Grosser Deutscher Kolonialatlas, hg. von der Kolonialabtheilung des Auswärtigen Amtes. Bearb. von Paul Springade und Max Moisel. Neudruck der Originalausgabe (Berlin: Reimer 1901-1915). Braunschweig 2002.

Auf dem Höhepunkt kolonialer Begeisterung im Deutschen Reich und der imperialen Aufteilung der überseeischen Welt fand der Wunsch nach Demarkierung vereinbarter Grenzen sowie topographischer Kenntnis der Neuerwerbungen und nationalstaatlich geprägter "Schutzgebiete" seinen Niederschlag im umfangreichen "Grossen Deutschen Kolonialatlas", der auf 35 Karten im einheitlichen Maßstab 1:1 Mio. konzipiert war. Lediglich das kleine Schutzgebiet Togo wurde im doppelt so großen Maßstab kartographiert. Für die Umsetzung des bis dato erworbenen Wissens waren diese Skalen als angemessen erachtet worden.

Die Auswertung von Routenskizzen, die von frühen Forschungsreisenden, Farmern, Missionaren, Beamten und Kaufleuten, aber auch von eigens durch die Landeskundliche Kommission des Kolonialrats entsandten Expeditionen geliefert worden waren, stellte die Kartographen vor große Herausforderungen; diese wurden ergänzt durch Daten aus Expeditionen zur Vermessung der Außengrenzen sowie aus der Arbeit der in der Anlage von trigonometrischen Hauptpunkten und der Katasteraufnahme eingesetzten Vermessungsingenieure. Letztere wiesen u.a. auch "Eingeborenenreservate" aus und führten Wegetrassierungen und Stadtvermessungen durch. "Diese Arbeit des Routenkonstruierens ist eine so eigenartige, dass sie mechanisches Arbeiten von vornherein ausschließt und besondere Anforderungen an die Auffassungsgabe des Kartographen stellt. ... Großes Interesse für die Sache, Kombinierungsgabe, kritischer Blick und Übersicht, Beherrschung des vorhandenen kartographischen Materials und Kenntnis aller in den verschiedenen Kolonien gebräuchlichen Ausdrücke und Begriffe sind für die Anfertigung der Originalkonstruktionen unbedingt notwendig." So formulierten die beiden verantwortlichen Kartographen Paul Sprigade und Max Moisel 1914 (S. 538) in einem Beitrag zur Herstellung des "Grossen Deutschen Kolonialatlas" in der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Das Werk ist das Ergebnis einer "public-private partnership" zwischen dem Auswärtigen Amt und dem 1899 gegründeten "Kolonialkartographischen Institut" in der Verlagshandlung Dietrich Reimer (vgl. Demhardt 2000: 65-73). Paul Sprigade (1863-1928) und Max Moisel (1869-1920) hatten in Berlin in der Verlagshandlung Dietrich Reimer unter der Anleitung von Heinrich und Richard Kiepert eine Ausbildung in "Kolonialkartographie" erhalten. Bis 1915 wurden von dem zeitweilig auf mehr als 60 Kartographen angewachsenen Team in mehreren Lieferungen 26 Karten fertiggestellt. Es fehlten die Blätter zu "Deutsch-Südwestafrika", als mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem jähen Ende deutscher Kolonialexperimente auch die weiteren Lieferungen eingestellt wurden. Zurück blieb ein "Nationalatlas der Kolonien", der sowohl in seiner kartographischen Handschrift als auch in seiner Präsentation von Informationen eine eigene Formensprache entwickelt hatte, die ihn von den vergleichbaren französischen und britischen Erzeugnissen deutlich unterschied. Alle in der damaligen Zeit erschienenen Darstellungen über Kolonien und Schutzgebiete stellen einen Reflex auf die Forschungslandschaft der "Mutterländer" dar und sind nur in geringem Maße international. Die Hochphase des Imperialismus geht einher mit Forschungs- und Darstellungsmonopolen, die eine Außensicht in das Innere der eigenen Kolonien meist ausgeblendet bzw. verhindert haben. Die nun vorliegende, aufwändig gestaltete Reprintausgabe unterscheidet sich dahingehend vom Original, dass sie die ausgelieferten Blätter vollständig und in der jeweils aktualisierten Fassung wiedergibt und um aus der Feder der beiden Chefkartographen stammende, einzeln veröffentlichte Kartenblätter zu "Deutsch-Südwestafrika" erweitert wurde und nun insgesamt 39 Kartenblätter umfasst. Für die mehr als überfällige intensivere Beschäftigung mit der deutschen Kolonialvergangenheit und ihre Instrumentalisierung in nachfolgenden politischen Kontexten ist das  nun vorliegende Werk ein ebenso anschaulicher und inhaltsreicher wie auch durch die kartographische und buchbinderische Gestaltung beeindruckender Atlas.

Zitierte Literatur:

Demhardt, I. J. 2000: Die Entschleierung  Afrikas. Deutsche Kartenbeiträge von August Petermann bis zum Kolonialkartographischen Institut. Forschen und Entdecken.

Gotha Sprigade, P. und M. Moisel 1914: Die Aufnahmemethoden in den deutschen Schutzgebieten und die deutsche Kolonial-Kartographie. Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde o.J.: 527-545

Autor: Hermann Kreutzmann

Quelle: Die Erde, 134. Jahrgang, 2003, Heft 1, S. 117-118

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