Peter Meusburger, Thomas Schwan (Hg.): Humanökologie. Ansätze zur Überwindung der Natur-Kultur-Dichotomie. Stuttgart 2003 (Erdkundliches Wissen 135). 342 S.

Der Sammelband enthält 15 Beiträge zu einem zentralen Thema, das weit über die Interessen und die methodischen Möglichkeiten der Geographie hinausgeht – die Natur-Kultur- bzw. Mensch-Umwelt-Problematik. Sie wird in dem Band aus ganz unterschiedlichen Perspektiven untersucht, wobei eine sozialwissenschaftlich-soziologische Sichtweise überwiegt.

Eine Bereicherung wäre sicherlich gewesen, auch Physiogeographen oder andere Naturwissenschaftler zu dieser Thematik Stellung nehmen zu lassen. Bei allen Beiträgen geht es vor allem um den Akteur und sein „Wirkungsgefüge“, zu dem – je nach Verfassermeinung – auch Raum bzw. Umwelt gehören. Wer einen raschen Überblick über den Inhalt erlangen möchte, sei auf den umfangreichen Einleitungsaufsatz des Herausgeberteams verwiesen. Er fasst kurz und bündig die Inhalte der einzelnen Beiträge zusammen, stellt diese in einen übergeordneten Kontext und legt dar, dass nicht nur humanökologische Fragestellungen schlechthin, sondern auch die Mensch-Umwelt-Beziehung nur transdisziplinär anzugehen sind. – Von den Einzelbeiträgen werden hier nur drei Artikel hervorgehoben: Einmal der grundlegende Aufsatz von Peter Weichhart, der seine Betrachtungen auf ein breites wissenschaftstheoretisches Fundament und eine vor allem soziologisch gewichtete internationale Literatur abstützt. Dann der Beitrag von Dieter Steiner, der sich explizit auf Peter Weichhart bezieht, aber von einem umfassenden Synthesedenken geleitet ist und „Humanökologie als Begegnung“ (S. 62) sieht. Gut begründet fordert er „die Wahrnehmung der landschaftlichen Dimension“ (S. 75) ein. Dies wird in einem dritten hervorzuhebenden Beitrag eingelöst: Marcus Nüsser bringt das einzige konkret-raumbezogene Beispiel, nämlich die Mensch-Umwelt-Beziehungen in peripheren Gebirgsräumen (Hochgebirge). Nicht von ungefähr kommt er daher in seinen „Perspektiven“ zu der Auffassung, dass die „Erfassung und Bewertung von Landschaftstransformationen“ nur mit „problemorientierten Studien auf regionaler Maßstabsebene“ möglich ist (S. 338). In denen haben „neben ökologischen Aspekten auch historisch-gesellschaftliche und ökonomische Faktoren in der Analyse der zentralen Themenbereiche Umwelt(veränderungen) und Entwicklung(sprozesse) eine Rolle zu spielen“. Einmal mehr ist dies ein Plädoyer für einen integrativen Ansatz – nicht nur der Humanökologie, sondern auch der Geographie. Die Beiträge habennatürlich unterschiedliches Gewicht. Interessant sind vor allem Stimmen aus der Soziologie, die sich mehr denn je einem raumbezogenen Ansatz verschreiben. Für den Rezensenten scheint dies ein bemerkenswertes Phänomen: Während einige Autoren, die teilweise auch in dem Band vertreten sind, den Mensch und sein Handeln absolut in den Vordergrund humanökologischen oder (sozial-)geographischen Interesses stellen wollen, beginnen diverse Sozial-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften, sich immer mehr dem Raum zuzuwenden. Man muss dies nicht als ein Besetzen geographischer Arbeitsfelder ansehen, sondern eher als eine Aufforderung zur transdisziplinären Zusammenarbeit. Umgekehrt sollten sich einige Theoretiker der sozialwissenschaftlich gewichteten Geographie fragen, ob ihre derzeitigen Theoriespitzen sich nicht zu sehr auf allmählich freiwerdende Felder der Soziologie zu bewegen. Fazit: Ein insgesamt höchst anregender Band – nicht nur wegen der Versammlung der Einzelbeiträge schlechthin, sondern vor allem wegen der Vielfalt der in der Regel ausgezeichnet fundierten Argumente zum Zustand und zur Weiterentwicklung der Humanökologie, die – ähnlich wie die Landschaftsökologie – nicht als Fachgebiet, sondern als Sichtweise, als Konzept mit universeller Einsatzmöglichkeit gesehen wird. In Zeiten fortschreitender Spezialisierung, auch und gerade der Teilgebiete der Geographie, wäre der Band Pflichtlektüre für all jene, denen eine theoretische und methodische – und damit auch praxisrelevante – Weiterentwicklung geographischer Sichtweisen am Herzen liegt.

Autor: Hartmut Leser

Quelle: Die Erde, 135. Jahrgang, 2004, Heft 3-4, S. 314-315

Kommentar schreiben