Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Frankfurt/M. 2008. 214 S.

Wiedergelesen nach 40 Jahren

1. Vorbemerkung
Es gibt Bücher, die haben in der eigenen intellektuellen Entwicklung eine Rolle gespielt. Es ist ein persönliches Abenteuer, ein solches Buch nach mehreren Jahrzehnten wieder zu lesen. Hat es mir noch etwas zu sagen? Oder ist es nur noch als Zeuge der Vergangenheit von Interesse?
Eine solche Widerbegegnung stellt auch die eigene Entwicklung und Urteilsfähigkeit auf den Prüfstand: War der seinerzeit beim ersten Lesen empfundene geistige Impuls nachhaltig? Ist er also heute noch in verwandelter Form lebendig? Hat es sich demnach um einen Klassiker gehandelt? Oder ist heute das schale Gefühl vorherrschend, dass es sich um ein zeitgeistiges kurzlebiges Produkt gehandelt hat, dem ich – wie viele andere auch –  seinerzeit «aufgesessen» bin? Ein solches Gefühl stellt der eigenen Urteilsfähigkeit nicht gerade ein gutes Zeugnis aus.

Das Buch, um das es im Folgenden geht, ist von Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte erschien 1965. Ich war von der Sigmund-Freud-Gesellschaft in Frankfurt gebeten worden, auf einer Gedenkveranstaltung zum 100. Geburtstag von Alexander Mitscherlich einen Beitrag zur Diskussion der Neuauflage dieses Buchs 2008 mit Kommentaren von Marianne Rodenstein und Nicolaus Hirsch zu leisten. Aus diesem Grunde habe ich das Buch nach mehr als vierzig Jahren wieder gelesen. Danach habe ich es abgelehnt, mich an der Gedenkveranstaltung zu beteiligen. Ich werde versuchen, meine Gründe hierfür kurz zu skizzieren.

2. Die Wirkung zur Zeit des Erscheinens des Buchs
Die abermalige Lektüre rief unsere seinerzeitigen Bemühungen in den sechziger und frühen siebziger Jahren um eine gesellschaftliche und anthropologische Grundlegung der Disziplin Städtebau wieder wach:
Da wurde in diesem Buch von einem berühmten Arzt, Therapeuten und Zeitdiagnostiker aus psychoanalytischer und sozialpsychologischer Perspektive der städtebauliche Raum, die Wohnung und ganz allgemein «die Objektwelt» ernst genommen und der städtischen Umwelt eine bedeutende Rolle in der Sozialisation des Menschen zugesprochen! Mit dieser Art von Kritik wurde zugleich der Städtebau als gesellschaftlich wichtige Disziplin nobilitiert. Ich erinnere mich noch gut, wie begeistert wir seinerzeit die Gedanken nicht nur von Mitscherlich, sondern auch von Heide Bernd, Klaus Horn und Alfred Lorenzer aufgegriffen haben, um sie für unsere Lehrtätigkeit mit den Architekturstudenten zu verwenden, alles Autoren aus dem Umkreis des Sigmund-Freud-Instituts.
Das Buch ist ja alles andere als eine systematische Abhandlung, es ist – wie Walter Siebel es beschrieben hat – «ein Sammelsurium unverbundener und widersprüchlicher Gedanken – Mitscherlich selbst hat das Buch ein Pamphlet genannt (…). So konnte er jedem etwas bieten: Konservative Kulturkritik und aufklärerisches Pathos, Psychoanalyse und Umweltdeterminismus».
Diese widersprüchliche Eigenschaft macht einen Gutteil des Erfolgs aus, weil jeder eine Bestätigung für seine Auffassungen finden konnte. Wir haben uns damals auch das herausgelesen, was uns zupass kam: Die grosse Bedeutung der städtischen Umwelt für die gesellschaftliche Entwicklung, «das Versprechen einer wissenschaftlichen Fundierung planerischer Entscheidungen in den unhintergehbaren  Menschenwissenschaften» (Siebel), auch im Sinne einer sozialpsychologisch fundierten Planungstechnokratie; die Wichtigkeit psycho-sozialer Bindungen und nicht zuletzt sein gedanklicher Einsatz für Kinder und Alte. Diese Aspekte des Buchs sind z. T. in den Kommentaren von Marianne Rodenstein und Nicolaus Hirsch zur Neuauflage und in den von der Sigmund-Freud-Gesellschaft zur Veröffentlichung vorgesehenen Vorträgen von Walter Siebel zum Gedenken des 100. Geburtstags Mitscherlichs gut herausgearbeitet – sie brauchen hier nicht vertieft zu werden. Ich werde mich deswegen auf drei Aspekte beschränken. Auf die Frage nach der gedanklichen Produktivität seines psychoanalytischen/sozialpsychologischen Ansatzes, auf die Oberflächlichkeit der Kritik und vor allem auf seine Haltung als Planungsberater.

