Heike Egner: Gesellschaft, Mensch, Umwelt – beobachtet. Ein Beitrag zur Theorie der Geographie. Stuttgart (Erdkundliches Wissen 145) 2008. 208 S.

„Endlich!“ möchte man ausrufen, „endlich liegt eine Einführung in die Systemtheorie für Geographen vor“. Denn schon vor mehr als zwei Jahrzehnten wurde mit der Arbeit von Helmut Klüter (1986) diesbezüglich ein Grundstein gelegt. Spätestens seit Luhmanns „Ökologischer Kommunikation“ (1986) wurde die Theorie autopoietischer Systeme auch in humanökologischen Kreisen diskutiert und in der Lehre aufgegriffen. Seither sind einige Artikel und Monographien mit Bezug zu einer Systemtheorie erschienen, ohne jedoch damit innerhalb der Geographie eine kohärente Forschungstradition oder gar ein „Paradigma“ zu begründen.

Es ist nicht zuletzt auch Heike Egner zu verdanken, dass an mehreren Tagungen  eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Systemtheorien, unter Einschluss der Physischen Geographie, geführt wurde. Für die deutschsprachige Humangeographie lässt sich konstatieren, dass Systemtheorien zunehmend Aufmerksamkeit zuteil wird. Dies gilt insbesondere für Luhmanns Theorie autopoietischer Systeme, deren Fruchtbarkeit für unterschiedliche „geographische“ Themenfelder demonstriert wurde. Höchste Zeit also, dem Publikum einen spezifischen und zugleich didaktisch aufbereiteten Einstieg in die Grundlagen der Systemtheorie und ihrer Beziehungen zur Geographie zu bieten!  
Inhalt: Egners Habilitation besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen: Nach einem einleitenden Kapitel ist die erste Hälfte des Werkes der Vermittlung verschiedener Systemtheorien gewidmet. Egner folgt dabei grob den historischen Entwicklungen von der allgemeinen Systemtheorie (bzw. Kybernetik) über die formale Logik von Spencer-Brown, das Konzept der Selbstreferenz, die Chaostheorie, die Komplexitätstheorie bis zur Theorie autopoietischer sozialer Systeme von Niklas Luhmann. Damit wird ein Überblick über die wichtigsten Systemverständnisse und Systemtheorien, die innerhalb der Geographie rezipiert wurden, gewonnen. Zugleich wird systemtheoretischen Laien eine umsichtig aufgebaute Einführung geboten. Im zweiten Teil des Werkes werden verschiedene Aspekte der Beziehungen zwischen Gesellschaft, Mensch und Umwelt systemtheoretisch „beobachtet“. Zunächst führt Egner aus, wie aus systemtheoretischer Sicht Körper, Bewusstsein und Umwelt unterschieden und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Durch die Erläuterung des Gesellschaftsbegriffes und der Erklärung, weshalb diese Theorie nicht mit der Kategorie „Mensch“ operiert, wird die Perspektive erweitert. Es folgt eine vertiefte Auseinandersetzung mit der spezifischen Weise, wie soziale Systeme Beziehungen zu ihrer Umwelt gestalten. Im Prinzip ist damit die Diskussion der fachtheoretischen Grundlagen der Systemtheorie, soweit sie aus Egners Sicht für die Geographie relevant sind, abgeschlossen. Da die Systemtheorie aber auch als Erkenntnistheorie und als Theorie des Wissenschaftssystems verstanden werden kann, folgt ein längeres Kapitel, das sich mit Aspekten wie „Wahrheit“, „Tautologien & Paradoxien“, „Beobachten & Verstehen“ sowie etwas konkreter mit Umweltkommunikation und Risikoforschung befasst. In neun Thesen repetiert Egner am Ende des Buches die für sie zentralsten Einsichten der Auseinandersetzung in prägnanter Form.
Anspruch: Egner geht davon aus, dass ökologische Probleme, wie auch andere komplexe Probleme der Moderne, weder durch mehr Wissen noch durch weitere Appelle an die Vernunft zu bewältigen sind. Ihre Arbeit ist daher von der Überlegung geleitet, „dass unser Verständnis über die theoretischen Zusammenhänge in dem Komplex der Beziehungen zwischen dem Menschen und seiner Umwelt einer Neuorientierung und Neukonzeptionierung bedarf“ (S. 14). Entsprechend sollen die Ausführungen einen Versuch darstellen, „über die theoretische Neukonzeptionierung der Beziehungen zwischen Gesellschaft, Mensch und Umwelt auf der Basis von Systemtheorie einen Vorschlag für eine theoretische Fundierung der Geographie zu unterbreiten“ (S. 15). Heike Egner stellt Ihre Arbeit explizit in den Kontext der jüngeren Debatten um „Schnittstellenforschung“ bzw. „Dritte Säule“; der Systemtheorie attestiert sie ein Potential als Hintergrundtheorie für integrative Projekte in der Geographie.
