Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung e.V. (Hg.): Umweltschutz in der DDR. Analysen und Zeitzeugenberichte. Bearb. v. Hermann Behrens und Jens Hoffmann, 3 Bde. München 2007. 1129 S.

Das Urteil über den Umweltschutz in der DDR scheint längst gesprochen – spätestens seit der kurz nach 1989 erschienenen skandalisierenden ›Enthüllungsliteratur‹: diese sei eine »wahre Dreckschleuderin« gewesen (12) und die oppositionellen »Umweltgruppen unter dem Dach der evangelischen Landeskirchen« seien als ihre einzigen umweltpolitisch verantwortungsvollen Akteure anzuerkennen (Vorwort, I). Dieser dominierenden Einschätzung soll hier ein differenzierteres Bild entgegengesetzt werden. Zu diesem Zweck gewann das an der Hochschule Neubrandenburg angesiedelte Buchprojekt zahlreiche einst im DDR-Umweltbereich Tätige, um rückblickend über »Chancen und Hemmnisse, Reichweite und Grenzen für eine erfolgreiche Umweltpolitik« zu reflektieren (ebd.) – von ihnen stammt der Großteil der 53 Aufsätze.

Einleitend vermittelt Behrens einen guten Überblick über die Literatur seit 1990. Die DDR-Umweltpolitik werde darin meist in drei Phasen unterteilt: »Aufbruchphase« bis Anfang der 1970er, darauffolgende »Stagnation« und schließlich »Niedergang« seit Anfang der 1980er (10ff). Als wesentliche Umweltprobleme werden die Belastung von Luft, Wasser und Böden genannt, verursacht v.a. durch starke Nutzung von Braunkohle als Energieträger, chemische Industrie und industrialisierte Landwirtschaft. Im Pro-Kopf-Vergleich mit der BRD wurde in der DDR in den 1980ern u.a. 25% mehr Primärenergie verbraucht, die CO2-Emissionen waren doppelt und die SO2-Emissionen gar zehnmal so hoch. Dies hatte teilweise erhebliche Auswirkungen auf Mensch und Natur, so waren z.B. 1989 54% der Waldfläche geschädigt und in den Industriegebieten nahmen Bronchitis und Hautkrankheiten bei Kindern in den 1980ern stark zu (2-9). Zuweilen werden, Behrens zufolge allerdings nicht ausreichend, auch positive Aspekte erwähnt: z.B. das geringere Abfallaufkommen (u.a. wegen reduziertem Verpackungsaufwand, nicht zuletzt da die Präsentation der Warenkörper eine untergeordnete Rolle spielte, und der Sekundärrohstofferfassung), das Fernwärmenetz und der hohe Anteil des Schienenverkehrs beim Güter- und Personentransport (10). – Den meisten Analysen zufolge weist die Umweltpolitik der DDR – zumindest seit der Stagnationsphase – einen »eklatanten Widerspruch zwischen Anspruch und Realität« auf (10). Als Ursachen dafür werden v.a. herausgestellt die »Übergewichtung ökonomischer gegenüber ökologischen Zielsetzungen« seitens der SED-Führung und die proklamierte »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik« unter Honecker, die die Produktionsmittel- zugunsten der Konsumgüterindustrie vernachlässigte und »immer weniger Mittel für die Sanierung oder den Ersatz veralteter Anlagen« zur Verfügung stellte (31). Vernachlässigt wurden in der bisherigen Forschung v.a. die »stoffl ich-energetischen Rahmenbedingungen«, die »möglicherweise die entscheidende Restriktion für die Umweltpolitik in der DDR« waren, denn spätestens seit dem drastischen Anstieg des Ölpreises in den 1970ern, der in der DDR u.a. zur massiven Umstellung auf Braunkohle führte, schien eine Umsetzung umweltpolitischer Zielsetzungen »ohne  Selbstaufgabe des ›sozialistischen Experiments‹ nicht möglich gewesen zu sein« (33).
