Heike Egner: Gesellschaft, Mensch, Umwelt – beobachtet. Ein Beitrag zur Theorie der Geographie. Stuttgart (Erdkundliches Wissen 145) 2008. 208 S.

Die Autorin geht von der Annahme aus, dass es beim gegenwärtigen Stand der Forschungen über Mensch/Gesellschaft-Umwelt-Beziehungen erforderlich ist, die bisher vorliegenden theoretischen Überlegungen zur Struktur und Funktionsweise dieser Interaktionen durch neue Grundkonzepte zu erweitern. Sie schlägt vor, sich dabei der Systemtheorie Luhmanns zu bedienen, die sich grundlegend von den gängigen Systemkonzepten in der Geographie unterscheidet.

Ihr Ziel ist es, den Luhmannschen Ansatz für die geographische Forschung nutzbar zu machen. Dabei geht es ihr ausdrücklich auch um den Versuch, „[…] über die theoretische Neu-Konzeptionierung der Beziehungen zwischen Gesellschaft, Mensch und Umwelt auf der Basis von Systemtheorie einen Vorschlag für eine theoretische Fundierung der Geographie zu unterbreiten“ (S. 13).
Die Arbeit ist in zwei Hauptteile gegliedert. Der erste Abschnitt befasst sich mit bisher gängigen Konzepten der Mensch-Umwelt-Forschung und mit der Ideengeschichte der Systemtheorien. Dabei werden terminologische Probleme des Forschungsfeldes erörtert und in knapper Form die Entwicklungslinien der Systemtheorie bis Luhmann skizziert. Im zweiten Teil verwendet die Autorin die Luhmannsche Perspektive, um die Beziehungen zwischen Gesellschaft, Mensch und Umwelt auf der Grundlage dieser differenztheoretischen Zugangsweise darzustellen und einige der (aus
traditioneller Sicht überraschenden und unerwarteten) Konsequenzen einer solchen Neukonzeption aufzuzeigen. Diese Konsequenzen werden in Abschnitt fünf vor dem Hintergrund der bisherigen Forschungspraxis ausführlicher erörtert. In den beiden Schlusskapiteln werden Folgerungen für eine theoretische Grundlegung der Geographie abgeleitet und differenztheoretisch begründete Thesen zu den Beziehungen zwischen Gesellschaft, Mensch und Umwelt formuliert.
Ein besonderer Nutzen dieses Textes für die Geographie, dessen Bedeutsamkeit gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, liegt in der erkenntnistheoretischen Reflexivität. Die Systemtheorie Luhmanns geht mit Selbstverständlichkeit davon aus, dass die  Konstitutionsbedingungen des eigenen Weltverständnisses axiomatische Setzungen und Vorentscheidungen darstellen, für die es keine Letztbegründungen geben kann. Dieses epistemische Grundproblem wird in vielen anderen Paradigmen der Geographie nicht ernsthaft reflektiert. Für den naiven Empirismus, aber auch für neopositivistische Zugänge ist die Frage nach den Letztbegründungen kein Thema der Selbstreflexion. Was Heike Egner in aller Deutlichkeit für die Systemtheorie herausgearbeitet hat, nämlich die konstitutive Funktion der theorieimmanenten axiomatischen Grundlegung, musste für Realismus und Positivismus erst von der analytischen Wissenschafts- und Erkenntnistheorie kritisch aufgezeigt werden (etwa von Hans Albert), wird aber von den Vertretern dieser Paradigmen auch heute noch weitgehend ignoriert. Wer sich in der Geographie also mit der Systemtheorie Luhmanns auseinandersetzt, muss mit Notwendigkeit die axiomatische Grundlegung aller Wissenschaft (auch die Entscheidung zum Rationalismus oder für das Falsifizierbarkeitskriterium) erkennen und sich der Konsequenzen für das eigene Fach bewusst werden.


Die Arbeit ist sprachlich sehr eingängig formuliert und durch eine sehr klare, pointierte und didaktisch bemühte Ausdrucksweise gekennzeichnet.
Peter Weichhart

 

Quelle: Erdkunde, 63. Jahrgang, 2009, Heft 3, S. 385-387

 

vgl. auch:

Heike Egner, Beate M.W. Ratter und Richard Dikau (Hg.): Umwelt als System - System als Umwelt. Systemtheorien auf dem Prüfstand. München 2008. 172 S.

Kommentar schreiben