Veronika Deffner: Habitus der Scham – eine soziale Grammatik ungleicher Raumproduktion. Eine sozialgeographische Untersuchung der Alltagswelt Favela in Salvador da Bahia (Brasilien). Passau 2010 (= Passauer Schriften zur Geographie 26). 225 S.

Die brasilianische Klassengesellschaft und 'ihre' Stadträume dienen Veronika Deffner dazu, sich einer Geographie sozialer Ungleichheit zu widmen, die nicht an der Beschreibung materieller Phänomene hängen bleibt, sondern die Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsweisen der städtischen Bevölkerung mit ihren Folgen für die Produktion städtischer Räume ins Zentrum stellt.

Oberstes Ziel ist dabei, hinter die von der Autorin vordergründig als diskrepant beschriebenen Wahrnehmungs- und Handlungsmuster der stark benachteiligten Mehrheitsbevölkerung der Favelas zu blicken und ihre verinnerlichten, der sozialen Praxis vorgeschalteten Gemeinsamkeiten aufzudecken. Inwiefern diese soziale Ungleichheit reproduzieren, gilt es hier ebenso zu fragen wie in welcher Weise der Raum herrschende Machtverhältnisse widerspiegelt. Die Autorin ordnet die Arbeit in die „kritische sozialgeographische Stadtforschung mit handlungstheoretischer Ausrichtung“ (Deffner 2010, 19) ein und wählt die soziale Alltagspraxis, um gesellschaftliche Phänomene inklusive ungleicher Raumstrukturen zu analysieren.
Schon der Titel „Habitus der Scham“ lässt den für diesen Kontext in der Geographie mutig gewählten theoretischen Hintergrund der Arbeit erkennen. Pierre Bourdieus zentrale Konzepte der Theorie der Praxis ziehen sich als ein roter Faden durch die gesamte Arbeit, allen voran der konzeptionell die Gegensätzlichkeit zwischen Individuum und Gesellschaft sowie zwischen Handlung und Struktur aufhebende Habitus. Die Autorin stellt dabei nicht nur eine große Theorie voran, sondern baut auch das gewählte Forschungsdesign überzeugend darauf auf und verbindet die Darstellung und Interpretation der empirischen Ergebnisse durchgehend damit. Die Grounded Theory bietet einen methodischen und forschungspraktischen Zugang, der insbesondere durch die permanente enge Verbindung mit den eigenen Daten unterstützend wirkt und genügend Offenheit für die empirische Feldforschung im schwierigen Kontext Favela schafft. Für die schriftliche Umsetzung wichtig sind die direkten Zitate der Befragten, welche auch die Datenverankerung der Ergebnisse ausreichend transparent machen. Die Auswahl der Befragten ist kreativ auf die Forschungsfragen zugeschnitten, indem es sich um Personen handelt, die an der Schnittstelle zwischen den so unterschiedlich konstruierten Stadtwelten der Unterklasse und der Ober- und Mittelklasse stehen bzw. zwischen diesen Räumen pendeln.
Die historische Dimension aktueller Phänomene und Prozesse sozialer Ungleichheit im brasilianischen Kontext, die in den verinnerlichten Strukturen des Habitus eingeschrieben ist, gibt den Abschnitten zu Brasilien und seinen Städten (v. a. Salvador de Bahia) ihre Logik. Statt eines ausschweifenden länderkundlichen Rundumschlags zeichnet die Autorin hier Schlaglichter strukturell bedingter sozialer Ungleichheit. Für Nicht-Brasilien-Expert(inn)en entsteht dadurch ein schneller und fokussierter Einstieg in den Kontext der Untersuchung, auch wenn das möglicherweise auf Kosten von inhaltlicher Breite und Tiefe geschieht. Vor allem die koloniale Sklavengesellschaft und ihre Herrschaftsverhältnisse werden als Ausgangspunkt genommen, um aktuelle Phänomene in einen historischen Zusammenhang zu stellen. Im Verlauf der Arbeit findet sich dafür auch eine empirische Begründung in den Identitätskonstruktionen der befragten Stadtbewohner(inn)en von Salvador de Bahia.
Die Daten zeigen, dass unterschiedliche Formen von Diskriminierung die Alltagswelt und das Alltagshandeln sowie die Vorstellungen und das Reden über die Stadträume prägen. Da Diskriminierung an sich schon konkretes Handeln voraussetzt, entsteht ein Kreislauf der Produktion und Reproduktion von Machtbeziehungen. Hautfarbe wird von der Autorin dabei sowohl historisch als auch aktuell zur zentralen Differenzkategorie erklärt. Überlagert werden rassistische Grenzziehungen im Interaktionsraum der Stadt immer auch von der kapitalistischen Leistungsideologie im Sinn der meritokratischen Triade aus Bildung, Beruf und Einkommen sowie von Geschlechterkonstruktionen. Als Folge von Diskriminierungen und der Unsichtbarkeit der Favela-Bewohner(inn)en auf interaktioneller und institutioneller Ebene entstehen defensive Handlungsmuster, die häufig nicht bewusst, sondern in den Habitus eingeschrieben sind. Die Autorin spricht dabei von einem sich „Solidarisieren mit den vorgefundenen Möglichkeiten und Handlungsspielräumen“ (Deffner 2010, 151), was die Produktion und Reproduktion von Machtungleichgewichten fördert. Ein Beispiel dafür ist auch die fehlende Motivation zur gemeinsamen Mobilisierung, wobei im Verlauf der Arbeit auch deutlich die dafür verantwortlichen Zusammenhänge zwischen Diskriminierungen, gesellschaftlicher Unsichtbarkeit und sozialen Erosionsprozessen gezeigt werden (z. B. Chancenlosigkeit der Jugendlichen – beschnittene Freundschaften – Kriminalität, Gewalt, Drogen). In den Abschnitten zur erlebten Alltagswelt und zur sozialen Praxis in der Favela werden Wahrnehmungs- und Handlungsweisen in schlüssiger Form mit gesellschaftlichen Strukturen verknüpft. Die Interpretation wird hier leider zum Teil pauschalisierend über die selbst untersuchte Favela und die selbst befragten Favela-Bewohner(inn)en hinaus ausgedehnt, was der Heterogenität innerhalb von städtischen Marginalvierteln und unterschiedlichen Interpretationen gerade auch in anderen Städten nicht gerecht wird.
