische Herangehensweise ist bei beiden Autoren durchaus ähnlich (ein Mix von quantitativer und qualitativer Erhebung), nur das theoretische Gerüst unterscheidet sich und - so muss man anfügen - hier wird unter anderem auch die städtisch bzw. ländlich geprägte soziale Organisation einer Nationalitätengruppe erforscht. Becker orientiert sich in der Ausarbeitung seiner theoretischen Grundlagen tendenziell an einer systemtheoretischen Perspektive, Glorius stützt ihre Argumentation auf die Erkenntnisse der Transnationalismusforschung.

Was sind die behandelten forschungsleitenden Fragestellungen, wie werden sie von den beiden Autoren methodisch umgesetzt und zu welchen Ergebnissen kommen die Studien? Wie erfolgt die Verbindung mit den zuvor präsentierten theoretischen Modellen? Zunächst sei hier das Buch von Birgit Glorius betrachtet, das sich vornimmt, "ein tieferes Verständnis transnationaler Prozesse in dem so heterogenen europäischen Migrationsraum zu entwickeln" (S.15). Ausgangspunkt der Dissertation war ein DFG-Forschungsprojekt, das untersuchte, ob reduzierte grenzüberschreitende Mobilität einer Zuwanderungsgruppe zu einer stärkeren Annäherung an den Aufnahmekontext geführt hatte als bei der Gruppe der Saisonarbeiter. Die Autorin strebt in ihrer Dissertation eine "Anwendung der transnationalen Forschungsperspektive auf polnische Migranten in Leipzig" an (S. 17). Die Transnationalismusdebatte wird ausführlich referiert, jedoch kommt der für die gesamte Migrationsdebatte in den letzten Jahren so wichtige Begriff des "methodologischen Nationalismus" nicht vor. Die Autorin verweist auf den cultural turn in der Geographie, die zu einem Einzug stärker induktiv orientierter Forschungsmethoden geführt habe. Die von Glorius unternommene Unterscheidung in unidirektionale Wanderung (Ein- bzw. Auswanderung); zirkuläre Migration und Diaspora deutet vielleicht ein wenig den ansteigenden Diffusionsgrad der Begrifflichkeiten an: unter Bezugnahme auf Pries (1997) wird das Transnationale als "multidirektionale, internationale Wanderungsformen, die hauptsächlich erwerbs- oder lebensphasenbezogen sind und häufig innerhalb eigens gebildeter Migranten-Netzwerke ablaufen" (S. 28) gefasst. Glorius verweist darauf, dass Räume als konstruiert und als Ergebnisse von alltäglicher Praxis aufgefasst werden (sollten). Der an sich schon schwierige Identitätsbegriff wird nun unter Rückgriff auf systemtheoretisch argumentierende geographische Autoren für die Transmigranten als "segmentierte Identitäten" dargelegt. Zu Recht weist Glorius dann auf das noch nicht vorhandene methodische Instrumentarium in Form von Indikatoren hin, die einer späteren quantitativen Analyse zuträglich sein könnten. Dies gesagt, folgt eine Abhandlung gängiger Migrationstheorien, wie man diesen auch in Standardwerken wie von Treibel (2008) und Han (2005) offensichtlich ist. Die so dargestellten "Modelle" (S. 48) verstehen sich nur zum Teil selbst als Modelle, d.h. als quantifizierbare Theoriebildung (beispielsweise Esser). Methodisch geht Glorius in ihrer Untersuchung so vor, dass sie zunächst 7 Experteninterviews sowie 12 Interviews mit MigrantInnen führt. Diese dienen der Vorbereitung einer quantitativen Erhebung  mit dem Ziel der Repräsentativität, das jedoch - und dies überrascht beim Thema Migration kaum - nicht erreicht werden konnte. Auf die Darstellung der Methodik folgt eine länderbezogene Betrachtung, bei der die wesentlichen Wanderungsbewegungen bis heute und die Rahmenbedingungen untersucht werden. Dann analysiert Glorius im Abgleich quantitativ-qualitativ die Lebenssituation der Polen und Polinnen in Leipzig, sie präsentiert eine gelungene Typisierung, wobei sie festhält, dass a) die meisten Arbeitsmigranten männlichen Geschlechts sind, b) Heiratsmigranten mehrheitlich weiblich sind, c) Bildungsmigranten seit Kurzem kommen und überwiegend weiblich sind. Was sind nun die Merkmale des Transnationalen? Glorius macht dies fest an der Sprache (besser Gebildete verbleiben eher in der eigenen Sprachzugehörigkeit), der Mediennutzung, der Bedeutung von Religiösität für die eigene Identität, Zugehörigkeit zu Vereinen. Die nationale Identität - so macht Glorius eindrücklich deutlich - setzt sich zusammen aus dem gelebten Leben (insbesondere den Kindheitserinnerungen), der Stellung im Integrationsverlauf und in der individuellen Lebenseinstellung (S. 220). Was trägt nun der Transnationalismusansatz zum besseren Verständnis der Ausdifferenzierung räumlicher und nationaler Identität bei? Um sich dieser Frage anzunähern, fasst Glorius ihre Ergebnisse in drei Indexen zusammen: dem Transmobilitätsindex (gemessen beispielsweise an den Rücküberweisungen), dem Transkulturalitätsindex (gemessen am institutionellen Organisationsgrad), dem Transidentitätsindex (gemessen an der lokalen vs. der nationalen Identifikation). Anhand von Fallzahlen (n=166 Befragte) entwickelt Glorius nun eine weiterführende Typisierung:  Hochmobile, etablierte Transkulturelle, Weltbürger, Passive und ordnet diesen Typen die jeweiligen sozioökonomischen Merkmale zu. Eine Stärke der von Glorius ausgewählten zitierten  Interviewpassagen ist deren Tiefe und erzählerische Genauigkeit. Deutlich wird die Ambivalenz der multiplen Verortungen: Transnationale Verbindungen, das kann ein "dritter Weg" der Identitätsentwicklung sein - wobei die Interviews zeigen, dass räumliche Distanz immer dann wichtig wird, wenn man körperlich weniger einsatzfähig ist - eine vollständige subjektive Verschmelzung (wie dies für den Transnationalismus angenommen wird) ist nicht gegeben: Grenzregime, räumliche Distanz und formale Beschränkungen spielen weiter eine wesentliche Rolle. Methodisch ist es zu begrüßen, dass nach einer stark auf das Biographische konzentrieren Analyse, die "Außenwelt" dann wieder in den Blick gerät: Rahmenbedingungen sind wichtig, Typ und Form der Migration geben den Integrationsmodus vor, persönliche Kontakte sind grundlegend. Schließlich setzt Glorius die Transnationalität der von ihr befragten polnischen Migranten in Beziehung zum Konstrukt Europa und sieht diese als eine Möglichkeit mit multiplen Identitäten umzugehen.

