Alexander Flores: Der Palästinakonflikt. Freiburg i.Br., Basel, Wien 2009. 128 S.

Aufhänger des Buches, das als Band 6082 in der Reihe „Wissen was stimmt“ erschienen ist, ist der jüngste Krieg, mit dem Israel den Gaza-Streifen überzog. Dieser Krieg lasse sich nur richtig verstehen, „wenn man den Gesamtzusammenhang ins Auge fasst, und das ist oft die ganze Geschichte des Palästinakonflikts seit seinem Einsetzen in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts“ (11). Damit hat der Autor einen hohen Anspruch formuliert, den auch der Titel der Reihe einzulösen verspricht.

Diese soll auf jeweils 128 Seiten über gängige Themen aufklären, in diesem Jahr u.a. über „Geht uns das Erdöl aus?“, „Globalisierung“,
„Piraten“, „Al-Qaida“ oder „Nationalsozialismus“. Mehr als ein Basiswissen kann dabei nicht herauskommen.
Unhintergehbare Voraussetzung der Darstellung ist Alexander Flores’ Auffassung: „Den Palästinensern wurde mit der Gründung des Staates Israel und ihren Begleitumständen ein historisches Unrecht angetan, und die israelische Politik seither setzt dieses Unrecht fort. Scharfen Kritikern Israels wird oft der Wunsch unterstellt, es verschwinden zu sehen. Nichts dergleichen ist hier intendiert. Israel existiert, auf seinem Boden ist eine neue jüdisch-hebräische Nation entstanden, die nur diese Heimat und diesen Staat hat. Jeder Versuch, Israel zu beseitigen, wäre ein neues schweres Unrecht. Freilich sollte alles getan werden, Israel von seiner bisherigen Politik abzubringen, die es immer wieder in die Konfrontation mit den Palästinensern und anderen Arabern getrieben hat.“ (12)
Auf dieser Grundlage erläutert Flores in den Kapiteln „Der Zionismus“ (15ff), „Palästina vor 1948“ (27ff), „Die Gründung des Staates Israel und die Folgen“ (51ff), „Die Besatzung“ (67ff), „Der Oslo-Prozess“ (83ff) und „Bilanz und Ausblick“ (117ff) umrisshaft Wurzeln und Verlauf des Konfl ikts. Er zeigt, wie aus dem friedlichen Zusammenleben von Juden und Arabern im 19. bis hinein ins 20. Jahrhundert eine kriegerische Auseinandersetzung wurde. Der „Anhang“ vervollständigt das Buch u.a. durch eine „Chronologie“ (123ff) und eine Karte der „Autonomie-Gebiete der Palästinenser nach den Oslo-Abkommen 1993 und 1995“ (128).
Der Zionismus entstand Ende des 19. Jahrhunderts in Europa aus einer Verknüpfung jüdischer Traditionen mit dem hegemonial gewordenen Nationalismus. Flores versteht ihn als „eine Reaktion auf die Not der europäischen Juden im späten 19. Jahrhundert“ (16). Andere Reaktionen waren Engagement „in revolutionären oder reformerischen   Bewegungen, um die Lage (der Juden, MK) dort zu verbessern, wo sie sich befanden“ (17), oder Auswanderung ohne ein politisches Projekt. „Grundidee des politischen Zionismus war die Vorstellung, man könne die Not der Juden durch Konzentration möglichst aller Juden der Welt in einem Territorium und die Gründung eines jüdischen Nationalstaats auf diesem Territorium beheben.“ (18) Auf dieser Basis propagierte er die Auswanderung nach Palästina. Dies schuf die ersten Konfl ikte, denn während religiös motivierte Einwanderer sich in Städten niederließen und „im Wesentlichen von der Wohltätigkeit europäischer Juden“ (16) lebten, gründeten die zionistische inspirierten landwirtschaftliche Kolonien und konkurrierten so „mit der einheimischen Bevölkerung [...] um dieselben Ressourcen, vor allem um Land“ (15).
Zudem konnte der Zionismus sein Projekt nur im Bündnis mit den damals dominanten Mächten realisieren. Er war also in „doppelter Hinsicht ... eine europäische Erscheinung: durch seine Entstehung vor dem Hintergrund der Lage der europäischen Juden in der nationalistisch aufgeladenen Atmosphäre Europas, und weil seine Verwirklichung in Palästina nur dadurch möglich war, dass die europäischen Kolonialmächte nach dem Ersten Weltkrieg den Nahen Osten beherrschten, über die ehemals osmanischen Territorien nach ihren Machtinteressen verfügten und in diesem Rahmen das zionistische Projekt begünstigten.“ (20).
Im weiteren Verlauf der Darstellung zeigt Flores, wie sich der Konflikt durch die Politik der Zionisten in Verbindung mit der britischen Kolonialverwaltung bis zu seinem Höhepunkt in der Ausrufung des Staates Israel am 14. 5. 1948 verschärfte, indem die Interessen der einheimischen Bevölkerung schlicht übergangen, Zusicherungen nicht eingehalten und Verträge gebrochen wurden. Er erläutert darüber hinaus, warum die Palästinenser mehrheitlich die zionistische Einwanderung ablehnten. Als Gründe nennt er ihre Vertreibung von dem Land, das zionistische Einwanderer ihnen abkauften, die Verweigerung der Unabhängigkeit durch die britische Mandatsregierung und die Einschätzung des Zionismus „als Bedrohung palästinensischer Existenz im Land schlechthin.“ (42) Einen weiteren Aspekt in der Dynamik des Konfl ikts stellt der Nationalsozialismus dar. Denn durch ihn beschleunigte sich die Auswanderung. Zudem kooperierten die Zionisten mit
den Nazis „aus einer partiellen Identität von Interessen, nämlich an jüdischer Auswanderung aus Deutschland bzw. Einwanderung nach Palästina und an dem daraus zu ziehenden ökonomischen Nutzen.“ (49)
Scharf kritisiert Flores die Politik Israels seit seiner Gründung. Seiner Ansicht nach war der Konfl ikt bislang auch deshalb nicht zu lösen, weil Israel eine Lösung verhinderte. Abschließend zeigt Flores Perspektiven einer Friedensregelung auf, ohne die Schwierigkeiten zu verschweigen, die damit verbunden sind. Insgesamt gelingt es ihm, darzustellen, wie verfahren die Konfliktlage ist. Dies führt ihn zu dem Ergebnis, dass
Israel gezwungen sein werde, „gründlich umzusteuern und eine auf Ausgleich mit den Palästinensern beruhende Regelung anzustreben. Das wird nach so langer Zeit ganz gegenläufi ger Dynamik des Konfl ikts nicht leicht sein; auch innerisraelisch schwer durchzusetzen. Manche sagen einen Bürgerkrieg mit den Siedlern und ihrem Milieu voraus, wenn es tatsächlich zum Rückzug aus allen besetzten Gebieten kommt.“ (120) Dennoch bezeichnet er den Rückzug als „sinnvolle und legitime Forderung“ (122). Denn „die Alternative – Fortsetzung des bisherigen Kurses – wird weiter unaussprechliches Leid bedeuten, und zwar nicht nur für die Palästinenser, sondern auch für die  Israelis.“ (120) Gerade diese Widersprüchlichkeit spiegelt die Antinomien der gegenwärtigen Konfliktlage wider. Denn selbstverständlich führte auch ein Bürgerkrieg in Israel zu großem Leid.
Erfreulich ist, dass Flores den Zionismus im Kontext nicht nur des europäischen Nationalismus, sondern auch des Antisemitismus zu verstehen versucht. Allerdings fehlt ihm ein ausreichendes Wissen über jüdische Traditionen. Denn dieses hätte ihm eine andere Bewertung der Zusammenarbeit zwischen Zionisten und Nationalsozialisten ermöglicht.
Während er „die Palästinenser“ (49) mit Ausnahme des Muftis von Jerusalem Amin al-Husaini von einer solchen Kooperation freispricht, hält er sie für „die Zionisten“ durchaus für konsequent und meint: „Es wirft allerdings kein sonderlich positives Licht auf die Sache des Zionismus insgesamt, dass die Zionisten … bereit waren, mit den Nazis zusammenzuarbeiten und dabei auch den von anderen jüdischen Organisationen ausgerufenen Boykott zu durchbrechen.“ (49f) Einmal abgesehen davon, dass die Rede von „den Palästinensern“ bzw. „den Zionisten“ Differenzierungen weitgehend vermissen lässt, so war diese Art der Zusammenarbeit mit dem Feind in der Geschichte des Judentums stets umstritten, wie ein Blick in kanonische und außerkanonische Schriften zeigt, und es gab und gibt keine Instanz, die diesen Streit entscheiden oder auch nur schlichten könnte. Zudem rettet ein Boykott keinem aktuell mit Vernichtung bedrohtem Menschen das Leben. Angesichts der Unwilligkeit der nicht von deutschen Truppen besetzten Nachbarstaaten, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen, könnte man mehr Verständnis für die zionistische Praxis erwarten, ohne sie darum gutzuheißen oder die Differenzen zwischen verschiedenen jüdischen Organisationen zu leugnen.
Eine weitere Schwäche des Buches ist, dass Flores die Palästinenser völlig unproblematisiert als „ursprüngliche Bevölkerung des Landes“ (15) bezeichnet. Der Landstrich ist seit mehr als 5.000 Jahren dauerhaft besiedelt; er hat die Oberhoheit mehrerer (Welt-) Reiche über sich ergehen lassen müssen und die verschiedensten Völkerschaften kommen und gehen gesehen. Wenn vor diesem Hintergrund die Rede von einer „ursprünglichen Bevölkerung“ überhaupt sinnvoll sein soll, bedarf sie einer Begründung, die die Frage klärt, wie lange Menschen in der Region gelebt und sich als Kollektiv aufgefasst haben müssen, um die Bezeichnung zu Recht zu tragen.