Band 1 widmet sich den »politischen und umweltrechtlichen Rahmenbedingungen«. Horst Tammer beschreibt, wie die Sicherung des Rohstoff-Aufkommens seit den 1970ern zu einem der »brisantesten Probleme für die DDR-Wirtschaft« geworden ist (70), zumal Rohstoffe ineffektiv eingesetzt wurden und eigene Vorkommen von Erdöl, Erdgas und Metallen nicht (ausreichend) vorhanden waren. Folglich musste durchschnittlich »fast ein Drittel der gesamten Importmittel« für Rohstoffe verausgabt werden (88). Nachteilig sei dabei die feste Einbindung in den RGW gewesen, u.a. die Abhängigkeit von »kaum ausreichenden und häufi g mit zusätzlichen Abstrichen versehenen« sowjetischen Öllieferungen, aber auch das »Fehlen einer fairen und der BRD gleichberechtigten Behandlung« seitens der westlichen Staaten (88f). – Ellenor Oehler zeichnet die Entwicklung des DDR-Umweltrechts nach und macht deutlich, dass die DDR während der »Aufbruchphase« – früher als die meisten Industriestaaten – progressive Umweltgesetze verabschiedete, wie z.B. die Aufnahme des Umweltanliegens in die Verfassung von 1968 und das Landeskulturgesetz von 1970 zeigen. Dass diese nur beschränkt umgesetzt wurden, führt auch sie auf die ungünstige Rohstoff- und Wirtschaftsstruktur der DDR zurück, wobei sie zusätzlich auf die Reparationen und nachfolgenden Lieferverpflichtungen an die SU und die »hohen militärischen  Aufwendungen« im Warschauer Pakt hinweist (115f). – Karl Hermann Tjaden würdigt die in der DDR seit den 1970ern entwickelte »Sozialistische Reproduktionstheorie« mit ihren Versuchen, die gesamtgesellschaftliche Arbeitsproduktivität – das Verhältnis von Nutzeffekt und Arbeitsaufwand – derart umfassend zu bestimmen, dass Umweltnutzung und -verschmutzung in das ökonomische Denken integriert werden (133ff). Aus diesem Umfeld kamen Vorschläge, die Beeinträchtigung von »Gratisleistungen der Natur« in jeder Produktivitätsbilanz zu berücksichtigen oder bei der Bestimmung des Werts eines Erzeugnisses den Arbeitsaufwand zu seiner »gefahrlosen Rückführung« in das »natürliche Milieu« miteinzuschließen (138). Tjaden ist allerdings der Ansicht, dass diese Theorien aufgrund »einer gewissen Naturblindheit marxistischer Denkmuster« von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen seien (129) – dies sei schon bei Marx angelegt, der »eben eine Theorie des Wirtschaftskreislaufs« formulieren und »kein Werk über die Verfl echtungen der Menschen mit der Bio-Geosphäre« habe schreiben wollen (146ff). – Im Gegensatz dazu vertritt Rolf Löther die überzeugendere Auffassung, ökologisches Gedankengut bilde einen »durchgängig vorhandenen Aspekt« in den Schriften von Marx und Engels (191), der u.a. im Zuge der »›Soziologisierung‹ des Marxismus« seit dem Ende des 19. Jh. von nahezu allen sich weltweit auf Marx berufenden Parteien und Organisationen vernachlässigt wurde (195f) und an dessen »erhebliches kritisches Potenzial« – auch gegen den Staatssozialismus – stärker hätte angeknüpft werden müssen (191). – Herbert Hörz kritisiert in seinem Erfahrungsbericht über die ökologischen Diskussionen in der DDR-Philosophie die »produktionsorientierte, mit ökologischem Zierrat versehene Gesellschaftsstrategie« der Partei- und Staatsführung (177). Für fatal hält er die in der DDR verbreitete »unmarxistische Auffassung«, es gebe »einen spezifi schen sozialistischen Typ der wissenschaftlich-technischen Revolution«, womit »man eine gewisse Abkopplung vom Weltmarkt begründete«, die die »technologische Rückständigkeit « weiter verstärkte (188). – Hubertus Knabe weist darauf hin, dass »Zivilisationskritik« in der DDR zuerst im literarischen Betrieb geäußert wurde, dem eine »Ersatzfunktion« im »Prozess politischer Kommunikation« zugekommen sei (201). Anschaulich beschreibt er die Abfolge der Genres vom affi rmativen »Produktionsstück« der 1950er, als es noch verpönt war, »Bäume schön zu finden, ohne an Bretter zu denken« (203f), über die »Landliteratur« der 1970er, die die Entfremdung durch die industrialisierte Landwirtschaft darstellt (209f), bis zur »Endzeit-Literatur« (222) der 1980er, z.B. Monika Marons Flugasche (1981) oder Christa Wolfs Störfall (1987), die Umweltzerstörung und atomare Bedrohung offen thematisiert.