Die von Jörg Becker vorgelegte Arbeit nähert sich der Untersuchung der temporären polnischen Zuwanderung nach Deutschland in ganz anderer Weise. Das von ihm vorgelegte Werk versteht sich als theoretisch reflektierte, jedoch vornehmlich empirische Arbeit - ein "Verschlingungszusammenhang" - wie der Autor die Beziehung zwischen Theorie und Empirie über ein hochmobiles Forschungssubjekt trefflich bezeichnet. Er konzentriert sich in seiner Untersuchung auf die Themen a) Kontextbedingungen in der Aufnahmegesellschaft hinsichtlich der gesellschaftlichen Organisationsform der spezifischen Arbeitsmigration und b) auf die die Bedeutung von Netzwerkbeziehungen für die temporäre Arbeitsmigration. Auch Becker bedient sich eines mehrstufigen Erhebungsverfahrens: Expertengespräche mit Vertretern von Institutionen, schriftliche Befragungen und narrative Interviews mit polnischen Saisonarbeitern und teilnehmende Beobachtung. Ein großer Teil der Empirie wurde auf einem norddeutschen Erdbeerhof durchgeführt. Damit wendet sich der Autor einem empirischen Feld mit einem äußerst schwierigen Forschungszugang zu. Das theoretische Kapitel referiert - ganz ähnlich wie bei Glorius - gängiges soziologisches Wissen zu Migration und Integration. Die von Becker präsentierte Auswahl der Theorien orientiert sich an der Selektionsfunktion von Theorie indem sie die Auswahl von relevanten Fakten aus dem empirischen Material erlauben. Sie ordnen das, was man im Feld sieht und sie sollen helfen, Sachverhalte zu verstehen. Handlungstheoretische Ansätze (wie der von Esser - rational choice) stehen nach Ansicht des Autors strukurfunktionalistischen Ansätzen (wie dem von Hoffmann-Nowotny - anomische Spannungen und Unterschichtung) gegenüber - eine allgemein akzeptierte Sichtweise sei nicht erwartbar. Becker grenzt seine Untersuchungsgruppe durch eine Beschränkung auf die durch Arbeits- und Aufenthaltsrecht stark reglementierte temporäre Arbeitsmigration ein. Gegenstand von Beckers Arbeit sind temporäre Migranten, solche, die "als Kontrakt- und zirkuläre Wanderung" mit polnischer Staatzugehörigkeit auftreten. Im Theoriekapitel werden gängige Theorieansätze aufgearbeitet: sowohl die oben bereits erwähnten als auch die bekannten Arbeiten von Heckmann zu ethnischen Kolonien (als einer Zwischenposition in der soziokulturellen Identitätsbildung). Vor allem das Konzept der transnationalen sozialen Räume - ein schillerndes und in der Geographie häufig rezipiertes Konzept der Sozialwissenschaften wird von Becker kritisch diskutiert - wobei sich die Kritik vor allem auch auf den von Pries verwendeten eher diffusen Raumbegriff richtet (S. 46). In Anlehnung an Hard kritisiert der Autor den Raumbegriff bei Pries als aufgeblähtes "ontologisches Slum", bei dem der Raumbegriff nicht wirklich neu gefüllt werde, sondern lediglich aufgestapelt werde. Das ist eine Kritik, die man an diesem Begriff äußern kann, verwunderlich ist jedoch, dass Becker nicht würdigend auf die breitere Debatte über die transnationale Migration eingeht. Erstens anerkennt er nicht, dass die Debatte eine relativ statische und auf den Nationalstaat beschränkte Debatte um  Migration dynamisiert hat und so die durch Globalisierung und die damit einhergehenden technischen Neuerungen (Kommunikation und Verkehr) veränderten sozialen Organisationsformen und deren Wirkmächtigkeit der Veränderungen zumindest abbilden kann. Zweitens missachtet der Autor, dass die Transnationalismusdebatte vor allem im angelsächsischen Raum geführt wird und damit auf andere Einwanderungsrealitäten als auf diejenige Deutschlands schaut. Eine Beschäftigung mit deutschsprachigen Interpreten geschieht  auf Grundlage relativ alter Literatur (Fassmann 2002, Faist 1995 und 1997). Eine Auseinandersetzung mit jüngeren Werken fehlt (beispielsweise von Schlichting oder Glorius 2007) - ebenso die Sichtung der relevanten englischsprachigen Autoren der Transnationalismusdebatte (s.o.), die allesamt selbst Kritik am Konzept äußern und dennoch auf den Neuigkeitsgehalt der transnationalen Perspektive hinweisen. Abgesehen von der Ausblendung geographischer Autoren und kritischer Literatur wäre es hilfreich, wenn die Transnationalismusdebatte stärker in die Globalisierungs- bzw. Modernisierungsdebatte eingebettet gewesen wäre. Dann zeigt sich schnell, das die Untersuchungen von Pries methodisch quantifizierende Elemente sehr wohl integriert haben, dass jedoch eine Quantifizierung letztlich nicht das Erkenntnisziel darstellt.

