Rhythmen der GlobalisierungPeter Feldbauer, Gerald Hödl u. Jean-Paul Lehners (Hg.): Rhythmen der Globalisierung. Expansion und Kontraktion zwischen dem 13. und 20. Jahrhundert. Wien 2010. 256 S.

Wie sich dies für Herausgeber gehört, haben sich auch die Initiatoren des vorliegenden Bandes darum bemüht, ihrem Thema eine Wendung zu geben, die über die Routine einer gegenwartsfixierten, letztlich modernisierungstheoretisch orientierten und eurozentrischen Betrachtung hinausgeht. Für dieses Problem haben sie eine Lösung und Darstellungsweisen gefunden, die diesen Band lesenswert machen.

Zum einen gehen sie darauf aus, „jene Perioden“ zu analysieren, „in denen Öffnungen sich nicht weiter fortsetzten – oder gar in ihr Gegenteil umschlugen“ (9). Zum anderen haben sie neben historische Querschnitte, die sich an den Globalisierungsschüben und damit verknüpften Rückschlägen im 13./14. bis ins „lange“ 16. Jahrhundert, vom 17. bis zum Ende der ersten Hochphase der Industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts, der Aufschwünge und Katastrophen während des darauf folgenden Jahrhunderts und schließlich an Entwicklungstendenzen seit 1980 orientieren, eine Serie thematischer Längsschnitte gesetzt, die durchaus unterschiedliche und teils eher überraschende Fragen behandeln wie Herrschaftsformen, die Rolle des Militärs, oder den Roman und endlich den „‘Welt’-Handel“ während des zeitlichen Kernbereichs seit dem 13. Jahrhundert.

Die von Peter Feldbauer und Gottfried Liedl als „archaische Globalisierung“ bezeichneten Perioden sind besonders bedeutsam, weil gerade ihre Betrachtung eine Dezentrierung des Prozesses und die Überwindung eurozentrischer Perspektiven erlaubt. Die Autoren gestehen zu, dass es frühere Formen der Globalisierung etwa zur Zeit des Imperium Romanum gegeben haben mag. Sie konzentrieren sich aber naheliegenderweise auf die Studien von Janet Abu-Lughod, die für das 13. und 14. Jahrhundert die Strukturen einer Pax Mongolica herausgearbeitet hat, die über die eurasische Landmasse hinweg („Seidenstraße“) sowie vermittelt über die Seewege des Indischen Ozeans und des Mittelmeeres acht circuits intensiven Austauschs miteinander verknüpft habe. Die Autoren verbinden den Hinweis auf Abu-Lughods Vernachlässigung der Prozesse im westlichen Mittelmeer einschließlich des Maghreb und im nordöstlichen Atlantikraum mit der These von der „Krisenresistenz des westlichsten der acht ‘Kreise’ des vormodernen Weltsystems, der Euroméditerranée“ (31) gegenüber den Rückschlägen in anderen Teilen des Systems. Damit ist der Blick neuerlich auf Europa zentriert, was aber auch der  Schwerpunktverlagerung und den Folgen des radikalen Wandels entspricht, die im späten 15. Jahrhundert einsetzten und die „Frühneuzeit“ bzw. „Protoglobalisierung“ (37) des anderwärts als langes 16. Jahrhundert bezeichneten Zeitabschnittes einleiteten. Die Formen der damit verknüpften Expansion Westeuropas waren regional sehr unterschiedlich, wobei dem Verweis auf den Zusammenbruch „präkolumbianischer Hochkulturen“ und der länger andauernden Widerstandsfähigkeit der „großen Agrarbürokratien des Ostens“ im Großen und Ganzen zuzustimmen ist, nicht aber der Annahme von den „relativ kleinräumigen Staatsgebilden Afrikas“ (37) – man denke allein an die Probleme der Portugiesen mit „Monomotapa“ im heutigen Zimbabwe. Vor allem aber wirkte das amerikanische Silber als Katalysator zur Schaffung einer letztlich auf Westeuropa zentrierten Weltwirtschaft, wie Feldbauer und Liedl  abschließend mit dem Datum 1571 unterstreichen, als die direkte Schiffsroute zwischen Acapulco und Manila eingerichtet wurde – wobei sie freilich auslassen, dass dies in engstem Zusammenhang mit dem anhaltenden Edelmetallabfluss nach China stand.

