Marion Klemme, Klaus Selle (Hg.) 2010: Siedlungsflächen entwickeln – Akteure. Interdependenzen. Optionen. Dortmund. 358 S.

Die (stadt-)planerische Aufgabe, Siedlungsflächen gemeinsam mit den wichtigsten Akteuren – den Grundstückseigentümern – zu entwickeln, beinhaltet weit mehr als ein Handeln unter der Maxime einer Verringerung der Flächeninanspruchnahme auf 30ha pro Tag. Die Mobilisierung von Grundstücken für bauliche Nutzungen im Innenbereich im Spannungsverhältnis von Eigentumsgarantie und Eigentumsverpflichtung als Gegenstand der Stadtforschung behandelt das von Marion Klemme und Klaus Selle herausgegebene wichtige und sehr lesenswerte Buch.

Es legt Akteure, Interdependenzen und Optionen für eine zukunftsfähige Siedlungsflächenentwicklung offen. Die Monographie, die sich als Ergebnis eines längeren Diskussions- und Forschungsprozesses versteht, vereinigt Beiträge namhafter Wissenschaftler und Praktiker. Eine sehr prägnante Einleitung sowie pointiert formulierte «Zuspitzungen» der beiden Herausgeber runden das Buch ab.
Die zentrale Zuspitzung, die sich aus dem Buch gewinnen lässt, ist zweifellos die: Siedlungsflächenentwicklung – in «schrumpfenden» wie in «wachsenden» Regionen – ist ohne Einbeziehung der Grundstückseigentümer via Zwang oder Freiwilligkeit nicht möglich. Diese Kooperation wird allerdings dadurch erschwert, dass die Praxis von der Theorie wenig weiss und umgekehrt. Erklärtes Ziel des Buches ist es, dieses wechselseitige Defizit abzubauen, offenzulegen und auch zu Widerspruch anzuregen. Dieser Versuch ist zweifelsohne geglückt. Dabei gibt es aus Deutschland derzeit eigentlich wenig Ermunterndes in Bezug auf eine nachhaltige Siedlungsflächenentwicklung zu vermelden. Denn: Eine ausschliessliche Kostenträgerschaft der Infrastrukturnutzer (Grundstückseigentümer) zugunsten einer klaren Zuordnung der Kosten für Baugebiete ist nach wie vor nicht erreicht (Beitrag Siedentop). Die bauleitplanerisch vorbereitete Regulierung der örtlichen Flächennutzung entspricht keineswegs immer dem hehren Ziel des Gemeinwohls (Beitrag Einig). Planung in der «kleinen Stadt» folgt nicht selten dem als «Schulfreund-Prinzip» vergleichbaren Phänomen des lückenlosen Netzes personaler Beziehungen der Akteure und damit zwangsläufig einer Beeinflussung von Planungsentscheidungen (Beitrag Nadrowski). Kommunalplanung ist somit nicht neutral. Die Kooperationsbereitschaft der Eigentümer im Stadtumbau, der stetig konfliktreicher wird, erlahmt oder wird bei fallenden Bodenwerten ganz verweigert (Beitrag Bode). In einer stadtregionalen Flächenkreislaufwirtschaft könnte die Kooperation der Eigentümer gewiss weit besser als bislang ausgenutzt werden, wenn die Innenentwicklung sich in einer Bodenwertsteigerung niederschlüge (Beiträge Dosch und Spars/Mrosek). Mehr noch: Das 30-ha-Ziel ist augenscheinlich gescheitert (so die Beiträge Danielzyk und Altrock) oder nur mittels neuer, freilich noch zu erprobender bodenpolitischer Instrumente wie etwa einer «Freihaltungsvereinbarung» zwischen Eigentümern erreichbar
(Beitrag Davy).
Die unumstössliche Besonderheit des «Gutes Boden» ist, dass an ihm im Unterschied zu Luft und Wasser private Verfügungsrechte unterschiedlichster Couleur existieren. Daher muss sich das von Nuissl und Ibert in ihren Beiträgen angemahnte Akteurswissen um die vielfältigen Strategien der Siedlungsflächenentwicklung vorrangig in einem vermeintlich altmodischen bodenpolitischen Feld abspielen, das da lautet: Keine wirksame Begrenzung ohne gerechte Verteilung. Dies kann einen Zugang zu Boden durch innovativen Wohnungsbau von weitgehend spekulationsfrei agierenden Genossenschaften beinhalten, wie das Beispiel der Stadt Zürich beweist (Beitrag KollSchretzenmayr/ Zöllig). Die in diesem gehaltvollen Buch deutlich gewordene Kardinalfrage lautet: Wie lässt sich das Eigeninteresse der Grundstückseigentümer an einem sparsamen Umgang mit Grund und Boden stärken? «Be prepared» – dies kann als Resümee für die Siedlungsflächenentwicklung in der «kleinen» wie «grossen» Stadt gezogen werden.
Fabian Thiel

Quelle: disP 182,3/2010, S. 82

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