Doreen Jakob: Beyond creative production networks. The development of intra-metropolitan creative industries clusters in Berlin and New York City. Berlin 2009. 292 S.

Das junge Handlungsfeld Kreativwirtschaft, das seit einigen Jahren immer prominenter die kommunalen Vertreter von urbanen Stadt- und Wirtschaftsentwicklungsprozessen beeinflusst, produziert erfreulicherweise zunehmend differenzierte und aufschlussreiche wissenschaftliche Analysen zum besseren Verständnis seiner raumzeitlichen Organisation.

Der mehrheitlich durch Richard Florida angestoßenen Euphorie können somit sukzessive sachlichere und kontextspezifische Erkenntnisse entgegengestellt werden. Eine aus wirtschaftsgeographischer Sicht wesentliche Diskussion konzentriert sich auf die Frage, welche raumzeitlichen Ausdehnungen unternehmerische Zusammenschlüsse der Kreativwirtschaft aufweisen. Sind sie territorial verankert und auf städtische Räume begrenzt oder sind sie translokal vernetzt und zunehmend international ausgerichtet? Mit der Fachdiskussion um die Frage des räumlichen Maßstabs von unternehmerischen Praktiken der Marktteilnehmer verbindet sich die Frage nach den Organisationsformen dieser Akteure. Während führende Vertreter (z. B. WECKERLE/GERIG/SÖNDERMANN 2007) insbesondere Szenen als informelle aber zentrale Form der sozialen Vergemeinschaftung innerhalb der projektbasierten Arbeitsweisen (GRABHER 2002) reklamieren, ist die Fachdiskussion um den Stellenwert des Clusterkonzepts mehrheitlich auf den anglo-amerikanischen Untersuchungsraum abgestellt (COOKE/LAZZERETTI 2008). Clusterkonzepte werden bis dato eher als Praxisinstrument zur Stimulierung der Kreativwirtschaft in Deutschland (z. B. Nordrhein-Westfalen) angewandt und erweisen sich als analytisches Instrument zum Verständnis der heterogenen Kreativwirtschaft als äußerst ambivalent. Vor diesem Hintergrund ist die Dissertation von Doreen Jakob zu begrüßen. Ziel ist, fallvergleichend Erklärungen für kreative Produktionsprozesse intra-metropolitaner Cluster vorzustellen. Da mit dem Vergleich intra-metropolitaner Gravitationszentren in New York und Berlin darüber hinaus ein transatlantischer Brückschlag vorgenommen wird, hat sich die Autorin ein hohes Ziel gesetzt. Sie versucht die Formierungslogik kleinräumlicher Produktionsnetzwerke zu rekonstruieren und deren Verhältnis zu raumorientierten Strategien der Aufmerksamkeitserzeugung (location-based images, 218) nachzuzeichnen. Konzeptionell bezieht sie sich auf Ansätze, die die Produktion und Konsumption von symbolischen Gütern als Ausdruck einer wechselseitigen gesellschaftlichen, räumlichen und politischen Restrukturierung verstehen. Mit Hilfe von qualitativen Verfahren werden Netzwerkstrukturen und lokal basierte Produktionskontexte exemplarisch an ausgewählten Standorten vorgestellt. Wesentliches Gewicht wird auf Bilder und lokal initiierte Standortprofile gelegt, die zu einer Verbesserung der Aufmerksamkeit der Marktteilnehmer führen. Made in-Politiken der Marktteilnehmer sowie lokale Ereignisse bringen das Versprechen zum Ausdruck, der Marktwert der Marktteilnehmer bzw. ihrer Produkte sei höher. DieAutorin bietet eine Fülle von ortsbezogenen Raumbildern und raumorientierten Semantiken an, die auf die Dynamik des Feldes verweisen: Sie werden als new, cutting-edge, different, exotic, sexy apostrophierbar. Diese Praktiken einer economy of attention versteht die Autorin als marketing tools der Marktteilnehmer, die ihnen eine bessere Marktpräsenz ermöglicht. Es ist wenig verwunderlich, dass dies den jungen Marktteilnehmern natürlich immer an solchen Standorten besser gelingt, wo die Differenz zu einem anderen etablierten oder wenig attraktiven Image groß ist, sowie an Orten, an denen das Thema Kreativwirtschaft noch nicht ein dominierendes Standortprofil darstellt. In der etwas nüchternen Sprache der Sozialgeographie sind dies schlicht sozio-ökonomisch benachteiligte Quartiere mit oftmals wenig stabilen lokalen Netzwerkstrukturen. Die in der Darstellung der Empirie im Vordergrund