Jeremy Scahill: Blackwater. Der Aufstieg der mächtigsten Privatarmee der Welt. München 2008. 351 S.

In der Debatte um die sogenannten „neuen Kriege“ (die bei näherem Hinsehen so neu keineswegs sind), wird unter anderem der Aspekt einer Privatisierung der Gewalt hervorgehoben. In vielen innerstaatlichen Konflikten sind nicht mehr in erster Linie staatliche, sondern private „Gewaltunternehmer“ aktiv. Wurde dies lange nur als Herausforderung legitimer staatlicher Gewalt durch irreguläre bewaffnete Gruppen, durch politisch motivierte Aufständische und Rebellen oder auch durch gewöhnliche Kriminelle unterschiedlicher Art gesehen, so ist spätestens seit den Terroranschlägen von 9/11 und den folgenden Kriegen im Irak und in Afghanistan offenbar geworden, in welchem Ausmaß es auch in den politisch führenden westlichen Ländern selbst zu einer Privatisierung staatlicher Gewalt gekommen ist.

Am weitesten fortgeschritten ist diese Entwicklung sicherlich in den USA, der immer noch mächtigsten Militärmacht der Welt. Aber auch anderswo ist der Umbau der Armeen aus der Ära des Kalten Krieges zu effizienten, mobilen und weltweit einsetzbaren Interventionstruppen mit einer Konzentration auf das militärische „Kerngeschäft“ und einem Outsourcing anderer Aufgaben, vor allem bei Ausbildung, Logistik, Bewachung und Verhör, verbunden. Zunehmend wird privaten Militärdienstleistern aber auch die Durchführung operativer Spezialaufträge übertragen, sie sind damit zu eigentlichen Söldnerunternehmen geworden. Neben einer Verschlankung staatlicher Militärapparate hat die Privatisierung von Teilen des staatlichen Gewaltmonopols den Vorteil, parlamentarische Kontrollen leichter umgehen und sich juristischer Verantwortlichkeit besser entziehen zu können. Private  Militärdienstleister operieren in einer rechtlichen Grauzone, die dem Missbrauch Tür und Tor öffnet. Auch fallen eigene Opfer innenpolitisch weniger ins Gewicht. So jedenfalls haben es in den USA führende Vertreter der Bush-Administration gesehen, die diese Entwicklung, teilweise auch zum ganz persönlichen Vorteil, tatkräftig gefördert haben. Der Umsatz von Sicherheits- und Militärdienstleistern wird weltweit auf 70 bis 100 Mrd. US$ pro Jahr geschätzt,ihre Personalstärke übersteigt im Irak und in Afghanistan mit jeweils rund 160.000 bereits zahlenmäßig die der regulären Truppen derUSA und ihrer Verbündeten. Vor diesem Hintergrund erscheint es kaum als Übertreibung, von der Herausbildung einer „militärischen Marktwirtschaft“ zu sprechen (so P.W. Singer in Le Monde Diplomatique Nov. 2009). Politisch brisant ist diese Dominanz der Privaten, weil deren Geschäftsinteresse am Fortdauern von bewaffneten Auseinandersetzungen in Widerspruch gerät zur offiziellen Doktrin der Konflikteindämmung.
Zu den wichtigsten Akteuren auf diesem Markt gehören unter anderem die Militärdienstleister
Dyn-Corp, Military Professional Ressources Inc. (MPRI), Kellogg Brown and Root (KBR). Das größte, bekannteste, durch zahlreiche zivile Opfer bei seinen Einsätzen aber auch  berüchtigste Unternehmen dürfte freilich Blackwater sein, das sich inzwischen wegen seines schlechten Rufs in Xe Services umbenannt hat. Naturgemäß ist Forschung über Unternehmen, die sich in diesem durch Geheimhaltung und staatliche Sicherheitsinteressen abgeschirmten Markt bewegen, schwierig, wenn nicht ganz unmöglich. Deswegen ist es wohl auch kein Zufall, dass nicht ein Wissenschaftler, sondern der amerikanische Journalist Jeremy Scahill die erste, sehr sorgfältig recherchierte Unternehmensgeschichte Blackwaters geschrieben und damit wichtige Einblicke eröffnet hat. Für den Aufstieg von Blackwater war die ideologische Nähe des christlich-fundamentalistischen Firmengründers und Multimillionärs Erik Prince zur neokonservativen Bush-Administration entscheidend. Für Angehörige des Pentagon, aber auch für ehemalige Sicherheitskräfte und Militärs eröffneten sich mit dem Aufstieg Blackwaters ausgesprochen lukrative Verdienstmöglichkeiten. Aber auch die einfachen Blackwater-Söldner werden (im Vergleich zu den Soldaten der regulären US-Armee) üppig entlohnt. Für Personenschutz im Irak wurde 2004 pro Kopf und Tag ein Salär von 600 US$ angesetzt. Im Jahr 2008 beschäftigte Blackwater 2.300 Privatsoldaten in neun Ländern, über 21.000 ehemalige Sondereinsatzkräfte, Soldaten und Polizisten standen zur kurzfristigen Mobilisierung bereit, über 20 Flugzeuge, darunter Kampfhubschrauber, waren verfügbar. Neben Trainingslagern unterhält das Unternehmen auch eine eigene Aufklärungsabteilung. Blackwater ist (wie auch seine Konkurrenten) bestrebt, zu einer unabhängigen Armee zu werden, die in Krisengebieten als Alternative zu NATO- und UN-Truppen eingesetzt werden kann und die nur gegenüber der eigenen Unternehmensleitung, nicht aber gegenüber politischen Gremien rechenschaftspflichtig ist. An zahlreichen Beispielen macht Scahill deutlich, wie wichtig in diesem Wirtschaftszweig das soziale Kapital persönlicher Beziehungen in den politischen und militärischen Apparat hinein ist, um welch hohe Summen es bei Aufträgen und Honoraren geht, aber auch mit welchen Tricks man parlamentarische Kontrollen ins Leere laufen lässt. Söldnerunternehmen wie Blackwater, die auch in ihren Kampfmethoden kaum rechtlichen Beschränkungen unterworfen sind, scheinen es westlichen Staaten wieder leichter zu machen, asymmetrische Kriege gegen einen schwer fassbaren Gegner zu führen. Sie zeigen aber auch, dass militärische Effizienz keineswegs politischen Erfolg garantiert, vielfach ist der Einsatz von Söldnertruppen in dieser Hinsicht sogar kontraproduktiv. Die Reaktionen einer kritischen Öffentlichkeit in den USAauf die Justizskandale um Tötungsdelikte, die von Blackwater-Angehörigen begangen wurden, die wachsende Sorge um die mangelnde Kontrolle privater Militärunternehmen und auch um die Gefährdungen des demokratischen Systems, die davon ausgehen können, machen deutlich, dass für die Teilprivatisierung des staatlichen Gewaltmonopols wohl ein hoher, ein zu hoher politischer Preis zu zahlen ist. Es ist das Verdienst von Scahill, als Erster etwas mehr Licht auf ein ansonsten weitgehend im Dunkeln liegendes neues und rasch expandierendes Geschäftsfeld geworfen zu haben. Sein lesenswertes, teilweise spannendes Buch ist keine wissenschaftliche Untersuchung im strengen Sinn, wohl aber die höchst informative dichte Beschreibung des Schlüsselunternehmens einer Branche, deren Entwicklung Wirtschaftsgeographie und geographische Konfliktforschung mit großer Aufmerksamkeit weiter verfolgen sollten.
Helmut Schneider

 

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 54 (2010) Heft 2, S. 134-135

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