Diskussion: Indem Egner Systemtheorien systematisch aufgreift, widmet sie sich einem Thema, das, obwohl es seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Geographie präsent ist, ein Schattendasein führt. So gesehen ist ihre Arbeit schon lange „überfällig“ und höchst willkommen. Dass diese zugleich verschiedene Systemtheorien vermittelt, ist einzigartig. Die Präsentation Luhmanns Theorie sozialer Systeme führt Unkundige zielstrebig und kompetent in einige Grundlagen ein und ist zugleich auf Egners Argumentationsgang zugeschnitten. Ihre Auseinandersetzung fokussiert auf die Beziehungen zwischen sozialen Systemen, Bewusstsein und Körper sowie zwischen Gesellschaft, Materialität und Raum. Egner betritt damit allerdings kein absolutes Neuland, sondern führt bisher verstreut anzutreffende Überlegungen zusammen. Sie greift aus systemtheoretischer Sicht viele für die Geographie relevante Fragestellungen auf, diskutiert sie kompetent, konkretisiert sie immer wieder anhand von Beispielen und hält dabei eine verständliche und klare Sprache durch. Viele Literaturhinweise bieten zusätzliche Orientierung in diesem bisher eher unterbelichteten Feld. Den Anspruch, durch eine systemtheoretische Neukonzeptionierung der Beziehungen zwischen Gesellschaft, Mensch und Umwelt der Geographie eine theoretische Fundierung zu unterbreiten, kann Egners Schrift allerdings nur teilweise einlösen. Zunächst darf unter „Neukonzeptionierung“ keine Weiterentwicklung der Systemtheorie verstanden werden. Egner bewegt sich argumentativ im Wesentlichen innerhalb bestehender systemtheoretischer Ansätze. Neu sind die von ihr angebotene Synopsis sowie der Vorschlag, Verbindungen zwischen Chaostheorie, Komplexitätstheorie und Theorie autopoietischer Systeme zu erarbeiten. Auch die theoretische Fundierung der Geographie sollte nicht im Sinne eines ausformulierten, konsistenten und kohärenten Ansatzes verstanden werden: Egner legt keine „systemtheoretische Geographie“ vor. Vielmehr zeigt sie einige für die Geographie relevante Ansatzpunkte innerhalb des Feldes der Systemtheorien auf. Damit ist bei weitem noch keine Hintergrundtheorie für integrative Projekte in der Geographie gewonnen, aber es wird immerhin plausibel, dass und wie Systemtheorien dafür genutzt bzw. weiterentwickelt werden könnten. Egner thematisiert tatsächlich Gesellschaft, Mensch und Umwelt in ihren Beziehungen, doch sie leistet keine empirische Beobachtung dieser Beziehungen, sondern führt aus, wie diese Beziehungen in der Theorie sozialer Systeme prinzipiell konzipiert werden und daher durch diese Theorie zu beobachten wären. Wenn Egner von Umwelt spricht, bezieht sie sich primär auf Umwelt im systemtheoretischen Sinn, also auf die Gesamtheit dessen, was nicht von einem autopoietischen System dem System selbst zugerechnet wird (allopoietische Systeme behandelt sie nicht und folgt darin Luhmann). Was im Alltagsverständnis mit Umwelt gemeint wird, wenn beispielsweise von Umweltproblemen oder Umweltpolitik die Rede ist, wird gelegentlich aufgegriffen, aber nicht systematisch entfaltet. Ebenso finden sich Hinweise zur Thematisierung von Raum im Rahmen der Systemtheorie, aber auch nicht mehr. Ausführlicher wird der Bezug zwischen Materie, psychischen und sozialen Systemen behandelt. Auch die zentralen Aussagen von Luhmanns „ökologischer Kommunikation“ werden rekapituliert. Insgesamt steuert Egners Auseinandersetzung weder auf eine Theorie der Geographie (im Sinne der erdräumlichen Organisation sozialer und anderer Systeme) noch auf eine Theorie der Humanökologie (z.B. im Sinne einer Ressourcenproblematik oder umfassender Beziehungen zwischen Systemen und ihrer „Lebenswelt“) zu. Ihre Ausführungen sind diesbezüglich fast vollkommen durch die theoretische Perspektive von Luhmann gelenkt, der sich in dieser Hinsicht als blind in der Theorie, aber