Marion Klemme: Stadtentwicklung ohne Wachstum. Zur Praxis kommunaler Siedlungsflächenentwicklung. Empirische Befunde und Folgerungen zu Steuerungsverständnissen und -formen öffentlicher Akteure. Aachen (PT_Materialien 24) 2009. 298 S.

Was kennzeichnet die Praxis der Stadtentwicklungsplanung unter der Randbedingung einer nicht mehr wachsenden, sondern rückläufigen Bevölkerungszahl? Wie gehen Städte mit der Umkehrung der für die Entwicklung der Stadtplanung einst konstituierenden  Wachstumsentwicklung um? Was sind die handlungsleitenden Ideen, normativen Zielvorstellungen, praktischen Verfahrensweisen der Planenden? Mit diesen Fragen befasst sich die Dissertationsschrift von Marion Klemme, die im Jahr 2009 an der Fakultät für Architektur der RWTH Aachen abgeschlossen wurde.Die Arbeit, die am Lehrstuhl für Planungstheorie der RWTH Aachen entstanden ist und dort auch im Download bezogen werden kann, hat das Ziel, Steuerungsverständnis und Steuerungsformen öffentlicher Akteure zu untersuchen, die vor der Herausforderung einer rückläufigen Bevölkerungsentwicklung stehen und deren Konsequenzen umzusetzen haben.

Mit diesem Ziel füllt die Arbeit eine signifikante Lücke in der Literatur der Stadt- und Raumforschung. Zwar war ein substanzieller Teil der raum- und stadtplanerischen Diskurse in der vergangenen Dekade von den Themen Demographie und «Schrumpfung» bestimmt, wenn nicht gar okkupiert.Und doch waren empirische Befunde zu den Motiven, zur Selbstbeschreibung und planerischen Praxis im Kontext rückläufiger oder stark negativer Bevölkerungsentwicklung eher rar gesät, verloren sich in der grossen Menge vieler gutgemeinter, nicht selten auch aktionistischer Rezepte zu Abriss oder Rückbau nicht mehr genutzter Flächen, Infrastrukturen und Wohngebäude, zur Anpassung städtischer Räume an die Belange von Senioren etc. pp.
Dass mit dem Ende des immerwährenden Traums vom Wachstum eine Art Paradigmawechsel für Stadtentwicklung und -planung verbunden sein könnte, der die herrschenden Denkweisen ganz fundamental in Frage stellt, offenbart sich dagegen in der empirischen Mikroanalyse. Erst genaue Beobachtung und kritische Hinterfragung der im «Feld» gewonnenen Erkenntnisse sowie ihre sorgfältige Interpretation erschliessen die vollständige Dimension dieses Problems. Dieser Anspruch wird durch die Arbeit eingelöst, in dem sie in ihrem zentralen Kapitel («Abschnitt B») sieben Fallstudien zur kommunalen Planungspraxis vorstellt, die nach einem mehr oder minder einheitlichen Untersuchungsraster bearbeitet und systematisch ausgewertet werden. Dabei handelt es sich um eine differenzierte Typologie von Beispielstädten: ostdeutsche Kommunen mit einer abrupt einsetzenden negativen Bevölkerungsentwicklung (Typ 1: Halle/Saale, Sachsen-Anhalt; Schwerin, Mecklenburg-Vorpommern); westdeutsche Städte mit einem – zumindest im Nachhinein – erkennbaren negativen Trajekt, das jedoch eher schleichend verläuft (Typ 2: Arnsberg, Essen, beide in Nordrhein-Westfalen); schliesslich drei Städte, die aktuell stagnieren oder nur leicht schrumpfen, deren künftige Aussichten jedoch negativ sind, wenn auch die erwarteten Veränderungen eher als unspektakulär wahrgenommen werden (Typ 3: Fürstenwalde/Spree, Brandenburg; Hilden und Sankt Augustin, beide in NRW gelegen).
Diese empirischen Fallstudien werden durch zwei Abschnitte gerahmt: erstens durch einen konzeptionellen «Abschnitt A» mit Rahmenbedingungen, Ausgangsüberlegungen zum Handlungsspektrum vor Ort sowie zu einem Erklärungsansatz für das Steuerungsverhalten der Akteure; zweitens enthält die Arbeit in «Abschnitt C» eine Querschnittsauswertung der empirischen Befunde sowie Schlussfolgerungen zur Steuerungspraxis; schliesslich werden dort auch einige Ausgangspunkte für die weitere Forschung benannt. Die Analyse von Sekundärdaten sowie die Auswertung von 31 Experteninterviews (Planungsakteure in den sieben untersuchten Städten) stellen im Kern die empirische Basis der Arbeit dar, die mit 103 Abbildungen auch ausserordentlich reich illustriert ist.
Auf welchen Nenner lassen sich die empirischen Befunde der Arbeit bringen? Es ist vielleicht nicht ganz überraschend, aber für die Fragestellung der Arbeit zentral, dass eine Orientierung auf «weniger» statt «mehr» – also auf eine rückläufige Entwicklung statt Wachstum – in keiner der untersuchten Städte als strategisches Moment der Planung vorfindbar ist. Planung wird auch hier als Management künftiger Entwicklung unter positiven Vorzeichen verstanden. Dies materialisiert sich insbesondere auch in der Abkopplung des «Flächenverbrauchs» von der sozioökonomischen Entwicklung, d. h. in der anhaltenden Praxis der Neuausweisung von Wohn- und Gewerbeflächen trotz eher rückläufiger Perspektive in der demographischen Entwicklung. Dabei sind die Handlungslogiken der planenden und Flächen ausweisenden Akteure stark getrieben vom (inter-)kommunalen Wettbewerb, und darin weisen etablierte Routinen, Mentalitäten und Praktiken offenbar eine grosse Beständigkeit auf:
«Wachstum ist mehrheitlich das Ziel Nummer 1 unter den befragten Akteuren aus Verwaltung, Politik und Wohnungswirtschaft.» (S. 219) Dass sich veränderte Rahmenbedingungen nicht kurzfristig und 1:1 in reduzierter Flächennachfrage und einem Schwenk der Planung auf die Bestandsentwicklung auswirken würden, war anzunehmen. Überraschend ist aber dann doch das recht grosse Mass an Kontinuität in den Leitbildern und -ideen der lokalen Planung, die sich in den untersuchten Fällen in der klassischen Spur der Wachstumsverarbeitung und -förderung bewegen.
Die Arbeit bietet einen wertvollen Fundus an Erfahrungen, Bewertungen und Selbstbeschreibungen von Planenden im Kontext sich verändernder Rahmenbedingungen, die sich – auch dies ein zentraler Befund der Erhebungen – wenig von den «Expertenmeinungen» in der Disziplin und den entsprechenden, jeweils hegemonialen Diskursen leiten lassen. Sie sind vielmehr getrieben von ihrem genuinen Eigeninteresse. Nicht nur die sieben Fallstudien sind in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich, auch die querschnittsartig angelegte Auswertung und Diskussion der Fälle ist sehr lesenswert, wenngleich man noch gern mehr und durchaus Detaillierteres über die Auswertemethodik an sich erfahren hätte.