Bei der Analyse der Raumproduktion argumentiert Veronika Deffner einleuchtend für einen zweiten theoretischen Anknüpfungspunkt. Henri Lefebvres Theorie der Produktion des Raums ist in ihren Grundannahmen mit Bourdieus Raumvorstellungen in vielerlei Hinsicht verwandt; so im grundsätzlichen Verständnis, dass Raum immer sozial konstruiert ist. Während jedoch bei Bourdieu der soziale Raum aus den Relationen von Individuen und Dingen aufgebaut ist, welche durch ihre Position und ihre Vorstellungen geformt werden, startet Lefebvre bei den Prozessen der Raumproduktion, welche die gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsweisen der Alltagswelt und ihrer Machtverhältnisse erkennbar werden lassen. In der Datenanalyse erschließt sich die Theorie der Raumproduktion nach Lefebvre nicht so schlüssig wie die zuvor anhand der Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsmuster sowie des Habitus dargestellte Alltagswelt Favela. Die Aufschlüsselung in die drei Raumdimensionen des wahrgenommenen/genutzten, erdachten/konzipierten und des gelebten/erlittenen Raumes macht vor allem ihre Untrennbarkeit deutlich. Bei Lefebvre ist diese Trennung nur auf abstrakter Ebene möglich, weshalb sich die Frage stellt, ob eine derartige Herangehensweise für die direkte Arbeit an empirischen Daten gewählt werden sollte. Möglicherweise hätte die Arbeit durch einen auf Bourdieus Theorie der Praxis fokussierten Zugang zum sozialen Raum profitiert, in welchem Machtverhältnisse und Hierarchien anhand der Aspekte eines Raums der Positionen und der Perspektiven analysiert werden.
Im Konzept des Habitus' der Scham auf Seiten der Favela Bewohner(inn)en und dem diesem gegenüberstehenden Habitus der Schamlosigkeit auf Seiten der Mittel- und Oberklasse versucht die Autorin die Daten theoretisch zu verbinden. Scham und Beschämung werden als dispositionelle Handlungsmotivationen konzipiert, sind also der sozialen Alltagspraxis vorgelagert. Sie bauen auf historischen Erfahrungen auf, welche verinnerlicht und dem Bewusstsein zum Teil nicht zugänglich sind. Damit entsprechen Scham und Beschämung in ihrer Funktionsweise dem Habitus und werden hier als sein Kernstück interpretiert. Leider geht dabei der Bezug zu konkreten Formen von alltäglicher und struktureller Diskriminierung, Stigmatisierung und Missachtung, welche die Daten durchziehen, kurzfristig etwas verloren. In der Zusammenfassung der Ergebnisse werden diese Phänomene zwar wieder aufgegriffen, jedoch nur unter dem Deckmantel einer Theorie des Habitus der Scham, was zu ihrer Relativierung und Verschleierung führen kann. Gerade im Sinn einer kritischen und Machtverhältnisse aufdecken wollenden Sozialforschung sollte diese Gefahr nicht eingegangen werden. Das Konzept der Scham schließt zwar logisch an die Dateninterpretation der Autorin an, welche durchgängig auf Passivität und defensive Handlungsweisen hinweist. Neuere Forschungen betonen jedoch die Diversität von Handlungsstrategien und versuchen damit auch den populären und als kolonial-eurozentrisch geltenden Passivitätsdiskurs zu widerlegen (z. B. neue soziale Bewegungen, positive Konnotationen des informellen Handels). Was die Umsetzung eines an der Grounded Theory orientierten Forschungsdesigns angeht, welche die Autorin bis zur Theoriebildung eines Habitus' der Scham vollzogen hat, stellt sich die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn dieser letzte Schritt zugunsten der Betonung der vielfältigen Phänomene und Prozesse, welche die soziale Ungleichheit in der Alltagswelt Favela ausmachen, nicht gegangen worden wäre.


Mit dieser Arbeit ist ein klar strukturierter Beitrag zu einer empirisch und theoretisch fundierten Sozialgeographie gelungen. Sowohl die durchgängige Orientierung der Arbeit am Konzept des Habitus' nach Pierre Bourdieu, zusammen mit der spezifischen Ausrichtung auf die soziale Ungleichheit der Raumproduktion, als auch die immer direkt an den Daten orientierte Umsetzung des Forschungsdesigns macht diese geographische Arbeit sicher auch für andere sozialwissenschaftlich Disziplinen zu einer interessanten Quelle.
Ute Ammering

 

Quelle: geographische revue, 12. Jahrgang, 2010, Heft 2, S. 84-87

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