Dieter Haller: Lone Star Texas. Ethnographische Notizen aus einem unbekannten Land. Bielefeld 2007. 221 S.

Die Ära George W. Bush jr. war voller Irritationen für die transatlantischen Beziehungen. Dabei dient die Tatsache, dass die Familie Bush in Texas beheimatet ist, allgemein als Teil der Erklärung von  Besonderheiten USamerikanischer Politik, die Europäern eigenartig vorkamen und sie irritierten. Bis heute ist der Bundesstaat Texas ein Kristallisationspunkt für alle möglichen Urteile und Vorurteile, die Europäer gegenüber den USA hegen.

Dieter Haller, Ethnologe an der Universität Bochum, hat sich während eines mehrjährigen Aufenthalts an der University of Texas in Austin die texanische Gesellschaft als ethnologisches Untersuchungsobjekt auserkoren. Dabei kommt Bekanntes, aber auch Überraschendes zutage. Sein theoretischer Ausgangspunkt ist zunächst die Annahme, dass Persönlichkeitsstrukturen in Wechselbeziehung mit der jeweiligen Kultur stehen, eine Position, die Haller von der „Culture and Personality“-Schule modifiziert übernimmt. Auf unterschiedlichen Feldern spürt Haller diesen kulturellen Formen nach, um dann in einem stärker theoretischen Kapitel genauer auf die „texanische Persönlichkeit“ einzugehen. Sowohl die Familiengeschichten im Ort des Landsitzes von George W. Bush jr. gehören dazu wie die Schießübungen von Krankenschwestern als Freizeitgestaltung oder eine Flussfahrt mit kreischenden Jugendlichen. Haller verwebt diese erzählend und interpretativ gestalteten Kapitel mit weiteren Alltagsbeobachtungen – im Supermarkt, auf der „Southfolk Ranch“, im Berufsalltag an der University of Texas, und mit einer Analyse des historischen Mythos von Texas, der Belagerung von „The Alamos“.
Auf diese Weise entsteht ein ausgesprochen lesbares und unterhaltsames Buch. Und diese Unterhaltsamkeit gerät dem wissenschaftlichen Gehalt des Buches keineswegs zum Nachteil. Das wird deutlich, wenn seine erzählenden Analysen ihren Höhepunkt in der Schilderung von Sitzungen des Diät-Unternehmens „Weight Watchers“ erreicht. Die Praktiken in dieser genuin US-amerikanischen Organisation sind von einer verkannten Politizität: Denn hier wird deutlich, wie die Praktiken des „reporting“ und symbolischen „rewarding“ und die Formeln des „supporting, helping, sharing“ zu Techniken des Selbst (Michel Foucault) werden und damit eine politische Dimension entwickeln, die ein direktes Korrelat zu den  politikwissenschaftlich immer stärker beachteten Institutionen werden. Die Erfindung von „Weight Watchers“ zeigt paradigmatisch den diskursiven Umschwung von der Benennung sozialer Probleme als gesellschaftlicher Aufgaben hin zu ihrer individualisierenden Interpretation als persönliche Risiken, mit deren Bewältigung die Subjekte allein gelassen werden.
Haller gelingt es so zu zeigen, wie eng vermeintlich Unpolitisches mit den politischen Selbstverständnissen und Haltungen zusammenhängt. Seine Analyse beginnt mit der Siedlungsgeschichte und den Praktiken des Raumes, in denen sich Texas auch für  amerikanische Maßstäbe durch Größe und Weite auszeichnet. Dass in der historischen Frontier-Situation ein für Mitteleuropäer irritierendes Verhältnis zur Gewalt entstand,
zeigt Haller auch an der Geschichte idealistischer deutscher Einwanderer. Individualismus, Eigeninitiative und Naturbeherrschung spielen in einem idealtypisch formulierten texanischen Habitus eine besondere Rolle.
Solche Einsichten über die Funktion von Geschichte sind nicht so neu wie die Thesen, mit denen Haller die texanische – oder US-amerikanische – Esskultur oder den Umgang mit Homosexualität im Bundesstaat mit allgemeinen politischen Haltungen in Beziehung setzt.
Kernpunkt seiner Argumentation ist hier die Angst vor Ambiguität in der Öffentlichkeit und die Separierung der Gesellschaft in „gesuchte Gemeinschaften“, in denen besondere Zwecke und Vorlieben zum vergemeinschaftenden Prinzip werden, aber zugleich das Ende einer übergreifenden Öffentlichkeit bedeuten können.
Im letzten Teil seines Buches bringt Haller diese Formentwicklungen in einen Zusammenhang mit den politischen Traditionen, die sich in Texas fi nden. Die traditionalistische nationalkonservative Mehrheit, verkörpert in den Haltungen der oligarchischen Familien, und die Modernisten wie Ross Perot oder Kinky Friedman stehen sich dabei ohne Berührungsängste gegenüber. Während für die ersteren die Vermeidung von Ambiguität und die strikte Beschränkung des Staates im Vordergrund steht, greifen die letzteren die Idee des Staates als sozial ausgleichende und steuernde Instanz auf, freilich ohne dabei die starke lokale und nationale Zentriertheit aufzugeben, die für den US-amerikanischen politischen Diskurs ohnehin kennzeichnend ist.