Dietmar Rothermund behandelt die darauf folgende Periode „von der Krise des 17. Jahrhunderts zum Triumph der Industriellen Revolution“ Mitte des 19. Jahrhunderts (55) vor dem Hintergrund der dramatischen Klimaumschwünge der „Kleinen Eiszeit“, der Kriege und des demographischen Rückgangs, die in Europa zur Stärkung der zentralen Staatsmacht beitrugen. Dies war begleitet von der Prosperität Indiens und Chinas und einer „Dauerkrise“ Amerikas (69), während Afrika allein im Kontext des transatlantischen Sklavenhandels Erwähnung findet. Die unterschiedlichen Stränge verknüpfen sich dann enger miteinander durch zwei kriegerische Großereignisse: den „Siebenjährigen ‘Weltkrieg’“ (1756-1763) (70) und die durch ihn teilweise ausgelösten großen Revolutionen in Nordamerika und Frankreich. Freilich betont Rothermund die bereits um 1700 bestehende internationale Arbeitsteilung bei der Baumwollproduktion, durch die Indien bereits damals „keine ‘externe’ Arena mehr (war)“ (77), während es etwa mehr als hundert Jahre später einer „Deindustrialisierung“ (81) unterlag – alles sicherlich Belege dafür, dass sich keine linearen Verlaufsformen oder ein „einfache(s) Muster von Auf- und Abschwüngen“ fi nden lassen (82).

Wie Gerd Hardach zeigt, lässt sich der nächste, von 1850 bis 1950 reichende Zyklus anhand auf den ersten Blick recht disparater Merkmale rekonstruieren, die aber bei näherem Zusehen in engem Zusammenhang stehen: Migrationsbewegungen vor dem Hintergrund starken Bevölkerungswachstums, die Auseinandersetzungen um Freihandel, Schutzzoll und Goldstandard, der Nationalstaat, dessen Aufstieg zum einen im Kontext der rasanten Entwicklung des Kapitalismus erfolgte, dessen „Triumph“ (106) aber zum anderen in den Friedensverträgen nach dem Ersten Weltkrieg aktenkundig wurde. Hardach bringt die Friedenskonferenz von Versailles zugleich als Auslöser antikolonialer Bewegungen mit dem „Beginn der Dekolonisierung“ (110f) in Verbindung. Wie Hardach zeigt, war der Einschnitt des Weltkrieges weniger gravierend als jener der „Weltwirtschaftskrise“, die ab 1929 zum „Zerfall der Weltwirtschaft“ führte (111f) und deren Überwindung neben dem New Deal in den USA durch die Welle faschistischer Machtübernahmen in Europa und in gewisser Weise auch in Japan gekennzeichnet war. Der damit eingeleitete Zweite Weltkrieg schuf die Voraussetzungen für „eine umfassende Neuordnung der Welt“ (117) einschließlich verstärkter Dekolonisierung. Hierzu gehören selbstverständlich die internationalen Institutionen der UN und des Bretton-Woods-Systems ebenso wie die Anfänge der Blockkonfrontation.

Die folgende, von Eric Hobsbawm als „Goldenes Zeitalter des Kapitalismus“ bezeichnete Periode wird ausgespart, und Christof Parnreiter setzt gleich mit der „Krise dieser Nachkriegsordnung“ ein (125), die er als Beginn der „Globalisierung“ im Sinne „eine(r) neue(n) Qualität von funktionaler Integration räumlich getrennter Einheiten“ (126) und eines „grundlegenden, über simple Expansions- und Kontraktionszyklen hinausgehenden Wandel(s)“ (148) versteht. Parnreiter illustriert dies mit der Zunahme von Kapital- und Warenströmen, insbesondere auch globaler  Güterketten. Darüber hinaus arbeitet er die Tendenz zur „Trans- und Denationalisierung“ (138ff) auf der Ebene wirtschaftlicher und politischer Eliten, aber auch der Normsetzung heraus, die durch Denationalisierung effektiv privatisiert werde.