Der materialreichen Schrift ist eine weite Verbreitung zu wünschen. Ein einziger Punkt wirft allerdings Fragen auf: Auch bei gründlicher Suche ist das Stichwort «Theorie» in der gesamten Arbeit nicht auffindbar. Dies erstaunt nicht nur deshalb, weil die Arbeit am Lehrstuhl für Planungstheorie der RWTH Aachen entstanden ist bzw. betreut wurde. Dabei wäre es in der Sache natürlich von besonderem Interesse zu erfahren, welche allgemeinen, d.h. nicht nur auf die Praxis der sieben untersuchten Kommunen bezogenen Erkenntnisse aus dieser Arbeit gewonnen werden könnten bzw. zu diskutieren sind. Denn wenn es stimmt, dass die Abkehr von der Wachstumsorientierung und die Hinwendung zu einem sehr viel  differenzierteren, d. h. durch Wachstum und Niedergang zugleich geprägten, über längere Strecken per Saldo auch negativen Trend Ausdruck eines anstehenden Perspektivwechsels der Stadtentwicklung ist, dann sind damit auch übergreifende Erklärungsansätze zu Urbanisierung und Stadtpolitik grundsätzlich in Frage gestellt bzw. neu gefordert. Welche in dieser Hinsicht «theoretischen» Modelle die gegenwärtig beobachteten Prozesse abbilden und mit überzeugenden Erklärungen und Interpretationen versehen können, diese Frage verdient sicher definitiv mehr Aufmerksamkeit als sie bisher erhalten hat. Eine Diskussion dieser Fragen hätte auch zur Konsequenz, das methodische Design vergleichbarer empirischer Fallstudien zu erweitern, denn dann wären auch Einschätzungen und Bewertungen unabhängig von den untersuchten Fällen von Bedeutung, wären entsprechende Personen zu konsultieren. Theoretisch relevant ist sicher auch die strategische Frage, wie die räumliche Planung grundsätzlich mit der bedenkenswerten Renitenz der lokalen Planenden gegenüber dem allgemeinen Stand der Diskussion umgehen sollte. Ambitionierte Ziele wie das des 30-ha-Flächenverbrauchs scheinen der kommunalen Realität aus Wachstums- und  Wettbewerbsorientierung um Lichtjahre entrückt.
Markus Hesse

 

Quelle: disP 181, 2/2010, S. 123-124


Download der Arbeit