Der Autor rekurriert in seiner weiteren theoretischen Darlegung auf die Erkenntnisse der Systemtheorie mit ihren Vertretern Pott, Nassehi, Stichweh und Bommes. Der große Anspruch der Systemtheorie den Nationalstaat in einer Weltgesellschaft zu konzeptionalisieren, also "Gesellschaft ist nicht mehr etwas räumlich begrenztes, sondern ein einziges, den Erdball umspannendes Sozialsystem" zu verstehen (S. 51) ist sicherlich hoch. Eine sekundäre Differenzierung, so liest man, kann auch segmentäre Formen annehmen, z.B. in Form von politischen Grenzen (die in den Wohlfahrtsstaaten nach innen durch Sozialbeziehungen ausgleichen und nach außen die Souveräne voneinander abschotten). Die vorgestellten referierten Theorien werden dann auf ihren Nutzen für die eigene Untersuchung gesichtet: dazu wird laut Becker üblicherweise das vorliegende "Material hinsichtlich der aus dem theoretischen Ansatz gewonnenen Hypothesen durchdekliniert" (S. 55). Becker strebt dagegen an, sein gewonnenes empirisches Material daraufhin zu untersuchen, welche Prämissen der verschiedenen vorgestellten Theorieansätze darin zu erkennen sind. Bevor Becker seine empirischen Daten präsentiert, erfolgt eine Beschäftigung mit der Migrationsgeschichte zwischen Polen und der Bundesrepublik vor allem seit 1990. Trotz der nicht sehr guten Datenlage lässt sich festhalten, dass die zirkuläre Migration ab den 1990er Jahren zugenommen hat. Becker vergleicht die vorliegenden regionalen Wanderungsdaten in Polen mit den Zahlen zum polnischen Arbeitsmarkt und stellt fest, dass "ein enger Zusammenhang zwischen der spezifischen Struktur des regionalen Arbeitsmarktes und der Höhe der Migrationsraten nicht existiert" (S. 72). Angemessen ist die Beschäftigung des Autors mit den politischen und rechtlichen Grundlagen der Saisonbeschäftigung - einem außergewöhnlich komplexen Feld. Gerade die bereits durch die Sichtung der politischen Literatur naheliegende Erkenntnis, dass vor allem (wie vor 130 Jahren auch) "Verfügbarkeit, Flexibilität, Schlagkräftigkeit, Kontrollmöglichkeit und Lohnhöhe" die Gründe für die Anwerbung sind, zeichnen den weiteren Verlauf der Darlegung der Empirie fast vor. Eine genaue Datenanalyse legt nahe, dass bestimmte arbeitsintensive Bereiche der Landwirtschaft und des Gartenbaus durch Saisonarbeit wachsen können, andere Bereiche dagegen Produktionsrückgänge zu verzeichnen haben. Präsentiert werden nun die Ergebnisse einer Betriebsbefragung mit standardisierten Fragebögen aus dem Jahre 2002 bei rund 50 Betrieben in Brandenburg und in der Region Niederrhein (ebenfalls 50) - von denen angenommen wird, dass sie sich massiv unterscheiden. Welche Ergebnisse bringt die Betriebsbefragung? In beiden Regionen werden Saisonarbeiter über einen längeren Zeitraum hinweg beschäftigt (überwiegend sieben Jahre und länger) und der Einsatz von Saisonarbeitern wurde bereits bei der Unternehmensgründung betrieben. In dem nun anschließenden Kapitel über die Bedeutung der sozialen Netzwerke wird ein einzelner Erdbeerhof in Norddeutschland untersucht - hier kommen die zuvor verworfenen transnational geprägten Theorieansätze zum Einsatz. Becker referiert in diesem Zusammenhang die m.E. interessantesten Ergebnisse seiner eigenen empirischen Untersuchungen: wer eigentlich kann so flexibel und billig sein, dass er die oben genannten Anforderungen erfüllt? Welche Merkmale hat die Mehrheit der beschäftigten SaisonarbeiterInnen? Die SaisonarbeiterInnen sind zwischen 18 und 60 Jahre alt bei einem Durchschnittsalter von 38 Jahren - die meisten sind zwischen 35 bis 44 Jahren alt. Zwei Drittel sind Frauen! (Erklärt wird dies mit dem Argument, Frauen seien einfach sorgfältiger - man fragt sich, ob sie nicht einfach billiger sind? Verdienen sie soviel wie ihre männlichen Kollegen?). Trotz dieser sozialstrukturell wichtigen Einsicht schlüsselt Becker seine Untersuchungsergebnisse nicht geschlechterdifferenzierend auf - es erfolgt ein vager Verweis auf Autorinnen, die erstens nicht aus der Geographie stammen und zweitens auf die Feminisierung der Migration nur flüchtig eingehen. Man erfährt also nur, dass 80 % verheiratet sind und 88 % Kinder haben, die meisten haben eine technische und berufsbildende Mittelschule besucht und dequalifizieren sich durch ihre Arbeit auf dem Erdbeerhof - allerdings nur, was die formale Qualifikation angeht, denn ein sattes Drittel ist im Herkunftsland Polen als Hausfrau/Hausmann beschäftigt. In Polen selbst haben sie entweder unterdurchschnittlich oder gering verdient. Dies legt nahe, dass es der doppelte Vergleichshintergrund ist, der für die MigrantInnen entscheidend ist: einmal die eigenen Perspektiven am Herkunftsort und daran gemessen, die Möglichkeiten woanders - eben das, was man als fast schon fundamentale Logik aller Wanderarbeiter erkennen muss. Die Saisonarbeiter haben meist geringe Deutschkenntnisse (drei Viertel schätzen sich sprachlich schlecht bis sehr schlecht ein). Man ist erstaunt, dass gerade die Saisonarbeiter selbst "andere Kulturen kennen lernen" und "andere Arbeitsorganisation kennen lernen" möchten. Man könnte hinter solchen Äußerungen auch einen Selbstschutz der Migranten und Migrantinnen vermuten, denn eine mehrmonatige saisonale Migration ist eine psychisch belastende Situation.