Band 2 behandelt »mediale und sektorale Aspekte« wie Landschaftsschutz, Bodenverbesserung, Wasserwirtschaft und Abwasserreinigung, Lärmschutz, Rekultivierung von Braunkohletagebauen und Atomenergienutzung. – Kurt Kutzschbauch erinnert sich, dass Umweltschutz ab etwa 1972 – speziell hinsichtlich der Abfallverwertung in der Produktion – eine zunehmend untergeordnete Rolle spielte, was v.a. Günter Mittag »zu verantworten hatte« (277). Statt in Spitzensport oder Kernkraftwerke hätte mehr in technische Rationalisierung investiert und so Umweltschutz in die Praxis umgesetzt werden sollen. Aber »externe volkswirtschaftliche Kosten« durch Umweltbelastungen wurden von der »zentralen politischen Leitung des Staates nicht gesehen bzw. nicht als gesellschaftlicher Verlust anerkannt« (ebd.). – Susanne Hartard und Michael Huhn untersuchen das gut ausgebaute und u.a. aufgrund von Rohstoff- und Devisenmangel entstandene System der »Sekundärrohstofferfassung«,  deren Erfassungssortiment weit über die in der BRD übliche Containersammlung hinausging und zum relativ niedrigen Müllaufkommen der DDR beitrug (309ff).
Band 3 bündelt Aufsätze zum »berufl ichen, ehrenamtlichen und freiwilligen Umweltschutz« mit Schwerpunkt auf  Forschungseinrichtungen und Behörden. Am spannendsten sind drei Aufsätze zur Umweltbewegung. Michael Beleites zählt die »unabhängige Umweltbewegung « neben der Friedens- und Menschenrechtsbewegung zu den »drei wichtigen Säulen« der politischen Opposition in den 1980ern (179). Die »offi zielle Tabuisierung« der Umweltproblematik habe, spätestens seit dem  Geheimhaltungsbeschluss‹ des Ministerrats von 1982, dazu beigetragen, dass sich durch »unabhängige Verbreitung von Umweltinformationen « vielerorts eine »kritische Öffentlichkeit« herausbildete (ebd.). Trotzdem war in den »ökologischen Katastrophengebieten«, z.B. in Leuna, Bitterfeld und im Wismut-Gebiet, das Protestpotenzial »verschwindend gering«, was wesentlich an der »allgemeinen Verstrickung zwischen Betroffenen und Verursachern« gelegen habe: im Umfeld der großen Betriebe arbeiteten die meisten Menschen in eben diesen und nahmen »für einen guten Verdienst und einen kurzen Arbeitsweg« in Kauf, umweltbelastende und gesundheitsgefährdende Arbeiten auszuführen (183f). Zudem wurden viele Umweltaktivisten Opfer von »›Zersetzungsmaßnahmen‹ « des MfS (202ff). Immerhin posthum sei aber ein zentrales Ziel der DDR-Umweltbewegung erreicht: wenigstens auf dem Gebiet der ehemaligen DDR seien die »katastrophalen Umweltbedrohungen [...] heute überwiegend eingedämmt« – allerdings gehe »unser heutiger Wohlstand« teilweise auf Kosten der »neuen Bitterfelds und Erzgebirge« im globalen Süden (221f). – Hans-Peter Gensichen stellt die umweltpolitischen Aktivitäten des Kirchlichen Forschungsheims in Wittenberg dar und macht deutlich, dass dessen Motiv nicht »›DDR-Opposition‹« war, sondern