Peyman Javaher-Haghighi: Iran, Mythos und Realität. Staat und Gesellschaft jenseits von westlichen Sensationsberichten. Münster 2008. 172 S.

Den Iran durchzieht ein entscheidender Widerspruch: eine Theokratie, die die Gesellschaft nach der Scharia gestalten will, mit einer der »säkularsten Bevölkerungen in der Region« (8). Verf. verfolgt das Ziel, die Außenwahrnehmung des Iran, die nicht zuletzt auf mangelhaften analytischen Beobachtungskategorien beruht, zu korrigieren:

»Die [...]  Annahme, wonach Regierungen [...] Völker repräsentieren«, verkennt »die Entfremdung  zwischen der [Islamischen Republik Iran] und der Bevölkerung [...] und vernachlässigt die Eigendynamik der iranischen Gesellschaft. Eine unkritische Übertragung europäischer Begriffe wie ›konservativ‹, ›liberal‹ und ›reformistisch‹ [...] erschwert eine realistische Analyse.« Hierdurch entstehe ein falsches Bild von einem Land, »in dem keine politischen Parteien im europäischen Sinne existieren« (9). Schließlich lasse »eine Sichtweise, die lediglich legale Entwicklungen wahrnimmt, soziale Bewegungen und deren beachtlichen Einfl uss auf die gesellschaftliche Entwicklung außer Acht« (ebd.), während gleichzeitig die Betrachtung der gesellschaftlichen Widersprüche durch die religiöse Brille den Blick auf das Wesentliche verstelle. Die Bedeutung des Schiitentums werde gemeinhin übertrieben.
Folge dieser Wahrnehmung sei, dass das politische Gewicht des angeblichen Reformpräsidenten Khatami überschätzt worden ist. In den hiesigen Massenmedien wurde sein »Wahlsieg gefeiert, ohne seine tatsächliche Reformbereitschaft und seine Machtbefugnisse nüchtern einzuschätzen. Später wurde sein vorhersehbares Versagen als Niedergang der Reformbewegung schlechthin bewertet. In beiden Fällen ersetzte eine oberfl ächliche Personifi zierung der Politik die sorgfältige Analyse der gesellschaftlichen Entwicklungen« (71). Eine ähnliche mediale Verzerrung erfolgte, als Ahmadinedschad zum Präsidenten gewählt wurde. Den westlichen Medien bestätigte er Vorurteile über den ›Orientalen‹. Die Medien richteten ihr Augenmerk auf den Demagogen, während die sozialen Bewegungen – die Arbeiterbewegung, die Frauen- und die Studentenbewegung – sowie ihre Streiks und Demonstrationen unterbelichtet blieben. Dabei wird auch die Außenpolitik personalisiert und werden andere gesellschaftliche Machtapparate (z.B. die Institution des ›religiösen Führers‹ sowie der Wächterrat) und die sozialen Strukturen unterschätzt.
Verf. widmet sich jedoch nicht bloß den westlichen Mythen, sondern auch denen der iranischen Regierung, wie z.B. jenem, dass die staatsgründende Revolution gegen das Schah-Regime religiös motiviert gewesen sei, der die Grundlage dafür bildet, dass sich die islamistische Regierung »als rechtmäßige Repräsentantin der revolutionären Massen« und ihr autoritäres »Islamisierungsprojekt als Volkswille« (11) darstellt. Dieser Mythos verdecke die sozialen und politischen Ursachen der Revolution und die Tatsache, dass die ursprüngliche Legitimität der religiösen Führer aus den durchaus innerweltlichen sozialen Versprechen resultiert habe: Der Islamismus war »weder der Motor noch das Motiv der Revolution« (25).
Verf. liefert eine vielschichtige Analyse der iranischen Gesellschaft. Den Atomkonflikt mit den USA sieht er sowohl geopolitisch als auch innenpolitisch motiviert: Die antiamerikanischen Stimmungen seit der Irakokkupation dienen der Theokratie dazu, von den inneren »sozialen Problemen abzulenken und [die] Repressalien gegen die Demokratiebewegung zu intensivieren« (126). Trotzdem sei es nicht gelungen, das Atomprogramm, das auch zur Unterdrückung nach innen beitragen könne, »in ein ›nationales Projekt‹ zu verwandeln, das von den breiten Massen der Bevölkerung mit Begeisterung unterstützt« werde (125). Auch Ahmadinedschads antisemitische Äußerungen begreift Verf. als nach innen gerichtete Ablenkungsstrategie.
Den iranischen Kapitalismus durchzögen zahlreiche Widersprüche und gegenläufige Tendenzen: Einerseits habe die Gewerkschaftsfeindlichkeit der Theokratie »traumhafte Bedingungen für die Ausbeutung der Lohnabhängigen« (78) geschaffen, andererseits seien durch den nicht selten religiös motivierten Staatsinterventionismus keine nachhaltigen Entwicklungsperspektiven entwickelt worden. »Der periphere Kapitalismus im Iran mit der dominanten Rolle eines ›Gottesstaates‹ vereint [...] die Nachteile der puren Marktwirtschaft mit denen einer [...] Kommandowirtschaft à la Sowjetunion« (90), d.h. niedrige Produktivität und Massenarbeitslosigkeit. Ahmadinedschad, der seinen Wahlsieg insbesondere den ärmeren Schichten, z.B. aus dem Teheraner Süden, verdankt hat, stellt Verf. ein schlechtes Zeugnis aus und wirft seiner Regierung »laienhaften punktuellen Aktionismus« vor, der »zwar kurzfristig einem kleinen Teil der unteren Schichten von Nutzen sein kann, aber wirtschaftliche Probleme ungelöst lässt und durch steigende Inflation vor allem die unteren Schichten mehr belastet« (94).


Die politische Verfasstheit des Iran sieht Verf. als zentrale Problematik. Der weitgehend demokratisch motivierten Bevölkerung (65, 151) stellt er die reformabgewandte und starr antidemokratische Struktur der Theokratie und ihrer Verfassung (59ff) gegenüber. Die kriegerische Einmischung des Westens in die inneren politischen Verhältnisse lehnt Verf. kategorisch und mit gutem Grund ab. Er spricht sich jedoch auch gegen eine Zusammenarbeit des Westens mit der Regierung aus. Motor der Veränderung sei die  Demokratiebewegung, denn sie sei »die einzige Kraft, die eine emanzipatorische Perspektive [...] anbieten und dadurch zu einer friedlichen Entwicklung der ganzen Region beitragen könnte. Sie allein verdient es also, von der weltweiten Friedensbewegung unterstützt zu werden« (151). Als Modell scheint Verf. Südafrika vorzuschweben. Mandela zitiert er wohlwollend mit den Worten: »Es gibt keinen größeren Verdienst als einer Gesellschaft zu helfen, sich selbst zu befreien.« (150)
Ralf Burnicki

 

Quelle: Das Argument, 51. Jahrgang, 2009, S. 361-362

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