Der Autor nennt als Bereiche, in die die Einkünfte der Saisonarbeiter mehrheitlich fließen: Wohnungsausstattung und Berufsausbildung der Kinder, nicht jedoch der Grundstückskauf oder aber die Investition in das eigene Geschäft. Die meisten hatten von der Möglichkeit der Saisonarbeit auf dem Erdbeerhof durch Bekannte und Freunde gehört - gewissermaßen über einen internen Arbeitsmarkt. Dies belegt eindrucksvoll sowohl die hohe Bedeutung von Netzwerken (wie dies in der Transnationalismusforschung betont wird) als auch das ökonomisch rationale Vorgehen der Arbeitgeber, die sich so aufwändige eigene Suchkampagnen ersparen können (S. 146). Zwei Beispiele für egozentrierte Netzwerke werden von Becker nachgezeichnet, eines davon für eine Saisonarbeiterin, eines für einen Saisonarbeiter. Becker zweifelt an, dass die ausgeprägten Netzwerke ein spezifisches Produkt des Migrationsprozesses sind, sondern quasi als eine normale Rekrutierungsstrategie in einem bestimmten Arbeitsmarktsegment durchgehen können. Nun - folglich relativ spät in der Aufbereitung des Datenmaterials - erfolgt die Darstellung der 15 qualitativen Interviews aus dem Jahre 2000. Durchnummeriert als A bis D werden Interviewpassagen der Saisonarbeiter referiert und anschließend vom Autor nochmals zusammen gefasst. Aus den geführten Interviews werden so drei Typen herausgefiltert: der reflexive, der normative und der positiv selektive Typ. Beschrieben werden damit die individuellen Bewältigungsstrategien von Pendelmigration. Die Zusammenfassung bringt die unterschiedlichen Betrachtungsebenen zueinander - einer Synthese der verschiedenen Erkenntnisse hätte allerdings noch stärkeres Gewicht eingeräumt werden können. Autoren wie Giddens, der in seiner dualen Theorie der Strukturierung Strukturen als das Ergebnis von Handlungen interpretiert, werden von Becker leider nicht aufgegriffen, auch die Einbindung aller Ergebnisse in die zuvor favorisierte Systemtheorie bleibt weitgehend an der Oberfläche. Die vielen unterschiedlichen Empirieteilstücke scheinen durch die jeweilige Zuordnung zu den zuvor abgehandelten Forschungstraditionen fast nebeneinander zu stehen. Da sie sich auf verschiedene Erhebungszeitpunkte beziehen, fragt man sich, ob sie so im Jahr 2010 allesamt noch zutreffen. Eine Synthesisierung hätte das Bild sicherlich zusätzlich abgerundet.