dass es um »Kritik an Fehlentwicklungen in der europäisch-nordamerikanischen Industriegesellschaft« in deren sozialistischer Ausprägung gegangen sei (176). Anders als Beleites hält er es für einen Irrglauben, »wenn man mit dem Beitritt der DDR zur BRD die wichtigsten Umweltprobleme für gelöst oder demnächst lösbar hielt« (ebd.). Behrens weist darauf hin, dass sich die Umweltbewegung nicht – wie oftmals dargestellt – auf das kirchliche Umfeld beschränkte, sondern dass sich um 1980 z.B. auch innerhalb des Kulturbunds umweltpolitische Gruppen bildeten, die den westdeutschen Bürgerinitiativen vergleichbar waren und deren »Kanalisierung oder Integration ›von oben‹ nicht mehr gelang« (138).

Das Verdienst der umfangreichen und einzigartigen Sammlung ist es, zahlreiche konkurrierende Erklärungsmuster für die Umweltprobleme (und den Zusammenbruch) der DDR nebeneinander zu stellen und erfolgreichen Umweltschutz und individuelle Handlungsmöglichkeiten hervorzuheben. Der begrüßenswerte Ansatz, ehemalige Beteiligte zu Wort kommen zu lassen, resultiert leider v.a. in den Bänden 2 und 3 teilweise in langatmigen Fakten-Aneinanderreihungen ohne gesellschaftliche Kontextualisierung und mit Hang zur unkritischen Selbstdarstellung – letztere resultiert vermutlich u.a. aus einer in vielen Aufsätzen geäußerten Enttäuschung darüber, dass das eigene Lebenswerk bes. im Westen sowohl vor als auch nach 1989 kaum anerkannt wurde. Angesichts der insgesamt nur zwei Autorinnen stellt sich die Frage, ob Umweltschutz in der DDR tatsächlich eine so männliche Angelegenheit war. Problematisch ist die Drei-Phasen-Einteilung der Umweltpolitik, die im Wesentlichen auch von Behrens/Hoffmann übernommen wird: das letzte Jahr der DDR, das in vielerlei Hinsicht wieder ein Aufbruchsjahr war, wird dadurch völlig ausgeblendet. Gensichen weist darauf hin, dass der DDR ab 1989 eine »längere Zeit für eigenständige Erneuerungen und sanfte Öffnungen« (176) gefehlt hat, um eine vielleicht ganz andere Entwicklung zu ermöglichen – zumal nicht nur die »kirchliche Umweltbewegung«, wie er 1991 schrieb, »in ihrer großen Mehrheit« den Sozialismus »ökologisch erneuern« wollte (zit.n. Behrens, Bd. 3, 139). – Einige wichtige Themen kommen zu kurz, z.B. Waldschäden durch Luftverschmutzung und der umweltschonende Schienenverkehr, wobei gerade letzterer zukunftsweisende Anregungen hätte liefern können. Überhaupt sehen sich viele der Autorinnen und Autoren – trotz ihrer wiederholten Hinweise auf die unübersehbaren ökologischen Probleme der kapitalistischen Produktionsweise – kaum als Subjekte einer heutigen Veränderung. So wurde der auf dem Rückeinband formulierte Anspruch, die DDR-Umweltpolitik auch deshalb zu analysieren, um »heute von ihr lernen« zu können, zu wenig eingelöst.
Oliver Walkenhorst

Quelle: Das Argument, 51. Jahrgang, 2009, Heft 4, S. 1007-1010

Kommentar schreiben