In einer vergleichenden Perspektive ist Hallers Buch aus mehreren Gründen interessant. Zunächst zeigt es die Grenzen des Lokalismus als Prinzip. Denn das Besondere wird zugleich von nationalen und  internationalen Tendenzen überlagert: Auch in Texas hat die Vorstadt aus Eigenheimen die Ranch als dominante Siedlungsform abgelöst, und die mythische Erzählung von „The Alamos“ zielt nicht mehr auf texanische Eigenständigkeit ab, sondern transportiert „amerikanische Werte“ wie Heldentum, Freiheit und Individualismus. An der Inszenierung des Mythos in der Gedenkstätte und im Museum der Republik wird so deutlich, dass dieses Narrativ eben eine überbrückende Funktion zwischen der teils hispanischen, teils mexikanischen Geschichte des Landstrichs und seiner Integration in die USA nach 1845 hat. Das Narrativ legitimiert nicht texanische Besonderheit, sondern die Integration in die dominant „weißen“ und anglophonen USA. Im vermeintlich Lokalen spiegelt sich eben häufig nur etwas Allgemeineres.
Für einen komparativen Blick sind aber auch die Haltungen interessant, die vielleicht einmal als „texanisch“ bezeichnet werden konnten, jetzt aber global präsent sind. Die Beschränkung des Staates auf enge Sicherheitsaufgaben, die Hypostasierung des  Individualismus und der verbale Heroismus sind ja keineswegs mehr auf die USA oder Texas beschränkte Phänomene. Sie tauchen auch in anderen nationalen Arenen auf, ohne dass die Wanderungen solcher Lebensführungsideale und proto-politischen Überzeugungen schon rekonstruiert wären. Diesen Wegen nachzuspüren, wäre wohl eine lohnende Aufgabe.
Hallers Buch ist wegen der Sonderstellung der USA in der internationalen Politik auch für die Disziplin Internationale Beziehungen interessant. Zwar lässt sich eine Außenpolitik ebenso wenig auf eine „lokale Kultur“ reduzieren, aber Haller ist nicht der erste, der eine spezifi sche Färbung US-amerikanischer Politik bemerkt, die durchaus zunächst als „Kultur“ bezeichnet werden kann, in Wahrheit aber auf spezifi sche historische Verläufe verweist. Die USA sind in dieser Hinsicht natürlich kein Einzelfall, weil sich geschichtliche Verläufe und ihre diskursiven Verdinglichungen natürlich auch in jedem anderen politischen Feld bemerkbar machen.
Wie jede gute Fallstudie trifft Haller mit seiner Rekonstruktion eines Kontextes auch eine theoretische Lücke: Wir erkennen zwar, dass die „kulturellen“ Besonderheiten, die konkreten Praktiken und Diskurse, auch für internationale Politik bedeutsam sind. Wie wir sie jedoch theoretisch einordnen, welchen systematischen Ort sie in einer Theorie der internationalen Politik einnehmen sollen, darüber schweigt die Disziplin sich noch aus.
Ein Hinweis darauf lässt sich vielleicht in Hallers Darstellung selbst finden: Denn die typischen   Beziehungsmuster, die das vermeintlich besonders texanische oder US-amerikanische Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft ausmachen, die spezifi schen „Ich-Wir-Balancen“, um einen Ausdruck von Norbert Elias zu gebrauchen, breiten sich über ihren Entstehungskontext aus: Die Vorstellung von Staatlichkeit, die Haller bei den texanischen Traditionalisten ausmacht, und die auch die politischen Leitlinien der Bush-Administration charakterisieren, haben sich längst über diesen Kontext hinaus verbreitet. In der Literatur häufi g etwas summarisch als „neoliberal“ charakterisiert, finden sie sich in politischen Programmatiken von Parteien in Westeuropa genauso wie in den Politiken internationaler Organisationen und den Doktrinen der großen westlichen Think-Tanks.


Diese Wanderungen verweisen darauf, dass das nationale Paradigma auch bei der Behandlung von Staatsauffassungen wohl zu verlassen wäre. Denn die Entstehung und Ausbreitung politischer Ideen und Doktrinen ist noch nie national organisiert gewesen, sondern hat sich allenfalls entlang von Sprachgrenzen in Abstufungen unterschiedlich schnell gestaltet. Das gilt für den modernen Liberalismus ebenso wie für den Konservatismus oder den – zuweilen bewusst international ausgerichteten – Sozialismus. Sie verbreiteten sich, weil in unterschiedlichen Kontexten ähnliche Interessenkonstellationen auftraten und sich zeitversetzt ähnliche Formen der Politisierung dieser Verhältnisse einstellten. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Texas in keinster Weise von irgendeinem anderen Landstrich der Welt.
Klaus Schlichte

 

Quelle: Peripherie, 29. Jahrgang, 2009, Heft 116, S. 518-520

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