Beide Bücher beschäftigen sich mit einer nationalen Einwanderungsgruppe und bedienen sich teilweise einer ähnlichen Methodik - doch ganz unterschiedlich sind die vorgelegten Ergebnisse. Bei beiden Autoren bleiben Teile der geographischen Literatur zur Migrationsforschung unerwähnt, auch die Beschäftigung mit geschlechtsspezifischen Studien (in anderen Disziplinen) fehlt leider. Beide Autoren liefern Antworten auf relativ breit gestellte Fragen, beide verorten sich in gegensätzlichen Theoriefeldern und beide geben einen guten Einblick in die Lebenswirklichkeit von polnischen Migranten in Deutschland. Was verdanken wir den beiden Studien? Viel. Die in dieser Rezension ansatzweise dargelegte Komplexität des Migrationsprozesses wird in den beiden Studien offensichtlich, auch finden wir in beiden Studien eine reflektierte Sichtung theoretischer Literatur. Und wir finden eine empirische Umsetzung des in der Migrationsforschung oft eingeforderten und selten eingelösten Mehrebenenansatzes. Ein Mehrebenenansatz kann helfen, komplexe Zusammenhänge zu strukturieren. Gerade auch bei einem Thema wie der Migration, das vom Zusammenspiel verschiedener sozialer, geographischer und politischer Ebenen lebt und bei dem die Spannungen zwischen individuellem Handeln und struktureller Regulierung besonders groß sind, ist eine integrative und auch interdisziplinäre Herangehensweise zielführender als eine sektorale Betrachtungsweise. Immer wieder wird dies in der Migrationsforschung als Anspruch formuliert, die empirische Umsetzung erfolgt viel seltener. Beide Autoren wagen jedoch einen integrativen Forschungszuschnitt und das zeichnet die vorgelegten Arbeiten aus. Beide Bücher haben einen Platz im Bücherregal mit den geographischen Standardwerken zur empirischen Migrationsforschung verdient.