stehende anglizistische creative-wording Terminologie verrät eine permanente „Selbstscharismatisierung“ (RECKWITZ 2009) der Akteure und gibt nur wenige Antworten auf die Frage, wie diese Marktteilnehmer in jungen und wenig stabilen Märkten daran arbeiten, eine aus ihrer Sicht gangbare Arbeitsbiographie zu entfalten. Die sprachliche Übernahme der charismatisierten Selbstdarstellung der Marktteilnehmer und ihrer Praktiken steht einer differenzierteren und tieferen empirischen Analyse eher imWege, als dass sieAufschluss gibt über faktische Strategien, Logiken und Praktiken der Aufmerksamkeitserzeugung für Räume. Es bleibt so nicht nur weitgehend unklar, wie welcher Typus von Raum „aufgewertet“ wird, sondern ebenso, welches Verständnis von Raum bei der Autorin im Vordergrund steht. Sind dies Sozialräume, lokale Quartiere oder Raumbilder? Darüber hinaus stellt sich beim Lesen die hartnäckige Frage, wie die Begriffe „Netzwerk“ und „Cluster“ gefasst werden und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen.Welche erhofften, erwarteten und faktischen Effekte lassen sich durch das strategische Eingehen von informellen und formellen Sozialbeziehungen (sozialen Netzwerken) nachweisen und inwiefern spielen dabei Nähe- (Wissenstransfer, aber auch Marktkontrolle) und Distanzverhältnisse (Innovationsoptionen und Aufmerksamkeitsgewinne) eine wesentliche Rolle? Die Fokussierung auf die Relevanz von Bildern ist einerseits berechtigt, führt aber andererseits in derAusarbeitung zur Fixierung auf rein territorial zu begründende und zu erwartende Effekte und Wirkungen. Die Träger, Empfänger, Rezipienten und Vermittler dieser erzeugten Bildern werden nicht stärker und genauer in den Blick genommen, ebenso wenig wird gefragt, welche Effekte, Erwartungen sowie imaginierten und realen Erträge sich dabei aus ihrer Sicht einstellen. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit kann sich ja gerade dann sehr schnell in ihr Gegenteil kehren, wenn ein Ort in den Fokus von Touristen gerät und so seinen „Charme“ als „place to be“ verliert, wenn ein Ort zu einem „place for all“ verkommt und seine Relevanz und Wirkung als Ort der Auseinandersetzung zwischen Marktteilnehmer verliert. Kollektive Events sind an anderer Stelle (STEETS 2005) als fein austarierte Anordnung von temporären Mikrokollektiven konzeptionalisiert worden, die dabei der Reflexivität der Marktteilnehmer Rechnung tragen. Um der Dynamik intra-metropolitaner Cluster Rechnung zu tragen, wäre es wünschenswert gewesen, Zeit als Faktor der Erklärung der Emergenz von sozialen Orten zu integrieren und dabei zu fragen, welche sozialen, räumlichen und symbolischen Steuerungsprozesse sich herausarbeiten lassen. Darüber hinaus scheint es an der Zeit, kategoriale black boxes wie zum Beispiel buzz genauer zu hinterfragen, um Einblicke in die soziotechnischen Arrangements von heterogenen Raumbezügen zu erhalten und nicht direkte Kausalitäten vom buzz zu Face-to-face-Kontakten zu Clusterentwicklung zu Innovation abzuleiten (238), die keinerlei empirische Untersetzung erfahren. Literatur COOKE, P/LAZZERETTI, L. (Eds.)(2008): Creative cities, cultural clusters and local economic development. Cheltenham. GRABHER, G. (2002): Cool projects, boring institutions: Temporary collaboration in social context. In: Regional Studies, (36)3, 205-214. RECKWITZ,A,(2009): Die Selbstkulturalisierung der Stadt. Zur Transformation moderner Urbanität in der „creative city”. In: Mittelweg 36, (18) April/Mai, 2-34. STEETS, S. (2005): Doing Leipzig. Räumliche Mikropolitiken des Dazwischen. In: Berking, H./Löw, M. (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Städte, Baden Baden, 107-122. WECKERLE, C./GERIG, M./SÖNDERMANN, M. (2007): Kreativwirtschaft Schweiz - Daten, Modelle, Szene. Basel. Bastian Lange Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 54 (2010) Heft 2, S. 140-142
Bastian Lange

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 54 (2010) Heft 2, S. 140-142

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