Raffael Scheck: Hitlers afrikanische Opfer. Die Massaker der Wehrmacht an schwarzen französischen Soldaten. Aus dem Englischen von Georg Felix Harsch. Hamburg 2009. 196 S.

Die Bedeutung des globalen Südens im Zweiten Weltkrieg ist in letzter Zeit verschiedentlich und verstärkt thematisiert worden. Raffael Schecks im Original 2006 veröffentlichte Untersuchung ist dabei auf breite Resonanz gestoßen. Bereits 2007 erschien eine französische Übersetzung. Die Arbeit untersucht in erster Linie Ereignisse, die sich während des kurzen Zeitraums von Anfang Mai bis Mitte Juni 1940 zutrugen, in denen die deutsche Wehrmacht in zuvor kaum für möglich gehaltener Geschwindigkeit Frankreich sowie die Benelux-Staaten überrannte und größtenteils besetzte.

Der sehr detailliert aus verstreuten Quellen beider kriegführender Seiten erhobene Tatsachenbericht lässt sich schnell resümieren: Es kam vor allem mit dem Fortschreiten des deutschen Feldzuges immer wieder, aber keineswegs generell zu Erschießungen gefangener, vorwiegend aus Westafrika stammender Rekruten, die einen nicht unwesentlichen Teil der französischen Armee ausmachten. Auch in den Kriegsgefangenenlagern, in denen die Überlebenden interniert wurden, unterlagen sie besonders schlechten Bedingungen, die sich allerdings nach einigen Monaten besserten, wohl aufgrund der kolonialen Perspektiven, die sich Nazi-Deutschland für einen begrenzten Zeitraum eröffneten und für die Kollaborateure rekrutiert werden sollten.
Freilich begnügt sich Scheck nicht mit diesem auf intensiver Quellenarbeit beruhenden Befund. Seine Versuche der Einordnung und Interpretation sind aufschlussreich und sprechen mehrere Perspektiven an. Zum einen stellt Scheck einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen des Jahres 1940 und den unter deutscher Ägide geführten Kolonialkriegen zu Beginn des 20. Jahrhunderts her, wobei freilich nur der Deutsch-Herero-Krieg in Namibia und der Maji-Maji-Krieg in Tanzania herausgegriffen werden. Wie Scheck deutlich belegt, haben diese Kriege, vor allem aber die genozidale Kampagne im damaligen Deutsch-Südwestafrika, wesentlich dazu beigetragen, Schwarze im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands als brutal, blutgierig, ja nicht eigentlich menschlich zu charakterisieren. Dies legitimierte die Vernichtungsstrategie auch im metropolitanen Diskurs. Scheck verweist jedoch auch auf den stillschweigenden und ironischen Widerspruch, der im Ersten Weltkrieg mit der Romantisierung der ostafrikanischen Kampagne Lettow-Vorbecks und seiner“ Askari bestand. Der Erste Weltkrieg konfrontierte dann deutsche Truppen bereits mit unter französischer Flagge kämpfenden Kolonialtruppen, und dies prägte einige der Propaganda-Klischees, die 20 Jahre später wieder aufgegriffen wurden; verstärkt wurde dies durch die anlässlich der Rheinlandsbesetzung nach 1919 betriebene Propaganda über die „schwarze Schmach am Rhein“. Diese Register wurden während des Frankreichfeldzuges 1940 auch durch spezifische Initiativen von Hitler und Goebbels aktiviert und verstärkt. Die Propagandaoffensive fügte sich in breitere Argumentationsmuster ein, die Frankreich als dekadent und jüdisch beherrscht darstellten, womit der Rückgriff auf schwarze Soldaten als besonders sinistre Maßnahme und Verrat an der „weißen Rasse“ erschien. Scheck sieht hier den von Herbert C. Kelman und V. Lee Hamilton als „Autorisierung“ von (Kriegs-)Verbrechen bezeichneten Vorgang als abgeschlossen an (vgl. bes. 122).
Weitere Faktoren kamen hinzu. Die Vorstellung vom Afrikaner als besonders grausamem Kämpfer wurde durch Gräuelberichte über die Verstümmelung gefallener Deutscher bestärkt, aber auch durch die besondere Hartnäckigkeit und Tapferkeit, mit der viele afrikanische Einheiten ihre Stellungen verteidigten. Gerade hier verweist Scheck auf die unterschiedliche Behandlung schwarzer und weißer Kriegsgefangener. Zugleich arbeitet er aber heraus, dass in einer generell durch das Chaos eines unverhofft schnellen deutschen Vormarsches, des Rückzuges der französischen Armee und der Flucht von Millionen von Zivilisten gekennzeichneten Situation nicht von einem systematischen Vorgehen der Wehrmacht gesprochen werden kann: Unterschiedliche Einheiten verhielten sich keineswegs gleichförmig, und oft rettete das mutige Eintreten der weißen französischen Offiziere für ihre schwarzen Soldaten, gelegentlich aber auch Einsicht, Anstand und Mut eines Deutschen einer Gruppe schwarzer Kriegsgefangener das Leben. Dem stehen selbstverständlich  spiegelbildliche Situationen gegenüber.
Eine dritte Ebene betrifft die Entwicklungslinie der deutschen Kriegführung im Zweiten Weltkrieg: Scheck verweist darauf, dass bereits beim Überfall auf Polen 1939 die Liquidation von Zivilisten und Kriegsgefangenen eine Rolle spielte, zugleich aber deutliche Spannungen zwischen Wehrmacht und SS erkennbar waren. Der Frankreichfeldzug wird demgegenüber meist als nach den Maßstäben des Rechtes im Kriege korrektes Gegenstück gesehen. Diese Sicht wird durch die Verbrechen an den afrikanischen Soldaten nicht unwesentlich differenziert. Damit lässt sich die Entwicklungslinie zum darauf folgenden Krieg im Balkan und gegen die Sowjetunion weiter verfolgen, wo schließlich 1941 mit dem „Kommissarbefehl“ die Liquidation spezifischer Gruppen von Gefangenen systematisiert wurde.
Von Scheck weniger systematisch ausgeführt, aber vor allem aus den Quellenzitaten erkennbar sind Argumentationen auf französischer Seite. Dies gilt insbesondere für die Tendenz zur Inklusion der afrikanischen Soldaten in die Republik, die für die Kolonisierten ja nur begrenzt Realität war, und für den von gefangenen Offizieren vorgebrachten Verweis, ihre Loyalität und Tapferkeit beruhe auf der von Frankreich erfolgreich wahrgenommenen zivilisatorischen Mission. Offen bleibt schließlich, inwiefern die teilweise als Elitetruppen angesprochenen schwarzen Regimenter an Stellen eingesetzt wurden, die besonders riskant waren. Ihre Todesquoten lagen jedenfalls oft weit über denen der übrigen Abteilungen. All dies verweist auf die Selbstverständlichkeit, mit der an kolonialen Diskursen festgehalten wurde.


Leider wurde die deutsche Fassung nur sehr fragmentarisch aktualisiert, so dass neuere Arbeiten gerade aus Deutschland, die sich nicht zuletzt mit dem für das Rassismus-Register wichtigen Bild des „Askari“ auch noch während der 1930er Jahre und allgemeiner mit der Lage und Behandlung von Afrikanern im Nationalsozialismus befassen, unberücksichtigt geblieben sind.
Reinhart Kößler

 

Quelle: Peripherie, 29. Jahrgang, 2009, Heft 116, S. 506-508

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