Werner Heinz: Der große Umbruch. Deutsche Städte und Globalisierung. Berlin (Edition Difu Stadt Forschung Praxis 6) 2008. 354 S.

Nachdem Anfang des Jahres 2008 die drei Stadtsoziologen HARTMUT HÄUSSERMANN, DIETER LÄPPLE
und WALTER SIEBEL ihre langjährigen Forschungsaktivitäten zur Stadtpolitik in Deutschland bereits in einem bemerkenswerten Suhrkamp Taschenbuch zusammengetragen und veröffentlicht haben, ist Ende 2008 ein weiteres ausgesprochen instruktives und umfassendes Werk zur aktuellen Situation der kommunalen Stadtpolitik in Deutschland erschienen. WERNER HEINZ, der seit vielen Jahren beim Deutschen Institut für Urbanistik am Standort Köln beschäftigt ist und von daher ein hervorragender Kenner der kommunalen Praxis in Deutschland ist, hat sich gründlich und grundsätzlich mit dem viel diskutierten und zitierten Phänomen der Globalisierung auseinander gesetzt.

Er hat sich die beiden einfachen, aber doch hoch anspruchsvollen Fragen gestellt, wie sich die weltweite Globalisierung auf die Städte in Deutschland auswirkt und mit welchen Strategien und Aktivitäten die Städte versuchen, dieser Globalisierung zu begegnen. Die aktuelle weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise gibt dem Buch eine Aktualität, die der Verfasser beim Recherchieren und Schreiben noch nicht ahnen konnte. Dabei ist – um es vorweg zu nehmen – ein dichtes und ausgesprochen anregendes Werk herausgekommen, das zahlreiche Hinweise gibt, weiter über das Verhältnis von weltweit wirksamen Prozessen und konkretem Handeln der Entscheidungsträger vor Ort nachzudenken.
Auch wenn der Begriff der Globalisierung erst seit Anfang der 1990er Jahre in der  Gesellschaftspolitischen Debatte verwendet wird, gibt es einen allgemeinen Konsens, dass die Prozesse der Globalisierung bereits sehr viel früher einsetzen. In einem ersten Abschnitt beschränkt sich WERNER HEINZ dann aber zu Recht auf den aktuellen Handlungsrahmen, in dem er die maßgeblichen Triebkräfte für die jüngere Globalisierung identiiziert. Schlaglichtartig werden Entwicklungen wie die Krise des Fordismus oder die Neuausrichtung des internationalen Währungs- und Finanzsystems, die Prinzipien des Neoliberalismus oder die technologischen Innovationen im Produktions-, Kommunikations- und Transportsektor als solche Triebkräfte erläutert. Ergänzt wird die Darstellung dieser allgemeinen Entwicklungen um die vielfältigen weltpolitischen Ereignisse, die zur Öffnung der Grenzen und zu neuen Marktteilnehmern geführt haben, um die Veränderungen in der Europäischen Union mit der Öffnung neuer Märkte und um einen Richtungswechsel in der deutschen Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik, der den Sozial- und Wohlfahrtsstaat verändert hat.
Im zweiten Abschnitt beschäftigt sich WERNER HEINZ dann mit den vielfältigen Auswirkungen der Globalisierung auf die kommunale Ebene. Dabei konzentriert er sich auf sechs Felder: den wirtschaftlichen Strukturwandel, die zahlreichen Konsequenzen der Globalisierung für den Arbeitsmarkt, den demographischen Wandel, die soziale Spaltung der Gesellschaft, die wachsenden groß- und kleinräumigen Disparitäten sowie die Auswirkungen der Globalisierung auf die kommunale Selbstverwaltung. Auch wenn sich die Wirkungen im Einzelfall zwischen den Städten unterscheiden, überwiegt bei WERNER HEINZ doch eine kritische Einschätzung gegenüber dem Phänomen der Globalisierung. So geht beispielsweise die lokale Verbundenheit der Unternehmen mit den Städten verloren, so sind Arbeitslosigkeit und schlecht entlohnte Beschäftigungsverhältnisse ein zunehmend verbreitetes Phänomen, so belastet die unterschiedliche räumliche Verteilung von Migranten und Aussiedlern einzelne Städte in  besonderer Weise,so führen Armut und Arbeitslosigkeit zu sozialer Isolierung und Ausgrenzung, so gibt es räumlich Gewinner und Verlierer der Globalisierung, und so werden die kommunalen Handlungsspielräume durch eine Verbetriebswirtschaftlichung und Verschlankung der Verwaltung reduziert.
Nach dieser schonungslosen Analyse zeigt WERNER HEINZ im dritten Teil die vielfältigen kommunalen Reaktionen auf diese Wirkungen der Globalisierung. Er stellt dabei auf der einen Seite wettbewerbsorientierte Angebotspolitiken heraus, die die Standortbedingungen verbessern sollen und deshalb stark die kommunale Wirtschaftsförderung betreffen, und beschreibt auf der anderen Seite bewohnerorientierte Innenpolitiken, die sowohl soziale Aspekte als auch Integrations- und Qualiizierungsaspekte umfassen. Kommunale Aktivitäten wie die wachsende internationale Vernetzung oder die Maßnahmen zur Image- und Attraktivitätssteigerung können auf diese Weise ebenso eingeordnet werden wie beispielsweise die kommunalen Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitiken. Damit macht WERNER HEINZ deutlich, dass die Kommunen gleichzeitig versuchen, sich einerseits im scharfen heute internationalen Wettbewerb der Städte zu behaupten sowie sich andererseits mit den „Nebenwirkungen“ der Globalisierung auseinanderzusetzen.
WERNER HEINZ stützt seine Untersuchung auf rund 50 Interviews, die er eigens für die Studie mit ausgewählten Experten geführt hat. Dabei handelt es sich um kommunale  Entscheidungsträger in leitenden Funktionen aus ausgewählten deutschen Städten und um andere Schlüsselpersonen wie beispielsweise Unternehmer oder Raum- und Wirtschaftswissenschaftler, die mit den aktuellen kommunalen Entscheidungsprozessen gut vertraut sind. Zusätzlich hat er zahlreiche Dokumente aus den fast 20 Untersuchungsstädten ausgewertet. Er greift so auf vielfältige Erfahrungen zurück und zeichnet dadurch ein schlüssiges Bild der aktuellen Lage in der deutschen Stadtpolitik.


Das Buch ist vor der großen Wirtschafts- und Finanzkrise recherchiert und geschrieben und erhält durch die Entwicklungen seit dem Herbst 2008 noch einmal eine besondere Brisanz. Es sei auch deshalb allen Geographen empfohlen, die sich mit den Phänomenen von Stadtentwicklung und Globalisierung in Deutschland beschäftigen, weil es einen treffenden praxis- und realitätsnahen Blick einnimmt, gleichzeitig aber auch durch eine kritische gesellschaftspolitische Haltung gekennzeichnet ist. Das Buch zeigt den „großen Umbruch“ – so der Titel – wenn auch deutlich wird, dass die Prozesse die deutschen Städte in unterschiedlicher Weise treffen und die Städte auch unterschiedlich reagieren. Am Ende der Untersuchung steht dann eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen, die sich durch eine Mischung aus Resignation und Skepsis sowie gut gemeinten Ratschlägen für eine Stadtpolitik auszeichnen, die sich einer „Globalisierung mit menschlichem Antlitz“ verplichtet fühlen soll.
Claus-C. Wiegandt

 

Quelle: Erdkunde, 63. Jahrgang, 2009, Heft 3, S. 284-285

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