Harald Bodenschatz (Hg.) 2005: Renaissance der Mitte - Zentrumsumbau in London und Berlin. Berlin. 461 S.

Ein - auch in der Hand - schwergewichtiges Buch. Ein "herausgegebenes" Buch, das aber nicht zur Selbstdarstellung der einzelnen Autoren wird: dafür hat es eine zu bewusste Verpflichtung auf das Thema und kollektive Dramaturgie.
Es geht um die Beobachtung einer neuen Rolle, die zentrale Bereiche europäischer Grossstädte offenbar wieder spielen, und um ihren Umgang damit an zwei Beispielen.

"Zentrumsumbau" meint den in eine "nachmoderne " Stadt, und zwar - so die eine These - mit Anlehnung an die "europäische", "traditionale" bzw. "historische" etc. Stadt. Dabei wird "nachmodern" ebenso wenig präzisiert, wie "europäisch" zu konkret gemeint ist, obwohl es um eine Wieder-Inwertsetzung stadträumlicher Struktur-Elemente geht, wie wir sie aus der Erfahrung mit Städten im europäischen Kontext kennen und die eben in der Mitte unserer Grossstädte anzutreffen sind. Mit deren "Renaissance" geht es - so die wesentliche These - um die Herausbildung eines "dritten Zentrums", womit nicht ein zusätzlicher Ort gemeint ist, sondern ein weiterer Typ: das Zentrum einer Grossstadt nun für eine weniger industriell geprägte örtliche Gesellschaft. 
Diese zentrale These und die Frage des je örtlichen Umgangs mit einer derartigen Tendenz wird "städtebaulich" verhandelt, d. h. entlang der baulichräumlichen Strukturierung von Stadt. Mit dieser Fokussierung ist hier dennoch eine wohlverstandene Komplexität gemeint, die Aspekte der Adressaten, Träger, Herausforderungen des Strukturwandels etc., etc., durchaus einschliesst. Als Vermittlungsfolie für die Prozesse stadträumlicher Strukturierung dienen hier Leitbilder in ihrer ebenso widerspiegelnden wie auch programmatischen Dimension.  
Den zentralen Thesen und dem Interesse am Umgang mit einer derartigen "Renaissance der Mitte" wird in zwei Schritten nachgegangen: mit Fallstudien und mit einer Interpretation.  
Auf jeweils etwa 150 Seiten werden zunächst die beiden Fall-Städte dargestellt: London und Berlin - ausgewählt als teils ähnliche, teils unterschiedliche Stadt-Typen. Sie werden - in synchroner Gliederung - porträtiert in der historischen Bewegung ihrer stadträumlichen Strukturierung, zunächst kurz in weit zurück greifender Perspektive, dann aber ausführlich mit dem eindeutigen Schwerpunkt auf den letzten 25 Jahren und den Pfaden, wie im Spannungsfeld von jeweils örtlichen wie globalen Anforderungen und Ideen neue stadträumliche Konfigurationen Platz greifen. Eingerahmt von einem Überblick der Programmatik des nachmodernen Zentrumsumbaus und seinen städtebaulichen Regelwerken und Plänen werden insbesondere die entsprechenden "Grossen Projekte" ausgebreitet. Das geschieht, was Rahmenbedingungen, Anlässe, Auseinandersetzungen, Verfahren und Konzepte für jede Stadt (und damit dann auch im Vergleich) betrifft, in überwältigender Breite und Tiefe: damit liegt ein Fundus der neuesten Städtebaugeschichte dieser beiden Städte vor, wie er - zumal umfangreich illustriert mit Bildern und Plänen und in gut lesbarer Form - sonst nicht verfügbar ist: ein Kompendium, in dem man sich ebenso verlieren kann wie daran niemand vorbeikommt, der über die Thematik arbeitet.  
Damit ist die materielle Grundlage der weiteren Erörterungen gelegt: Im Ergebnis erlangen zum einen Stadtzentren wieder eine hohe Bedeutung, was Nutzung und Politik anbelangt (S. 337). Zugleich werden Unterschiede im Umgang damit deutlich (S. 397 ff.). Ungleiche ökonomische Dynamik bzw. Nachfrage korrespondiert mit einer Ausweitung der Innenstadt-Gebietskulisse mittels grosser Erweiterungs- Projekte in London bzw. mit einer Qualifizierung der tradierten Innenstadt und ihrer Zentren in Berlin innerhalb des S-Bahn-Rings - überlagert durch die Besonderheit der Rückkehr der Marktwirtschaft und des Ostteils in die Stadt. Die Planungskulturen sind, was ihre öffentlich / private Prägung betrifft, zunächst höchst unterschiedlich, scheinen sich aber mit den jeweils anderen Erfahrungen anzureichern. Bemühungen um eine Qualifizierung insbesondere des öffentlichen Raums i. w. Sinne - von Nutzungsmischung bis Architektur - ist jedoch beiden Städten gemeinsames Anliegen.  
Die anschliessende (ca. 60 Seiten umfassende) Interpretation der Fälle, d. h. inwieweit wir es also mit einem "dritten Zentrum" zu tun haben, ruft wesentliche Facetten der gesamten Thematik auf, wie: Akteure, Adressaten, Partnerschaften und Koalitionen, Öffentlicher Raum, Tradition/Innovation, Nutzungsformen, Planungsverfahren oder Legitimationsinstrumente und löst die gesetzten Ansprüche an eine umfassendere "städtebauliche" Betrachtungsweise ein - einschliesslich von auch bedenklichen Begleiterscheinungen der insgesamt positiv konnotierten Umbau-Prozesse wie z. B.: deren Verlierer bzw. die "Entsorgung der Moderne" durch den Abriss störender Bauten.  
Ist mit der These vom "dritten Zentrum" gemeint, dass sich für eine nachindustriell geprägte örtliche Gesellschaft historisch ein entsprechend anderer - und nun doch wieder bedeutsamerer - Typ von Stadtmitte herausbildet, so kann auch eine wohlverstandene (indem komplex angelegte) "städtebauliche" Betrachtungsweise durchaus an ihre Grenzen kommen: Zwar werden - mit "Lebensstilen " oder "Erlebnis"-Orientierung - immer wieder die neuen Bedarfe an die Stadt aufgerufen und auch deren Träger - als "Urbaniten", Mittelschichten, DINKS, Yuppies etc. - benannt; jedoch bleibt unklar, inwieweit deren Mentalitäten oder "Abneigungen (von BoBos)" (S. 358) etwa wirkliche, d. h. auch mittelfristig tragfähige Gründe für ein neues Leistungsprofil der Innenstädte indizieren. Die wiederholte Rückkoppelung dieser Bedarfe / Träger mit der "Dienstleistungsgesellschaft" macht eher sogar ratlos: über deren Profilierung als "Wissensgesellschaft " wird seit fast den gleichen 25 Jahren einer "Renaissance der Mitte" diskutiert. Soweit diese Profilierung mit dem aktuellen Globalisierungs- Schub zusammenhängt, der ebenso eine immer stärker wissensbasierte Ökonomie wie eine umfassende Deregulierung aller Arbeits- und Lebensstrukturen forciert, sind für eine neue Bewertung von Innenstädten weniger "Mittelschichten" die wesentlichen Nachfrager als vielmehr flexibilisierte kreative Akteure, für die mentale Identifikationen und organisatorische Rückbettung existenziell sind. Insofern wird also der Stellenwert stadträumlicher Strukturen nachvollziehbar, die vielfältige Optionen im Zusammenhang mit Mischung und kurzen Wegen (in Relation zu Dichte) und Aufenthaltsqualitäten bereithalten. Es muss daher nicht wundern, wenn diejenigen Gebiete unserer Städte eine Wieder-Inwertsetzung erfahren, die derartige Qualitäten aus ihrer bisherigen Entwicklung mitbringen - und die deswegen gar nicht der Verdächtigung der "traditionalen" oder gar "alten" Stadt ausgesetzt werden müssen. Unsere Stadtzentren erweisen eine neue Vitalität also nachhaltig nicht im "Publikumserfolg" (S. 337) von Besuchern, sondern letztlich nur als - dem Wechsel zur nicht mehr so industriell-fordistisch geprägten Formation - angemessene Aktionskulisse ihrer NutzerInnen, die nun eben - und das ist das Neue - auf eine erklärliche örtliche Einheit von Arbeiten und Wohnen angewiesen sind: deren städtebauliche Strukturen und Qualitäten (bis hin zu neuer "Baukultur") sind erst recht sehr ernsthaft zu diskutieren. Indem diese Tiefe "ökonomischer" und "sozialer" Dimensionen, wie sie einer "städtebaulichen" Betrachtungsweise ja zugeordnet werden, erst ganz spät (S. 357 ff. und S. 395 f.) und auch nur relativ knapp thematisiert wird, werden Blicke auch für die Fallstudien verstellt und wichtige Erkenntnismöglichkeiten verschenkt.  