3. Das Buch aus heutiger Sicht
Trotz der positiven Erinnerungen, die die abermalige Lektüre wachgerufen hat, kommt mir das  meiste – heute gelesen – eigentümlich fern und abgestanden vor. Die Überzeugung von der wissenschaftlichen Deutungskraft der Psychoanalyse und der Sozialpsychologie in Sachen Städtebau liesse sich wohl heute kaum noch vermitteln. Der städtischen Umwelt wird von Mitscherlich eine so bedeutende Rolle in der Prägung des Menschen zugewiesen, dass man sich bisweilen z. B. bei dem Begriff «Prägestock» fast in der Nähe eines räumlichen  Determinismus wieder zu finden glaubt, während doch heute von einer eher schwachen Wirkung der städtischen gebauten Umwelt auf die psychische Verfassung der Menschen auszugehen ist. Auch seine empörende Aufregung über die Geschmacksverirrungen in den Einfamilienhausgebieten und sein Deutungsaufwand für diese Banalitäten kann ich nur noch als habituelle Überheblichkeit des Bildungsgrossbürgers verstehen.
Was aber beim Wiederlesen besonders auffällt, ist die Ahnungslosigkeit des berühmten Psychoanalytikers über die seinerzeitigen tatsächlichen ökonomischen Produktionsbedingungen und Knappheitsverhältnisse im Wohnungsbau für Familien mit niedrigem Einkommen. Er stellt z. B. als Vorbild für eine menschliche Wohnung seine eigenen Wohnerfahrungen in der grossbürgerlichen Wohnung vor, mit langem Flur, Herrenzimmer und Salon und leitet daraus zumindest indirekt Forderungen nach grösseren Wohnungen ab! Eine solche, übrigens schon damals weit verbreitete Haltung hat dazu beigetragen, den Weg zu einer politisch und ökonomisch sinnvollen Debatte zur Reform des Wohnungswesens zu verstellen. So bleibt auch unklar, zu welcher Art Unfrieden da eigentlich angestiftet werden sollte.
Seine Ahnungslosigkeit zeigt sich auch in seinen Forderungen nach einer Verstaatlichung des Grundeigentums als unabdingbare Grundlegung eines an den Bedürfnissen des Menschen orientierten Wohnungs- und Städtebaus: Die DDR mit ihren Erfahrungen und Produkten lag ja schliesslich damals vor der Tür, und in den sechziger Jahren hatte man schon eine viel differenziertere Debatte um das Verhältnis von Eigentum, Verfügbarkeit und Verantwortung geführt. Mit dem Verächtlichmachen der Bau- und Planungsbürokratie, der er die Schuld an vielen Facetten der Unwirtlichkeit zuweist, traf er eine weit verbreitete Haltung und trug zu wenig hilfreichen Vorurteilen bei. Das schwierige Spannungsverhältnis zwischen Rechtssicherheit und Gleichbehandlung einerseits und kreativ zu nutzenden Spielräumen andererseits nimmt er gar nicht erst wahr.
Diese Ahnungs- und Kenntnislosigkeit der Produktionsbedingungen von Stadt, die wohlfeile Verurteilung der Bürokratie, die überheblichen Geschmacksurteile und das oberflächliche Hinsehen entsprechen dem seinerzeitigen Verhalten und der Einstellung der akademischen, urbanen Mittelschicht. Diese Haltung teilt das Buch mit seiner Leserschaft, deren Vorurteile damit bedient werden. Die grosse Auflage ist wohl zu einem grossen Teil hierauf zurückzuführen. Der Lebensrealität der Bewohner der Siedlungen, die er so wortgewandt kritisiert, steht er ohne Einfühlung, ja ziemlich lieblos gegenüber. Hätte er genauer hingeschaut, hätte er schon damals ein sehr viel menschlicheres, differenzierteres Bild von den Lebensbedingungen der Bewohner der Grosssiedlungen und Einfamilienhausgebiete gezeichnet.
Das Halbwissen des Autors wird auch an seiner masslosen Kritik an den Plänen der – nie realisierten – Neuen Stadt Hook in Südwest-England deutlich: Hätte er die Pläne sorgfältiger studiert – und sie waren seinerzeit gut publiziert – hätte er das Fehlen eines Fachmanns für das «Menschliche» nicht kritisieren können.

