Lutz Zündorf: Das Weltsystem des Erdöls. Entstehungszusammenhang, Funktionsweise, Wandlungstendenzen. – Neue Bibliothek der Sozialwissenschaften. – Wiesbaden 2008. 309 S.

In seinem Buch versteht der Autor das System des internationalen Erdölhandels als einen zentralen Sektor der Weltwirtschaft und der Globalisierung. Erdöl gilt als eine nicht vermehrbare, für viele Zwecke nutzbare, international umkämpfte Ressource, um deren Kontrolle sich ein komplexes, dynamisches System von Staaten, Unternehmen, Organisationen und Märkten gebildet hat. Es lassen sich hier sehr gut die Mechanismen der wirtschaftlichen und politischen Verflechtung beispielhaft aufzeigen.

Dies gilt etwa für die in der Kritik stehenden Austauschbeziehungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, aber auch für die sich wandelnde Ausbilanzierung und gegenseitige Instrumentalisierung von Staaten, Konzernen und Marktkräften. Den theoretischen Bezugsrahmen bildet die Weltsystemperspektive, wie sie von Fernand Braudel (1986) und Immanuel Wallerstein (1979) entwickelt wurde. Dabei wird der Wandel in der kapitalistischen Weltwirtschaft mit den sog. Kondratieff-Zyklen in Verbindung gebracht. Somit gliedert sich das Buch nach dem Hyperzyklus des Erdöls. Im ersten Kapitel wird der theoretische Bezugsrahmen für die historischen und empirischen Analysen dargelegt. Im zweiten Kapitel geht es um Erdöl als nicht vermehrbaren Rohstoff und als strategischen Schlüsselfaktor von weltpolitischer Bedeutung. Gegenstand des dritten Kapitels sind räumliche Expansion  und Inkorporationsprozesse der internationalen Ölwirtschaft unter dem Schutz der Hegemonialmächte. Das Entstehen von Gegenmacht durch neue Eliten in der Peripherie im Zuge der Entkolonialisierung, bis hin zum Prozess der Verstaatlichung von Ölkonzernen, schildert Kapitel 4. Die Macht der Konzerne und die Macht der Staaten werden gegenübergestellt. Kapitel 5 schildert schließlich die Probleme des Zusammenhalts des immer komplexeren und störanfälligeren Weltölsystems. Dabei spielen sowohl das revolutionäre System der OPEC als auch der von den Industriestaaten entfesselte Finanzkapitalismus eine wichtige Rolle. Im letzten Kapitel versucht der Autor eine Zusammenfassung der wichtigsten Wandlungstendenzen mit einem Ausblick auf die Zukunft der globalen Ölwirtschaft zu geben. Im Hinblick auf die  Hauptkomponenten des Hyperzyklus der Ölwirtschaft und unter Berücksichtigung globaler Kontextbedingungen kristallisiert Zündorf fünf Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft des Erdöls heraus: Er stellt erstens zunehmende Disparitäten im Weltsystem fest, welche die Dominanz des Westens in Frage stellen. Zweitens zeigt sich eine fortgesetzte Expansion und Variation des Kapitalismus. Geographisch gesehen kommt es drittens zu einer Inkorporation bisher ausgelassener oder unzugänglicher Regionen. Viertens stellt der Autor eine Vermehrung von Gegenmachtpotenzialen in Peripherie und Semiperipherie fest. Letztlich zeigt sich die Fortsetzung des Kampfes um Hegemonie und Ordnung in der Staatenwelt. Das Buch liest sich höchst spannend und hat eine hohe Relevanz für die in der Wirtschafts- und Sozialgeographie behandelten Globalisierungsthemen. Neben dem breiten Wissen des Autors über die Entwicklung der Welterdölwirtschaft besticht vor allem sein konzeptionelles Können, etwa das Zugrundelegen der Theorie der langen Wellen in Verbindung mit drei ineinander verzahnten   Anwendungsbereichen: der langen Wellen der Weltölproduktion, des vierten Kondratieff-Zyklus und des amerikanischen Hegemonialzyklus.
Hans-Dieter Haas

Quelle: Die Erde, 141. Jahrgang, 2010, Heft 1-2, S. 159-160

eine weitere Rezension zu dem Buch von Lutz Zündorf

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