Gerald Wood: Die Wahrnehmung städtischen Wandels in der Postmoderne. Untersucht am Beispiel der Stadt Oberhausen. Opladen 2003 (Stadtforschung aktuell 88). 328 S.

Die Arbeit von Gerald Wood ragt konzeptionell, methodisch und empirisch aus den Untersuchungen zu den Veränderungen in Städten hervor. Eine theoriebezogene Grundlage für die empirische Analyse wird aus der Postmodernediskussion entwickelt, obwohl diese Diskussion weder ein klar umrissenes Konzept anbietet, noch eine sichere Orientierung angesichts der Vielfalt der Erfahrungen und der Möglichkeiten der Erkenntnisgewinnung.

Postmoderne Diskurse der Literatur- und Kulturkritik, der Architektur und der Stadtforschung zeigen die Relativität des Wissens, die postmoderne Philosophie die Kontextgebundenheit des Wissens und die gesellschaftlichen Trends der Nachkriegszeit die Entstehung eines neuen Gesellschaftssystems, in dem der Konsum eine herausragende Bedeutung gewinnt. Die verschiedenen Diskussionsstränge werden zwar auf die Entwicklung der Städte zentriert und relativiert und in Veränderungen der räumlichen Organisation, der Stadtökonomie, der räumlichen und sozialen Disparitäten, der Lebensführung, der Stadtpolitik, der Stadtplanung und der Architektur nachgewiesen, sie bleiben jedoch etwas diffus. Dem theoretischen Eklektizismus, Erklärungsversuche unterschiedlicher Denkrichtungen und Disziplinen, entsprechen unterschiedliche empirische Befunde. Sie sind Ausdruck und Begründung baulicher und sozialräumlicher Fragmentierungstendenzen in den Städten und der Verschiebungen in der Städtehierarchie. In der empirischen Untersuchung werden im Kontext der allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen mit Hilfe qualitativer Verfahren der Informationsgewinnung und -auswertung Auswirkungen der ökonomischen und sozialen Umstrukturierung auf den Lebensalltag, die berufliche Situation und die Konsum- und Freizeitgewohnheiten der betroffenen Menschen und auf die Urbanität in Oberhausen aufgezeigt. Die Grundlage bilden Gespräche mit Bewohnern in Oberhausen zur Wahrnehmung und Bewertung der Veränderungen in den letzten 40 Jahren. Die Begründung des empirischen Ansatzes, die hermeneutische Interpretation der sozialen Realität als die hier "angemessenste Form der Erkenntnisgewinnung" kann durchaus überzeugen. Hinter der hohen Deutungskunst des Gesprächsleiters und Bearbeiters treten jedoch Überlegungen zur Relativität wissenschaftlicher Erkenntnis und zur reduktionistischen Interpretation individueller Aussagen zurück, auch Zweifel, wieweit diese Aussagen Auskunft geben über kollektive Muster der Wahrnehmung z.B. von Erneuerungsstrategien, über die Bedeutung der Arbeit und letztlich über allgemeine soziale Deutungsmuster. Offen ist, ob die Probleme und Lösungsansätze in Oberhausen beispielhaft für Probleme und Lösungsansätze in Städten mit einem starken wirtschaftlichen Strukturwandel sind. Die Deindustrialisierung beruht hier auf dem Strukturwandel der Montanindustrie, die in Deutschland im 20. Jahrhundert zu keiner Zeit komparative Vorteile hatte. Da es nur wenige vergleichbare Deindustrialisierungsprozesse mit einer konsum- und freizeitorientierten Erneuerungsstrategie gibt, Beispiele sind Lille und Bilbao, erhalten die Untersuchungsergebnisse primär einen an das Fallbeispiel gebundenen Erkenntniswert. Sie sind nur bedingt verallgemeinerungsfähig und eine verlässliche Grundlage für Politik und Planung. Der funktionale, städtebauliche, ökonomische und soziale Wandel ist in Oberhausen nicht beispielhaft gelöst, weder in der Stadt selbst noch in der Region, da die Auswirkungen nach allen Bewertungskriterien nicht günstig sind. Er zeigt weder beispielhafte städtebauliche Lösungen, noch beispielhafte wirtschaftliche und soziale Lösungen der Umstrukturierung. Auch die Arbeitsmarktbilanz ist unbefriedigend, bezogen auf den Verlust an Arbeitsplätzen und auf die geforderte Qualifikation und die Sicherheit und Bezahlung der Arbeitsplätze. Sozialtransfer ist kein Ersatz für den Verlust des Arbeitsplatzes. Die Erneuerungsstrategie ist ein Beispiel für Exklusion und Verdrängung. Sie ist auch interkommunal nicht vorteilhaft, da sie auf Kosten anderer Kommunen und der Bevölkerung anderer Städte umgesetzt wurde. Sie wurde zudem nur durch wenige Akteure durchgesetzt und gesteuert, für die das Gemeinwohl und die optimale Allokation öffentlicher Gelder kein vorrangiges Handlungsziel waren. Der Versuch, aktuelle städtische Veränderungstendenzen in hoch entwickelten Ländern im Rahmen der Postmodernediskussion zu untersuchen und die Erklärungsangebote am Beispiel der Stadt Oberhausen aufzuzeigen und zu vertiefen, ist überaus anregend und hoffentlich Anlass einer verstärkten Diskussion der theoretisch-konzeptionellen und methodischen Ansätze in der Stadtforschung.

Autor: Wolf Gaebe

Quelle: Die Erde, 135. Jahrgang, 2004, Heft 3-4, S. 318-319

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