Ingo Breuer: Existenzsicherung und Mobilität im ariden Marokko. Wiesbaden 2007. 206 S.

In seinem Buch hat sich Ingo Breuer zur Aufgabe gestellt, Strategien der Existenzsicherung und Formen der Mobilität im ariden Marokko zu untersuchen. Seine Arbeit ordnet er in einen Zusammenhang mit der Sozialgeographie sowie der Geographischen Entwicklungsforschung. Also zwei Forschungsdisziplinen in denen schon viele bedeutende Studien zum Nomadismus und Existenzsicherung in ariden Gebieten erschienen sind (S. 8). Mit kleinlichen Definitionen von Nomadismus hält Breuer sich dabei allerdings nicht auf und verwendet unter dem Begriff alle Formen der Tierhaltung auf Naturweiden bei denen die Hirten in unbefestigten Behausungen übernachten. (S. 6)

Für die Untersuchung verfolgt Breuer drei Fragestellungen. Die erste zielt nach den regionalen Transformationsprozessen der letzten Jahrzehnte und die zweite nach den Handlungsstrategien der Bevölkerung zur Existenzsicherung. Die dritte Frage verknüpft die Konsequenzen von Transformationsprozessen und jeweiliger Handlungsstrategie bestimmter Haushalte und fragt danach: "Wer gewinnt, wer verliert?" (S. 7)
Eine zentrale Grundannahme für diese Frage ist der Sustainable Livelihood Ansatz, der eine wichtige Rolle in der Entwicklungsforschung spielt. Dieser Ansatz untersucht nämlich nicht das reine Vorhandensein von Ressourcen in einem Gebiet, sondern geht der Frage nach wer überhaupt faktischen Zugang zu etwaigen Ressourcen hat. Breuer stellt also wie andere die wichtige Frage nach den Verfügungsrechten von Ressourcen. (S. 21)
Der Autor beschreibt Marokko dabei als agrarisch geprägtes Entwicklungsland in erheblicher Abhängigkeit von klimatischen Schwankungen. Dabei vermögen es die nicht agrarischen Sektoren, wie die Textilindustrie und der Phosphatabbau, seit den 80er Jahren nicht mehr, das wachsende Heer an Arbeitskräften aufzunehmen. (S. 44) Daraus zeichnet sich das Bild eines Landes mit erheblicher sozialer Ungleichheit und insbesondere hohen Armutsquoten in den ländlichen ariden Gebieten des Südwestens. Besonders in diesen Gebieten haben externe Einkommensquellen eine Schlüsselfunktion. (S. 53)
Bei dieser Beschreibung der Rahmenbedingen des Untersuchungsgebietes zeigt sich schon eine Stärke in Breuers Arbeit. Sie ist gut strukturiert und weist nahtlose Übergänge auf. Von makro-wirtschaftlichen Beschreibungen führt er den Leser Schritt für Schritt in die Mikro-Ebene des Untersuchungsgebiets im Südwesten Marokkos ein und landet am Ende bei konkreten Personen wie dem 33-jährigen Familienvater Ali, den existenzielle Sorgen über die Zukunft seiner Familie plagen. Der Text lebt so von den detaillierten Beschreibungen, die einen regelmäßigen Wechsel zwischen theoretischer Diskussion und empirischen Beispielen ermöglicht.
Breuer stellt seine Aussagen über das Untersuchungsgebiet um Oussikis insgesamt auf eine breite empirische Basis einer 17 monatigen Feldforschung, unter der Einbeziehung von insgesamt 648 Haushalten. Aus Grundlage dieser Datenbasis nimmt Breuer eine umfassende Analyse der Haushaltstrukturen des Gebiets vor und ordnet diese bestimmten Gruppen zu. Diese werden im Folgenden der Reihe nach dargestellt und beschrieben, wobei Breuer sich dabei immer auf bestimmte Erkenntnisse und Einzelaspekte konzentriert.
So hat sich insgesamt die berufliche Beschäftigung in Oussikis in den letzten Jahrzehnten stark diversifiziert. Während 45% der männlichen Bevölkerung zumindest phasenweise Lohnarbeit im informellen Sektor nachgeht, fußen nur noch 10% aller Haushalte ausschließlich auf Landwirtschaft oder mobiler Tierhaltung. (S. 70)
Ein Schlüssel zur Existenzsicherung der Haushalte liegt in einer multilokalen Strategie. So bestehen 65% der Haushalte aus Nomaden, Migranten sowie den ganzjährig im Dorf sesshaften Familienangehörigen. (S.74) Trotz dieser räumlichen Trennung besteht aber eine enge Verbindung der Akteure fort und ermöglicht so weit voneinander entfernte Ressourcen systematisch für die Haushaltsökonomie zu erschließen. (S. 76)
Neben der beschriebenen Multilokalität spielt die Haushaltsstruktur und hierbei besonders die Anzahl der erwachsenen Männer eine zentrale Rolle bei der Existenzsicherung. Dabei zeigt Breuer, dass die Haushaltsgröße z.B. über die Frage der Erbteilung aktiv gestaltet werden kann und sich in diesem Zusammenhang eine Tendenz zu komplexeren Haushaltsstrukturen abzeichnet. Weniger einflussreich ist dabei erstaunlicherweise die Rolle der Schulbildung auf die Existenzsicherung. Zwar haben alle reichen Personen mit guten Jobs auch Schulbildung, allerdings trifft dies auch auf viele arme Tagelöhner zu. Schulbildung stellt damit eine relativ unsichere Investition in die Zukunft dar. (S. 112ff.)   
Insgesamt findet seit einigen Jahrzehnten in Oussikis eine polarisierende Entwicklung statt. Haushalte mit vielen mobilen Mitgliedern sind in der Lage ihren Wohlstand zu erhalten und auszubauen. In den Städten oder im europäischen Ausland arbeitende Familienmitglieder ermöglichen es damit, den Haushalten lokale Ressourcen in Oussikis zu erhalten und auszubauen. Solche stabilen und überregionalen sozialen Netzwerke sind ein zentrales Mittel um Zugang zu Ressourcen zu sichern und die Bewohner von Oussikis investieren zielstrebig Zeit und Geld in die Pflege entsprechender Kontakte. Auf der anderen Seite stehen allerdings die Haushalte ohne verlässliche überregionale Netzwerke die auf Dauer auch nicht in der Lage sind ihre lokalen Ressourcen zu erhalten und im schlimmsten Fall in soziale Abhängigkeit von Almosen reicher Familien treten müssen.   