Vielleicht bleibt so die "städtebauliche" Betrachtungsweise, wenn auch komplex angelegt (und vermittelt über Leitbilder), doch etwas zu sehr ihrer eigenen Oberflächen-Natur verhaftet, indem sie zwar neuartige Bedarfsträger für urbane Innenstädte ausmacht, nicht aber erschliesst, unter welchen Bedingungen ihrer Erwerbstätigkeiten und damit verbundenen spezifischen Reproduktionsbedürfnisse diejenige spezifische Innenstadt-Affinität für ein "drittes Zentrum" zustande kommt, die zugleich Motor einer neuen Standortbestimmung unserer ("europäischen") Städte generell wird ("Metropolregionen"). Insofern könnte die "städtebauliche " Betrachtungsweise selbst noch zu wenig ursachenfähig sein, denn nicht "Der Umbau von europäischen Grossstadtzentren ist auf Synergien zwischen verschiedenen Nutzungen angewiesen" (S. 365), sondern umgekehrt: Die für Beruf und Alltag von Akteuren neuartig wissensbasierter Aktivitäten notwendigen "Synergien zwischen verschiedenen Nutzungen" drängen zum "Umbau von europäischen Grossstadtzentren" bzw. zur Vitalisierung ihrer dafür geeigneten Strukturen.   Noch immer sind wir auf dem Weg zu einer wirklich "materiellen" Stadt-Bau-Geschichte, die uns erklären hilft, wie sich veränderte Wirtschaftsstrukturen vor Ort, vermittelt über entsprechende Sozialstrukturen als Träger ebenso von Bedürfnissen an städtischen Nutzugsstrukturen wie auch von Kulturen des Umgangs mit Stadt, zu spezifischen Mustern konkreter stadträumlicher Strukturierung verhalten. Eine wesentliche Voraussetzung dafür sind Fallstudien, und zwar von einer inhaltlichen Qualität wie sie hier angelegt sind - einschliesslich ihrer Präsentation in "kollektiver Dramaturgie ": nicht nur sind die Städte-Kapitel jeweils gleich aufgebaut, auch enden die Interpretationen kapitelweise mit einem Fazit, und alle Anmerkungen und Literatur befinden sich im Anhang.
Klaus Brake

 

Quelle: disP 174, 3/2008, S. 88-90

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