4. Alexander Mitscherlichs Haltung als Planungsberater
Das Buch hatte gleich nach seinem Erscheinen ein grosses Medienecho, weil es einer Grundstimmung der Zeit eine so widersprüchliche Deutung gab, dass jeder das ihm passende darin fand. Es gab seinerzeit mehrere Angebote von den Vorständen einiger grosser Wohnungsbaugesellschaften an Alexander Mitscherlich, ihn beim Wort zu nehmen und sie bei grossen «Flaggschiff»-Vorhaben von Grosssiedlungen als sozialpsychologischer Experte zu beraten. Dies gilt in erster Linie für die Planung der Grosssiedlung Emmertsgrund in Heidelberg. Diese Aufgabe hat er angenommen, und in dieser Grosssiedlung ist vieles von dem, was Mitscherlich gefordert hatte, realisiert worden, wie z. B. Arbeitserleichterungen für die Frauen, autofreie, grosszügige Spiel- und Sportflächen, sicher und klimatisch geschützt zu erreichende Sozialeinrichtungen, eine Mischung unterschiedlicher Wohnungen, darunter auch zahlreiche grössere Wohnungen, grosse Spielplätze und leicht erreichbare natürliche «Wildnisse» für die Kinder. Aber das, was dabei auch unter seinem Rat entstanden ist, hatte trotz vergleichsweise guter Wohnbedingungen hauptsächlich wegen einer einseitigen Belegungspolitik mit sozial problematischen Mietern, aber auch wegen der Art seiner Architektur keinen guten Ruf, keine seinen Vorstellungen entsprechende «Gemütlichkeit». Er hat sich von dem Projekt, das auch unter seiner Mitwirkung entstanden ist, deshalb sehr bald wieder distanziert. Das gilt auch für andere Projekte. Die Form dieser Distanzierung – er sei, kurz gesagt, als gutgläubige Professoren-Autorität, als Feigenblatt für ganz andere Interessen, nämlich der Profitmaximierung missbraucht worden – ist einer der Gründe, warum ich mich an einer ehrenden Gedenkveranstaltung nicht beteiligen wollte. Er hatte sich so deutlich ins professionelle Beratungsgeschäft eingelassen, dass er sich mit so oberflächlichen Erklärungen nicht hätte herauswinden dürfen. Er ist nach der öffentlichen Kritik nicht für die Projekte und ihre Bewohner eingestanden und hat die Verantwortung für seine Beratungstätigkeit nicht übernommen.
Ich habe keinerlei Hinweise darauf gefunden, dass er eine solche Verantwortung  übernehmende, reflektierende Selbstkritik je im Feld seiner Beratungstätigkeit übernommen hätte, er hätte dann seine mangelnde Kenntnis der Materie und die grossenteils vorhandene Naivität seiner Vorschläge aufdecken müssen. Das stellt auch seine Rolle als mutiger politischer Intellektueller in Frage. Mit diesem Verhalten entsprach er aber der Haltung vieler Intellektueller, die sich als seine Leser bestätigt fühlen konnten.

5. Was bleibt?
Der Anregungsgehalt des Buchs war in seiner Zeit sicherlich nicht ohne Bedeutung, das habe ich als junger Hochschullehrer selbst erlebt. Dieser Anregungsgehalt ist aber inzwischen verbraucht: Manches von den Anregungen ist inzwischen Allgemeingut, anderes hat sich als unbrauchbar erwiesen.


Die psychoanalytischen und sozialpsychologischen Ansätze in der  gesellschaftswissenschaftlich orientierten Stadtforschung haben sich als wenig weiterführend herausgestellt, sie werden in Wissenschaft und Praxis aus guten Gründen nicht weiterverfolgt.
Die Rolle Alexander Mitscherlichs als politischer Intellektueller, der sich aktiv in die Praxis des Wohnungs- und Grosssiedlungsbaus eingemischt hat, ist kritisch zu beurteilen.
Alles in allem, meine ich, hat uns das Buch heute nur noch wenig zu sagen. Es gehört zu jenen Büchern, deren Bedeutung ich seinerzeit ziemlich hoch bewertet habe, das aber dann doch eine kurze «Halbwertzeit» hatte.
Thomas Sieverts

Quelle: disP 176, 1/2009, S. 62-64

 

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