Neben der erkennbaren Akribie mit der Breuer seine Untersuchung durchgeführt hat, liegt die Stärke der Arbeit insbesondere darin, Arbeitsmigration und mobile Tierhaltung in einer Untersuchung zu vereinen. Er grenzt beide Aktivitäten nicht unnötig voneinander ab oder betrachtet sie isoliert, sondern untersucht beides in erster Linie unter dem Aspekt der Strategie der räumlichen Mobilität. Der Ankerpunkt beider Aktivitäten findet Breuer in seinen durchgeführten Haushaltsanalysen. Damit steht der Haushalt sowohl in physisch-räumlicher Hinsicht im Untersuchungsgebiet, als auch in seinem theoretischen Vorgehen im Zentrum seiner Studie. Abschließend bleibt nur noch festzustellen, dass Breuers Arbeit auch weit über ein regionales Interesse am ariden Marokko für Interessierte an polarisierenden Globalisierungsprozessen, Strategien mobiler Viehhaltung sowie von Arbeitsmigration mit Nachdruck zu empfehlen ist.  

Björn Zimprich


Zitierweise:
Björn Zimprich 2011: Rezension zu: Ingo Breuer2007: Existenzsicherung und Mobilität im ariden Marokko. Wiesbaden 2007.  In: raumnachrichten.de http://www.raumnachrichten.de/ressourcen/buecher/1216-marokko

 

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