Felicitas Hillmann


Literatur:

Bade, Klaus J. (2004):  Sozialhistorische Migrationsforschung. München.

Cyrus, Norbert (2007): Polnische Illegale in Berlin seit den 1980er Jahren. In: Klaus Bade et al. (Hg): Enzyklopädie Migration in Europa. München, S. 867 - 870.

Han, Petrus (2005): Soziologie der Migration. Stuttgart.

Herbert, Ulrich (2001): Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. München.

Hoerder, D. (2010): Geschichte der deutschen Migration. Vom Mittelalter bis heute. München.

Miera, Frauke (2007): Polski Berlin. Migration aus Polen nach Berlin. Münster.

Nowicka, Magdalena (2007): Von Polen nach Deutschland und zurück. Die Arbeitsmigration und ihre Herausforderungen für Europa. Bielefeld.

Pries, Ludger (1997): Transnationale Migration. Sonderband 12,  Soziale Welt.

Schlichting, Ina v. (2008): Ecuadorianer in Bonn: Zwischen Transnationalismus und irregulärem Aufenthalt. In: Hillmann, Felicitas und Michael Windzio (Hrsg.): Migration und städtischer Raum. Chancen und Risiken der Segregation und Integration. Opladen, Farmington Hills, S. 215-232.

Thomas, William Isaac und Florian Znaniecki (1918): The polish peasant in Europe and America. Bde 1 - 5, Boston.

Treibel, Annette (2008): Migration in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit und Flucht. Weinheim.



Zitierweise:
Felicitas Hillmann 2011: Should I stay or should I go? Polnische MigrantInnen im Fokus der geographischen Migrationsforschung. In: http://www.raumnachrichten.de/ressource/buecher/1210-migrationsforschung

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