Zu guter Letzt führt die Begrenzung des Blicks auf den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern dazu, dass der Umgang der arabischen Nachbarn mit ihnen völlig unberücksichtigt bleibt. Wer beispielsweise die Abriegelung des Gazastreifens kritisiert, sollte zumindest erwähnen, dass auch Ägypten daran beteiligt ist. Denn das Verhalten der arabischen Staaten gehört ebenfalls zum „Gesamtzusammenhang“ des Konflikts. Dann muss man allerdings bezweifeln, dass der Konflikt im Rahmen der Herder-Buchreihe überhaupt angemessen darzustellen ist. Diese Zweifel verstärken sich angesichts des Titels der Reihe. Wenn hier nämlich „Wissen was stimmt“ versammelt ist, wird damit eine Vollständigkeit behauptet, die im genannten Umfang nicht annähernd möglich ist. Zugleich erteilt der Reihentitel Denkverbote. Trotz dieser Kritik sei die Lektüre des Buches ausdrücklich angeraten. Denn es bietet einen Überblick über den Konfl ikt und stellt daher einen wichtigen Beitrag zu einer notwendigen Diskussion dar.
Michael Korbmacher

 

Quelle: Peripherie, 29. Jahrgang, 2009, Heft 116, S. 508-511

Kommentar schreiben