Sylvie Grischkat: Umweltbilanzierung von individuellem Mobilitätsverhalten. Methodische und gestaltungsrelevante Ansätze. Mannheim (Studien zur Mobilitäts- und Verkehrsforschung 21) 2008. 274 S.

Mobilität steht für die Mehrzahl der Menschen für Freiheit und Unabhängigkeit. Zunehmende Mobilität hat aber auch eine Kehrseite: die Umweltbelastung nimmt durch die immer höher werdende Verkehrsbelastung ebenfalls immer weiter zu. Die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen aus dem motorisierten Verkehr tragen zur Erwärmung der Atmosphäre, im Allgemeinen als „Klimawandel“ bezeichnet, bei.

Ansätze diese Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren, basieren vorrangig auf technischen Lösungsmöglichkeiten, Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer spielten in Klimaschutzprogrammen und -strategien bisher kaum eine Rolle. Wenig bekannt ist, welche Auswirkungen das individuelle Mobilitätsverhalten auf die Emissionen von Treibhausgasen hat und wie hoch die Reduktionspotenziale sind, wenn sich das Verkehrsverhalten von Einzelnen bzw. Personengruppen verändern würde.
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, die Auswirkungen des Klimawandels in Grenzen zu halten, um ein lebenswertes Leben auf unserem Planeten zu ermöglichen. Maßnahmen, die zu einer Reduktion von Treibhausgasen führen, sind gefragt. In der vorliegenden Veröffentlichung wird auf Basis einer standardisierten Erhebung und einer Umweltbilanzierung dieser Frage nachgegangen. Die Ergebnisse geben Aufschluss über die Relevanz verschiedener soziodemographischer, räumlicher, Verhaltens- und Einstellungsfaktoren für die Emissionen von Treibhausgasen. Auf dieser Grundlage sowie den Erkenntnissen aus einer qualitativen Analyse über die Motive und Hemmnisse ausgewählter Bürger bezüglich der Nutzung verschiedener Verkehrsmittel und Mobilitätsangebote werden Potenziale von Verhaltensmaßnahmen als Beitrag zur Emissionsreduktion abgeleitet. Schließlich werden Handlungsansätze für politische und unternehmerische Entscheidungsträger vorgestellt, bei denen Emissionsreduktionen zu erwarten sind und die gleichermaßen die Mobilitätsbedürfnisse der Verkehrsteilnehmerinnen und  Verkehrsteilnehmer berücksichtigen.
Voraussetzung für die Ermittlung der umweltseitigen Effekte von Verhaltensänderungen ist das Wissen um die Umweltwirkungen, die von verschiedenen Faktoren des Mobilitätsverhaltens ausgehen. So spielen die Verkehrsmittelwahl, zurückgelegte Entfernungen, der Auslastungsgrad der Fahrzeuge und die Häufigkeit des Unterwegsseins für die Umweltbilanz von Individuen eine Rolle. Basierend auf einer standardisierten empirischen Erhebung von Bewohnern dreier deutscher Großstädte wird eine Methodik entwickelt, die eine Umweltbilanzierung von individuellen Mobilitätsverhalten zulässt.
Die Umweltbilanzierung des individuellen Mobilitätsverhaltens lässt differenzierte Aussagen hinsichtlich der Umweltrelevanz des Mobilitätsverhaltens sowohl in Bezug auf die Gesamtstichprobe als auch auf individueller Ebene zu. Die Ergebnisse zeigen, dass jede Person der Stichprobe 1,8 Tonnen Treibhausgase in einem Jahr durch ihr Mobilitätsverhalten emittiert. Die meisten Emissionen gehen dabei zu Lasten der Erreichbarkeits- und Ausbildungswege (40%), der Urlaubswege (28%) und der Freizeitwege (24%). In der alltäglichen Mobilität des Einzelnen ist der Pkw mit entsprechend hohen Emissionsanteilen, im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln, dominant.
Die Verkehrsmittel des ÖV haben geringfügige Emissionsanteile sowohl im Nah- als auch im Fernverkehr. Neben den zurückgelegten Distanzen, wie sie im Bereich des Urlaubsverkehrs besonders ins Gewicht fallen, wirken sich der Auslastungsgrad sowie die technischen Voraussetzungen der Fahrzeuge auf die Höhe der Emissionswerte aus. Je höher die Auslastung, desto weniger emissionsintensiv ist dessen Nutzung für den Einzelnen. Die Verteilung der Emissionen auf die betrachteten, unter verschiedenen Gesichtspunkten zusammengestellten Personengruppen zeigt, dass Bewohner Innenstadt naher Gebiete mehr emittieren als Bewohner von Umlandund Stadtrandgebieten. Es ist davon auszugehen, dass die Reduktionspotenziale steigen, wenn sich neben einer reinen Angebotsverbesserung weitere Rahmenbedingungen verändern (z.B. Erhöhung der Treibstoffpreise, konsequente Parkraumbewirtschaftung).


Die Ergebnisse dieser Arbeit verdeutlichen jedoch, dass das Mobilitätsverhalten und die Perspektive der Nutzer seitens der politisch Verantwortlichen verstärkt mitberücksichtigt werden sollten, wenn Maßnahmenpakete zur Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen z.B. im Rahmen der Erfüllung der Nationalen oder Europäischen Klimaschutzprogramme erstellt werden.
Thomas J. Mager

 

Quelle: Erdkunde, 63. Jahrgang, 2009, Heft 3, S. 387-388

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