Jürgen Friedrichs, Sascha Triemer: Gespaltene Städte? Soziale und ethnische Segregation in deutschen Großstädten. Wiesbaden 2008. 181 S.
Werner Schiffauer: Parallelgesellschaften. Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft? Für eine kluge Politik der Differenz. Bielefeld 2008. 152 S.

Wir sind eine Einwanderungsgesellschaft. Diese Aussage war schon richtig, bevor sich die Politik, viel zu spät, diese Tatsache endlich eingestanden hat. Welche Folgen mit Einwanderung verbunden sind und wie bzw. mit welchen Zielen diese Folgen für ein gedeihliches Zusammenleben bewältigt werden können, ist so auch in der Wissenschaft erst mit einiger Verzögerung eingehender thematisiert worden.

Zentrale Forschungsfragen drehen sich dabei um den Grad sozialräumlicher Segregation in Großstädten sowie um die sozialen, ökonomischen, kulturellen und möglicherweise auch politischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Die Besorgnis darüber, die Integration der Fremden könne scheitern, findet in den, oft politisch instrumentalisierten, Schlagworten von „gespaltenen Städten“ und der Warnung vor einer zunehmenden Herausbildung von „Parallelgesellschaften“ ihren Ausdruck. An diesen emotionalisierten Diskurs knüpfen beide hier anzuzeigenden Publikationen imTitel an. Beide sind jedoch bemüht, dem gängigen Vorurteil das empirisch fundierte Argument entgegenzusetzen.
Dies tun sie allerdings auf recht unterschiedliche Weise: makrosoziologisch auf der Grundlage von Panel-Daten die (bereits in 2. Auflage erschienene) Studie des emeritierten Soziologen Jürgen Friedrichs und des Diplom-Geographen Sascha Triemer, ethnologisch auf Fallstudien basierend die Untersuchung des Kultur- und Sozialanthropologen Werner Schiffauer. Weitgehend verallgemeinerbaren, aber auch recht pauschalen Ergebnissen auf der einen stehen Einzelbefunde, diese jedoch mit hoher analytischer Tiefenschärfe, auf der anderen Seite gegenüber. Beide Publikationen belegen, dass sich die unterschiedlichen methodischen Zugänge im Idealfall durchaus gut ergänzen.
Friedrichs/Triemer präsentieren die Ergebnisse eines mehrjährigen Forschungsprojektes, in dem auf der Basis administrativ abgegrenzter Teilräume (Stadtteile) für 15 deutsche Großstädte quantitativ untersucht wurde, ob sich im Zeitraum 1990 bis 2005 die ethnische und soziale Segregation vergrößert hat. Die Ergebnisdokumentation mit zahlreichen thematischen Karten sowie einem ausführlichen Tabellenteil für jede der Untersuchungsstädte nimmt weit über die Hälfte des Bandes ein. Gegenüber dieser zweifellos nützlichen Materialdokumentation werden die Hypothesen und inhaltlichen Befunde aber etwas zu knapp präsentiert und interpretiert. Die Ergebnisse verweisen für den Untersuchungszeitraum auf eine relativ stabile Einkommensungleichheit, zugleich aber auch auf einen steigenden Anteil ärmerer Personen.
Erwartungsgemäß besteht zwischen der Segregation von Armen und Migranten eine hohe räumliche Korrelation. Eher überraschend ist dagegen der Befund, dass bei gestiegener sozialer Segregation die ethnische Segregation abgenommen hat. Einen Grund vermuten die Autoren darin, dass wirtschaftliches Wachstum die Chancen der ärmeren Bevölkerung kaum, wohl aber die von (einigen)Migranten verbessert hat. Für die sozialräumliche Struktur der untersuchten Städte ergibt sich daraus das wichtige Fazit: „Die Städte sind eher sozial als ethnisch gespalten.“ (117)
