Eike W. Schamp (Hg.): Globale Verflechtungen. Handbuch des Geographie-Unterrichts. Köln 2008. 269 S.
Andrew Herod: Geographies of Globalization. A Critical Introduction. Chichester et al. 2009. 278 S.

 

Gegenwärtig erfahren wir geradezu eine Überschwemmung mit Aufsätzen und Büchern zum Thema Globalisierung und dessen geographischen Aspekten. Dies hat aber durchaus seinen verständlichen Grund, denn die Globalisierung ist zweifellos eine der wichtigsten Erscheinungen des 21. Jahrhunderts und verändert nachhaltig die räumlichen Systeme. Die Bedeutung des Themas und die damit verbundenen wirtschaftlichen und auch gesellschaftlichen Herausforderungen sind allgemein anerkannt. Selbst der letzte Weltbankbericht beschäftigte sich mit wirtschaftsgeographischen Aspekten der Globalisierung.

Und in den Lehrplänen aller Bundesländer ist inzwischen das Thema Teil der Curricula in der Sekundarstufe 2. Zwei neue Bücher behandeln das Thema, nämlich das von E.W. Schamp herausgegebene Handbuch „Globale Verflechtungen“ und das von A. Herod erstellte Textbook „Geographies of Globalization“. Obwohl beide die Zielgruppe Schüler, Lehrer und Studierende ansprechen, ist der Vergleich eigentlich wie der von Äpfeln und Birnen. Denn auf der einen Seite finden wir den für den deutschen Sprachraum typischen Ansatz der systematischen Vermittlung von Wissen und auf der anderen Seite den in Amerika typischen essayistischen Lesestoff. Aber was spricht eigentlich gegen einen Vergleich; auch Äpfel und Birnen kann man nach Indikatoren – wie Gewicht, Farbe, Größe, Form, Vitamingehalt – vergleichen; letztlich bleibt es dann aber den individuellen Geschmackspräferenzen überlassen, was man lieber isst – und das gilt auch für das
Lesen der beiden Bände. Der Band „Globale Verflechtungen“ ordnet sich in die Reihe Handbuch des Geographieunterrichts ein. Er wurde von zahlreichen sachkompetenten Autoren erstellt und verfolgt den Ansatz, Fachwissen und Transfer in die Schulpraxis zu verbinden. Entsprechend beteiligten sich sowohl Fachwissenschaftler als auch Fachdidaktiker;
und nach allgemeinen Ausführungen (Kapitel 1 bis 3) folgt auch ein schulpraktischer Teil (Kapitel 4), in welchem im Unterricht einsetzbare Materialien zusammengestellt sind. Wesentliche Aspekte der globalen Verflechtungen werden in dem Werk aufgegriffen und kompetent diskutiert. Allerdings wirkt der systematische Zugriff etwas unübersichtlich,
und vor allem sind die inhaltlichen Umfänge ungleichgewichtig. So werden der internationale Warenhandel und Dienstleistungstransfer – ein zentrales Element internationaler Verflechtungen – gerade mal auf neun Seiten (zugegebenermaßen allerdings
sehr sachkompetent) diskutiert, während mehrfach ausführlich über Tourismus referiert wird
oder die globale Kommunikation 50 Seiten umfasst. Dadurch kann ein in dem Themenfeld weniger erfahrener Leser durchaus die Orientierung hinsichtlich zentraler und abhängiger Aspekte verlieren. Etwas überraschend ist auch der regionalgeographische Teil, dessen Unterkapitel eher willkürlich bezogen auf die Verfügbarkeit von Autoren denn systematisch abdeckend wirken; so werden ausführlich die Arbeitsmigration zwischen USA und Mexiko, Hochschulen in Costa Rica oder das Netzwerk syrischer Familien in der Karibik diskutiert. Natürlich sind das interessante Schlaglichter der Globalisierung, aber selbst bei einem von Fallbeispielen ausgehenden induktiven Schulunterricht wird die Verallgemeinerung nicht ganz einfach. So wirken manche Teile des Bandes eher als Mosaiksteine denn als klar konzipiertes Gemälde. Diese Kritikpunkte in der Systematisierung sind allerdings keineswegs auf die Teilkapitel zu übertragen; hier haben die Autoren wirklich sorgfältig
gearbeitet, wertvolle Informationen geliefert und diese auch schön mit Materialien untersetzt. Die Navigation in dem Werk wird erleichtert durch ein umfassendes Glossar und ein gutes Register. In dem vorliegenden Werk zu stöbern und vielfältige Anregungen zu erhalten, macht Spaß; dagegen ist es etwas schwieriger als einführendes Werk zu handhaben. Ziemlich antiquiert wirkt auch das Layout – obwohl in Zweifarbendruck. Bei einem Preis von 60 € hätte man eigentlich statt mancher Bleiwüsten eine pfiffigere (und zeitgemäße) Aufmachung erwartet. Das Lesebuch von A. Herod stellt sich ganz anders auf. Es hat eine klar nachvollziehbare inhaltliche Vorgehensweise, die offenbar von dem Autor in zahlreichen Seminaren ausprobiert wurde. Die Kapitel betreffen jeweils spannende und auch zentrale Elemente der Globalisierung. Der inhaltliche Zugriff erfolgt dann auf eine für deutsche Lehrbücher ungewöhnliche Weise. Es ist ein eher narratives und viele Elemente beschreibendes Vorgehen. Der umfangreiche Text kommt mit sehr wenigen Abbildungen aus,


und allgemeine Modellüberlegungen – wie sie ja bei uns immer in Vordergrund stehen – sind wenig ausgeprägt. Das empirisch-deskriptive Werk erläutert viele Beispiele und Aspekte und regt so den Leser zum Denken und zu eigenen Ableitungen an. Fragen am Ende von Kapiteln und vertiefende Literaturhinweise betonen den Seminarlektüre-Ansatz des Buches. Besonderen Wert in der vielfältigen Publikationslandschaft erhält das Buch durch die sehr ausführliche Diskussion historischer Dimensionen und durch die immer wieder vorsichtig kritische Sichtweise. Demgegenüber sind einige aktuelle Aspekte nur relativ kurz behandelt und wirken dadurch unvollständig. Insgesamt ein Lesebuch, in dem man gern schmökert, welches aber – auch aufgrund der wenigen Materialien – bei uns eher weniger als einführende Grundlage geeignet ist. Allerdings können im bilingualen Unterricht der Schulen und auch in englischen Seminaren der Universitäten die Texte sehr gut als Grundlage für die Diskussion Verwendung finden. Beide Bücher tragen dazu bei, dass wir noch mehr über Globalisierung lesen, Anregungen erhalten und unser Verständnis damit vervollständigen. Als Einstiegswerke sind sie aber – obwohl das ja eigentlich ihr Anspruch ist – nur teilweise geeignet. Und im Geschmack sind es halt Äpfel und Birnen; der eine Band liefert vielfältige Informationen, der andere inhaltliche Anregungen.
Elmar Kulke

Quelle: Die Erde, 140. Jahrgang, 2009, Heft 4, S. 353-354

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