durchaus sehend in empirischen Beispielen (z.B. in seinen Ausführungen zur räumlichen Bedeutung von Schrift und Massenmedien oder zu Staaten und Weltgesellschaft) erweist. Um Luhmanns Kurzsichtigkeit nicht nur zu konstatieren, sondern sie zu überwinden, fehlen Egner jedoch die kritische Distanz zu seinem Werk und die Bereitschaft, eigenständig systemtheoretische Entwicklungsarbeit zu leisten. Im Übrigen scheint sie die alltagssprachliche Bedeutung von Umwelt nicht als Sammelbegriff für eine Reihe verschiedener Problemlagen zu begreifen. Es ist unverständlich, weshalb sie zwischen Umwelt aus systemtheoretischer Sicht und Beziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und Umwelt in allgemein humanökologischer Sicht oszilliert, ohne sich wirklich zu fragen, worin denn eigentlich Umweltprobleme bestehen. Man könnte diese z.B. als Streit um Ressourcen, als Kampf um die Gestaltungsmacht über die physische Welt und damit als Gerechtigkeitsfrage (wie z.B. im Brundtlandbericht), als Konflikt zwischen eher utilitaristischen, ästhetizistischen, romantischen und religiösen Güterauffassungen und entsprechenden Normen oder auch als potenzielle Selbstgefährdung von Lebensstilen oder als Gefährdung der menschlichen Gesundheit verstehen – und vielleicht noch als vieles mehr. Jeder dieser Aspekte würde eine andere systemtheoretische „Erläuterung“ oder „Aufklärung“ verdienen. Die „Umweltproblematik“ über die System/Umwelt-Differenz anzugehen, ist zwar erkenntnis- und kommunikationstheoretisch erhellend, kann aber in der Sache nicht allzu weit führen – bestenfalls zurück zu Luhmanns „ökologischer Kommunikation“, die ja auch nicht wirklich aufzeigen kann, weshalb Umweltpolitik seit Jahrzehnten nicht nur versagt, sondern auch erfolgreich ist. Nachdem in der Geographie seit längerem die Beziehungen zwischen physischen und sozialen Sachverhalten als eine der zentralsten konzeptionellen Fragen im Hinblick auf integrative Ansätze identifiziert wurden,  würde man eine tiefer gehende   Auseinandersetzung mit der ontologischen Differenzierung von Systemen in allopoietische vs. autopoietische – und diese in organische, psychische und soziale – erwarten. Woher kommt diese Unterscheidung? Welche Funktion erfüllt sie? Mit welchen Codes unterscheidet hier die Systemtheorie? Was ist der blinde Fleck dieser Unterscheidung? Welche Alternativen wären denkbar? Welche alternativen Funktionen könnten sie erfüllen? Diese Dimension der Problematik wurde von Egner leider nicht weiter verfolgt, aus nicht ersichtlichen Gründen. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Arbeit nicht von einer systematischen Entfaltung der Problemlage ausgeht, sondern sich damit begnügt, mehr oder weniger allgemein bekannte und naheliegende Aspekte dieser Problemlage aufzugreifen. Daraus entwickelt sich in der Folge auch keine durchgehend stringente Argumentation, sondern ein Argumentationsweg, der von Thematik zu Thematik springt. Wer den Text nicht nur konsumiert, sondern sich kritisch mit den Inhalten auseinandersetzt, wird leider immer über Aussagen stolpern, die nicht hinreichend präzise formuliert sind; gerade dem informierten Leser werden einige gedankliche und begriffliche Unschärfen zugemutet. Ansonsten ist „Gesellschaft, Mensch, Umwelt – beobachtet“ ein gut geschriebenes, sehr verständliches Buch. Es zeigt der Geographie Ansatzpunkte der Systemtheorie auf. Das Grundgerüst einer systemtheoretischen Geographie oder gar einer „Ökologie sozialer Systeme“ zu skizzieren, würde eine andere Zugangsweise voraussetzen – eine Zugangsweise, die sich zuerst über die zu lösenden theoretischen Probleme mehr Klarheit verschafft. Wer das Buch nicht mit diesem Anspruch in die Hände nimmt, liest es mit Gewinn.
Klüter, H. 1986: Raum als Element sozialer Kommunikation. Gießener geographische Schriften 60
Luhmann, N. 1986: Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? Opladen
Wolfgang Zierhofer


Quelle: Die Erde, 141. Jahrgang, 2010, Heft 1-2, S. 156-159

vgl. auch die Rezension von Peter Weichhart

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