Gisela Graichen u. Horst Gründer: Deutsche Kolonien. Traum und Trauma. Berlin 2007. 440 S.

Der Verlag schreibt einleitend: „Es ist an der Zeit, die Geschichte des deutschen Kolonialismus… neu zu erzählen.“ Warum am Beginn des 21. Jahrhunderts?
In der zweiten Hälfte des 20. Jhs. haben sich auch die Völker Afrikas von der direkten Kolonialherrschaft befreit und damit ein eindeutiges Urteil über Kolonialismus gefällt. Diese Tatsache wirkte auch auf die Bundesrepublik. Die überwältigende Mehrheit der Deutschen akzeptierte die Dekolonisierung als Realität und verdrängte die deutsche Mitbeteiligung an der  Kolonialherrschaft aus ihrem Bewusstsein, z.B. dass auch deutsche Diplomaten des  Kaiserreichs am Grünen Tisch in Europa an der willkürlichen Aufspaltung Afrikas beteiligt waren und die Grenzen von vier Kolonien in Afrika (heutigen Staaten) festgelegt hatten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Regierungen der damaligen Kolonialmächte erkannt, dass die „nationalen Kolonialimperien“ auch in Afrika nicht aufrechtzuerhalten waren. Sie wollten die hier neu entstehenden Staaten in ein regionales Satellitenverhältnis überführen und bezogen die Bundesrepublik in diese politische Konzeption ein, seit 1957 auch über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Kritiker bezeichneten dies damals, durchaus zutreffend, als „kollektiven Kolonialismus“ westeuropäischer Mächte. Stärker denn je sprechen heute die europäischen Regierungen, verbunden durch die Europäische Union, gegenüber den afrikanischen Staaten mit einer Stimme. Ihre Kolonialpropagandisten haben die Diskussion über die Rolle des Kolonialismus in der Weltgeschichte in den ehemaligen „Mutterländern“ neu entfacht, um dem Kolonialismus „trotz allem“ eine positive Rolle in der Vergangenheit zuzusprechen. Jedoch bezieht die Globalisierung auch die Staaten Afrikas verstärkt ein. Auch in Deutschland, als Mitglied der Europäischen Union, soll eine populärwissenschaftliche Darstellung eine moderne Kolonialideologie wieder in breitere Kreise der Bevölkerung hineintragen. Deshalb halten es der Ullstein-Verlag und die Autoren wohl für „an der Zeit“, die deutsch-koloniale Vergangenheit als Teil europäischer Kolonialgeschichte darzustellen. Unbestritten ist die durch zahlreiche Illustrationen aufgelockerte Gesamtdarstellung spannend geschrieben; die Überschriften der 16 Kapitel und Unterabschnitte wären es wert, hier wörtlich angeführt zu werden. Der Leser
wird sich an vielen gelungenen, zutreffenden Formulierungen erfreuen. Der Verlag hebt „diese erste populäre und wissenschaftlich fundierte Gesamtdarstellung des deutschen Kolonialismus“ hervor und wirbt mit Passagen aus Rezensionen, (z.B. „Welt am Sonntag“):
„faktenreich, anschaulich, vorurteilsfrei“. Zu diesem „vorurteilsfrei“ und der wissenschaftlichen Fundierung sind Bedenken anzumerken. In der Bibliographie des Buches ist nun kein Titel der wissenschaftlichen Literatur erwähnt, die in der DDR auf der Grundlage der Akten des Reichskolonialamtes (seit 1956 im Zentralarchiv in Potsdam) publiziert wurde. Das Urteil, ob missliebige Literatur einfach totzuschweigen als „wissenschaftlich fundiert“ gelten kann, bleibt dem Leser überlassen.
Trotz aller erfreulicher Kritik von Gisela Graichen und Horst Gründer an Kolonial- und rassistischer Politik bleiben ihre Darstellungen mehrfach unpräzise. Sie vermeiden in diesem Buch, das nach dem Urteil des Verlages im Taschenbuch „bereits als Standardwerk gilt“, eine Defi nition des Begriffes „Kolonialismus“. Dabei hatte Hartmut Schilling, vormals Professor für Ökonomie der Entwicklungsländer in Leipzig, bereits 1977 defi niert: „Kolonialismus ... ist stets die Ausbeutung und Unterdrückung eines in Abhängigkeit gebrachten Volkes durch die herrschende Klasse eines anderen Volkes unter Ausnutzung
von Unterschieden im Niveau der ökonomischen und sozialen Entwicklung“ (Schilling 1977: 11); er unterscheidet ferner die unterschiedliche Bedeutung der Kolonialherrschaft einerseits für die kolonial Unterdrückten, anderseits für die kolonialen Metropolen.
Statt der notwendigen Klärung des Begriffes fragen die Autoren in der Überschrift des einleitenden Kapitels (9): „Deutscher Kolonialismus – ein Sonderweg?“. Sie beantworten (11) diese Frage abschlägig. Dem ist die bekannte Tatsache entgegenzuhalten, dass jede Kolonialmacht auf Grund der Gesellschaftsordnung in der Metropole in der Kolonialpolitik ihren eigenen Weg festlegte. Folglich musste es einen „deutschen Sonderweg“ geben.
Aus Platzmangel kann der Rezensent seine Kritik betreffend die Kolonie Togo im Detail nicht darlegen. Interessenten wird dieser Teil per e-Mail von Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zugesandt. Auch für Togo wurde die Spezialliteratur offenbar nicht zur Kenntnis genommen. Dadurch ergeben sich eine Reihe von sachlichen Fehlern bzw. Fehleinschätzungen. Das seitens der deutschen Regierung vorgegebene Rassistenregime wird nicht so beim Namen genannt. Für Togo hatte die amtliche rassistische Klassifizierung zur Folge, dass in der sich Schritt um Schritt etablierenden Kolonialgesellschaft alle Schlüsselpositionen „Europäern“ vorbehalten blieben. Nicht ein togoischer Arzt wurde in den 30 Jahren deutscher Herrschaft ausgebildet. In 30 Jahren baute die Administration (für ca. 1 Mill. Menschen) vier Regierungsschulen, aber 12 Gefängnisse – Kommentar überfl üssig! Dass Gouverneur Zech 1907 eine 12tägige Arbeits- bzw. Geldsteuer pro Jahr für jeden Mann anordnete und damit das Leben bis ins letzte Dorf veränderte, wird ebensowenig erwähnt.
Zwar werden in dem Buch „auch in Togo Missstände“ eingeräumt und dafür die Beschwerde aus Lomé vom 12. Oktober 1913 an Staatssekretär Solf angeführt (114), nicht aber die weit umfangreicheren und konsequenteren Petitionen an den deutschen Reichstag aus Anecho und Lomé vom Mai 1914, die bereits 1988 im Wortlaut bei Peter Sebald veröffentlicht worden sind ( Sebald 1988: 654-675).
Die Autoren erwähnen ein gewichtiges Problem nicht: Wieso konnte mit einem Minimum von deutschen Verwaltungsbeamten (in Togo kaum 100) die Herrschaft bis ins entfernteste Dorf durchgesetzt werden? Jegliche Kolonialherrschaft beruht auf militärischer Gewalt, die deutsche aber im besonderen Maße, war doch schon das kaiserliche „Mutterland“ wegen des vorherrschenden preußischen Militarismus weltweit berühmt-berüchtigt. So bildete in Togo die Militärdiktatur mittels afrikanischer Söldner die Grundlage direkter Herrschaft bis 1914. Die rund 50 von der Administration im „friedfertigen Togo“ von 1895 bis 1903 ausgewiesenen Feldzüge waren als „Kriege“ getarnte vorsätzliche Morde, mit denen das koloniale Terrorregime seine künftige direkte fl ächendeckende Herrschaft und Macht über Leben und Tod signalisierte. Zumindest im allgemeinen Kapitel „Die Kolonialkriege – Völkermorde“ (161-167) hätten die Autoren auf diese Logik verweisen können.