Diese Feststellung passt zu dem Befund, den Schiffauer anhand seiner Fallstudien über sogenannte „Ehrenmorde“, über die türkisch-islamische Gemeinschaft Milli Görüs sowie über großstädtische Identitäten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gewinnt: Für  modernisierungsresistente Einwanderergemeinden mit eigenen, auf dem Islam und auf archaischen Stammeskulturen gründenden Regeln, die sich als Parallelgesellschaften zunehmend von der Mehrheitsgesellschaft abkoppeln, findet er keine substantiellen Hinweise. Sogenannte „Ehrenmorde“ sind statistisch selten und eher als Ausnahmeerscheinung zu werten, jedenfalls lassen sie sich nicht als Indiz für die Existenz eines parallelen Rechtssystems mit eigener Rechtssprechung interpretieren. Auch die Analyse der Jugend- und Familienarbeit der konservativ-islamischen Organisation Milli Görüs brachte eher Hinweise darauf, dass zumindest eine jüngere Führungsgeneration, die sich von der Rückkehrorientierung der Eltern gelöst hat, bestrebt ist, die Bindung an die Mehrheitsgesellschaft zu stärken, statt sich abzukoppeln.
In den Migrantenvierteln ist man bemüht, dem anomischen Einfluss „der Straße“, den Eckensteherkulturen junger Männer, das empowerment der eigenen Mitglieder entgegenzusetzen, sich als Muslime in der Schule und auf demArbeitsmarkt behaupten zu können. Besonders interessant:
Ein Leitfaden für die Frauenberatung leistet Argumentationshilfe, wie muslimische Frauen sich unter Rückgriff auf den Islam gegen traditionelle Haltungen ihrer Ehemänner wehren können. Ein aus geographischer Sicht wichtiger Befund Schiffauers bezieht sich schließlich auf die Haltungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund: Trotz feststellbarer Distanzierung von der Mehrheitsgesellschaft gibt es eine Identifikation mit der Stadt in der man, oder auch nur mit dem Stadtviertel, in dem man lebt. Sie werden als „Heimat“ gesehen und scheinen einen „dritten Raum“ zu öffnen, der sich mit seiner Heterogenität den Eindeutigkeitszwängen nationaler, aber auch religiöser Zuschreibungen entzieht. Geschätzt wird die urbane Weltoffenheit und gerade nicht das „Ghetto“.
Daran knüpft Schiffauer normativ an mit seinem Plädoyer „für eine kluge Politik der Differenz“ und „für eine Kultur des genauen Hinsehens“:
Wenn sich innerstädtische Migrantenquartiere zu hybriden Räumen des Sowohl-als-auch entwickeln, besteht die Chance, dass sich zwischen den verschiedenen Subkulturen der Gesellschaft Überlappungen und fließende Übergänge bilden. Auf dieser Grundlage könnte sich dann ein von allen geteiltes Gefühl „kultureller Identität“ einstellen, das ohne Eindeutigkeitszwänge auskommt: geteilte Identität durch kulturelle Vernetzung statt durch leitkulturellen Zwang. Es muss hier offen bleiben, wie realistisch diese optimistische Integrationsperspektive letztlich ist, dass sie einige Plausibilität für sich hat, lässt sich aber kaum bestreiten. Schiffauers ethnologisches Verfahren der case studies erlaubt erhellende, teilweise auch überraschende Einblicke in Zusammenhänge, muss aber die Frage unbeantwortet lassen, inwieweit der Einzelfall für das Ganze stehen kann. Zumindest Hinweise dafür liefern aber die quantifizierten Befunde der makrosoziologischen Studie von Friedrichs/Triemer, die in eine ähnliche Richtung weisen. Wenig spricht danach dafür, dass sich in deutschen Großstädten abgekoppelte, ethnisch-kulturell und/oder religiös definierte Parallelgesellschaften herausbilden, mit größerer Sorge sind dagegen die empirischen Indizien für eine wachsende sozialräumliche Spaltung der Städte zu werten. Die beiden methodisch sehr unterschiedlichen, sich aber inhaltlich ergänzenden Arbeiten sind für die Human- und Kulturgeographie, besonders für die Stadtgeographie, von hoher Relevanz. Sie sollten in den einschlägigen Bibliotheken verfügbar sein, vor allem aber sollten sie auch inhaltlich rezipiert werden.
Helmut Schneider
Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 54 (2010) Heft 2, S. 138-140

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