David Harvey: Räume der Neoliberalisierung. Zur Theorie der ungleichen Entwicklung. Hamburg 2007. 157 S.

Wie andere Veröffentlichungen zuvor ist auch diese bestimmt durch das Interesse am räumlichen Niederschlag kapitalistischer Entwicklung, den Verf. mit Hilfe der marxschen Theorie analysiert. Was das in Bezug auf gegenwärtige Krisenphänomene heißt, beschreibt der amerikanische Titel genauer als der deutsche: »Spaces of Neoliberalization: Towards a Theory of Uneven Geographical Development«. Ein Schlüsselbegriff des Buches, das aus einer Vorlesung in Heidelberg im Sommersemester 2004 hervorging, ist der Neoliberalismus. Verf. analysiert ihn auf drei Ebenen.

Zunächst als »Wiederherstellung der Klassenherrschaft« im Zuge der amerikanischen Außenpolitik und des Thatcherismus der 1970er und 80er Jahre. In diesem Kontext findet auch »Der merkwürdige Fall China« (35ff) ausführliche Beachtung. Denn »Chinas Entwicklung zu einer globalen Wirtschaftsmacht muss [...] teilweise als unbeabsichtigte Folge der neoliberalen Wende in der fortgeschrittenen kapitalistischen Welt gesehen werden« (36).
Als Kern neoliberaler Politik arbeitet Verf. »die Gleichsetzung von politischer Freiheit mit der Freiheit des Marktes und des Handels« (9) heraus. Es sei der »grundlegende Auftrag des neoliberalen Staates [...]‚ ein ›gutes Wirtschaftsklima‹ zu schaffen und somit die Bedingungen für die Kapitalakkumulation zu optimieren, ganz gleich, was dies für Auswirkungen auf  die Beschäftigungslage oder das soziale Wohlbefinden hat« (24). Die empirische Analyse zeige, dass der Neoliberalismus »ein instabiles und sich wandelndes Akkumulationsregime und keine harmonisch funktionierende Konfiguration politökonomischer Macht« sei (29).
In einem zweiten Zugang bemüht sich Verf. um eine Weiterentwicklung der Theorie der ungleichen geographischen Entwicklung, verlange doch die »extreme Unbeständigkeit der politisch-ökonomischen Erfolgskurven in und zwischen den Räumen der Weltwirtschaft [...] nach einer besseren theoretischen Interpretation« (74). Vier Erklärungsansätze werden inspiziert:
1. »Historisch/diffusionistische Interpretationen«, die es in konservativer, liberaler und marxistischer Spielart gibt und denen zufolge die westlichen Industrieländer der Motor des globalen Kapitalismus sind. 2. »Konstruktivistische Argumente«, die »sich auf die ›Entwicklung zur Unterentwicklung‹ konzentrieren«. 3. Umweltorientierte Erklärungsansätze sowie 4. Geopolitische Interpretationen. Diese »betrachten die ungleiche geographische Entwicklung als unvorhersehbares Ergebnis der politischen und sozialen Kämpfe zwischen territorial organisierten Mächten« (74ff). Die verschiedenen Interpretationen diskutiert Verf. unter dem Aspekt der ihnen gemeinsamen Bestimmungsfaktoren: »1. die materielle Einbettung der Prozesse der Kapitalakkumulation im Netz des sozio-ökologischen Lebens, 2. Akkumulation durch Enteignung (eine Verallgemeinerung des Marxschen Konzepts ›primitiver‹ oder ›ursprünglicher‹ Akkumulation, unter der vorhandene Werte – als Arbeitskräfte, Geld, Produktionskapazität oder als Waren – zusammengebracht und als Kapital in die Zirkulation geschleust werden), 3. der gesetzesartige Charakter der Kapitalakkumulation in Raum und Zeit, 4. politische, soziale und ›Klassen‹kämpfe auf einer Vielzahl geographischer Maßstabsebenen.« (79)
Auf einer dritten, konzeptionellen Ebene wird die Entwicklung über den »Raum als Schlüsselbegriff« zugänglich gemacht (125). »Die Gesellschaftstheorie tendiert zum großen Teil dazu, Räumlichkeit entweder insgesamt aus ihrem Fokus als unnötige Komplikation auszuschließen, oder sie als einfachen und unveränderlichen Behälter zu behandeln, in dem soziale Prozesse stattfinden. Unter jeder dieser Voraussetzungen wird die Entwicklung einer allgemeinen Theorie der ungleichen geographischen Entwicklung, wie ich sie vorhabe, unmöglich. Bestenfalls könnte man so untersuchen, wie die Gesetze der Akkumulation die ungleiche Entwicklung innerhalb eines vorgegebenen räumlichen Rahmens hervorbringen. Aber in jüngster Zeit sind viele Geografen, gestützt auf die philosophischen Argumente Lefebvres und anderer, dazu übergegangen, Räumlichkeit in einem anderen Licht zu sehen, nämlich als aktiv produziert und als aktives Moment innerhalb des sozialen Prozesses.« (80) Dieser letzte Teil des Buches ist eine theoretische Auseinandersetzung mit verschiedenen Begriffen von Raum und mündet in einer »allgemeinen Matrix der Räumlichkeiten« (143), sowie einer »Matrix der Räumlichkeiten für die marxistische Theorie« (151). Der Anspruch einer allgemeinen Theorie wird vom Verf. selbst relativiert, indem er von einer Herangehensweise spricht, »die den Weg zur Möglichkeit einer allgemeinen Theorie weist« (78).
Gisela Hänel-Ossorio

Quelle: Das Argument, 51. Jahrgang, 2009, Heft 4, S. 986-987

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