Der These der Autoren (167, 199), es habe einen qualitativen Unterschied zwischen der rassistischen Politik im Kaiserreich und des Dritten Reiches gegeben, ist die simple, aber entscheidende Tatsache  entgegenzuhalten, dass beide Regimes die Hautfarbe und Rasse eines Menschen als Grundlage staatlicher Politik nahmen. Selbstverständlich verschärfte ein faschistisches Regime in der europäischen Metropole den Rassismus in der Kolonialpolitik. Die Autoren haben mit ihrem so interessant zu lesenden Buch die deutsche Version für einen im 21. Jh. internationalen Trend der Darstellung der Kolonialgeschichte vorgelegt. Sie sind in der Tat deutsche „Trendsetter“ für die Rechtfertigungstheorien der ehemaligen Kolonialmächte im Zeitalter der Globalisierung als Teil aktueller Politik. Dafür haben sie in manchen Medien ehrende Worte erhalten. Dass die Autoren erfreulich viele  kolonialkritische Passagen verwenden, bedarf keiner Erklärung. Es ist aber angesichts der bis in die Gegenwart reichenden „Entkolonialisierung“ in Europa darauf zu verweisen: Die Beseitigung der direkten Kolonialherrschaft als Tatsache anzuerkennen, bedeutet für manche Europäer nicht, auch aus innerer Überzeugung Kolonialismus prinzipiell abzulehnen.
Peter Sebald

Literatur
Schilling, Hartmut 1977: Krise und Zerfall des imperialistischen Kolonialsystems. Berlin (DDR).
Sebald, Peter: Togo 1884-1914. Berlin (DDR).

 

Quelle: Peripherie, 29. Jahrgang, 2009, Heft 116, S. 502-504

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