Im ersten der thematischen Längsschnitte vollzieht Gerhard Hauck eine überraschende und höchst kreative, ja subversive Wendung: Ausgehend von Talcott Parsons’ klassischer Theorie der sozialen Evolution, die er als „eine Theorie der Globalisierung“, nämlich der Verallgemeinerung der von Parsons identifizierten evolutionären Universalien, liest (157), zeigt Hauck anhand der historisch und ethnologisch nachweisbaren Dynamik von Herrschaftsformen auf, dass wenigstens hier die solchen Vorstellungen zugrundeliegenden Annahmen über die „Unumkehrbarkeit der evolutionären Abfolge“ und damit auch die daraus folgende Unterstellung der Überlegenheit und einer expandierenden Kontrolle der vorgeblich „‘evolutionär fortgeschritteneren’ Formen“
mindestens „zu hinterfragen“ sind (158). Demnach ist „der Weg von der akephalen in die herrschaftlich verfasste Gesellschaft [keine] Einbahnstraße“ (162). Ebenso wenig trifft dies für die Herausbildung rationaler Bürokratien und endlich – wie die gesellschaftlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts unterstreichen – für die parlamentarische Demokratie zu. Während letztere in „Hegemoniekrisen“ durch den „Ausnahmestaat“ zur Disposition gestellt wird (168), scheinen erstere funktional an eine weitgehend verallgemeinerte Geldwirtschaft gekoppelt zu sein. Die funktionalen Zusammenhänge, die Parsons auch im Auge hatte, werden so durch die Einwände gegen die Unterstellung eines unilinearen Fortschritts nicht negiert. Unter dem Gesichtspunkt des „Universalismus als evolutionärer Universalie“ (169) diskutiert Hauck dann im Anschluss an Habermas die Verallgemeinerung moralischer Prinzipien, vor allem der Freiheit der Person als Voraussetzung des Lohnverhältnisses. Auch sie erweist sich freilich angesichts der gewaltsamen (Vor-)Geschichte des Kapitalismus und des Kolonialismus als prekär, und ob mit Marx anzunehmen ist, die Universalisierung der Geldwirtschaft werde manifeste Gewalt gegenüber dem „stummen Zwang der Verhältnisse“ wirklich marginalisieren (175), muss gerade aufgrund der von Hauck selbst angeführten Belege für manifeste Gewalt und unfreie Arbeit, die den Aufstieg neuer kapitalistischer Mächte gegenwärtig begleitet, bezweifelt werden. Das schmälert aber nicht die Bedeutung des hier nachdrücklich geführten Nachweises der Brüchigkeit wie auch der Risiken unilinear evolutionistischer Vorstellungen – auch wenn am Ende „menschheitshistorisch“, d.h. statistisch oder auf der höchsten Allgemeinheitsstufe die „von Parsons behauptete Richtung“ der Formenabfolge zutreffen mag (176) – wie andere unilineare gattungsgeschichtliche Entwürfe letztlich auch, man denke etwa an Hegel.

Einen ebenfalls gattungsgeschichtlichen Längsschnitt unternimmt Thomas Kolnbergers Skizze der als weitgehend bruchlos verstandenen Beschleunigungsprozesse, denen seit der ersten Nutzung von Pferden die – ihrerseits an die räumliche Expansion von Staatlichkeit gebundene – Kriegführung unterlag. Innovationen wurden dabei bereits von den vorderorientalischen Hochkulturen wie dem Neuen Reich in Ägypten bewusst „importiert“ (188), während es auf der gesamten eurasischen Landmasse und in der Folge auch in Afrika und Amerika zur „Globalisierung des Pferdes“ (190ff) kam, das für wichtige Kolonisationsprozesse entscheidende Bedeutung gewann. Analogien sieht Kolnberger bei der „Weltreise des Schießpulvers“ (194ff) und der Ausbreitung des Segelschiffes. Alle diese Technologien führten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, d.h. bis zum Anbruch der modernen Kriegstechnologie, zu Kontraktionen von Raum und Zeit, wodurch „die Welt begann, nachdem sie zuerst bevölkert und dann verknüpft worden war, technisch zu schrumpfen“ (202). Dies bildete die Voraussetzung, die „isomorphe Teilwelt“, für eine zyklische Prozesse überschreitende Expansion.

Die Globalisierung der literarischen Form des Romans trug, wie Wiebke Sievers betont, „gleichzeitig zur volkssprachlichen Aufspaltung der Literaturräume bei“ (207). Dabei kam es allerdings, wie sie weiter zeigt, zu einer immer noch anhaltenden  Übersetzungstätigkeit, die hegemoniale Verhältnisse recht genau abbildet – ob etwa Ngugi wa Th’iongos Entscheidung, in Gikuyu zu schreiben (223), freilich Sievers’ These wirklich stützt, wenn er, wie sie nicht erwähnt, wie andere afrikanische Autoren auch seine Texte gleich selbst ins Englische übersetzt, mag  bezweifelt werden. Bedauerlich erscheint dem literaturwissenschaftlichen Laien, dass hier Romanformen oder Stoffe gegenüber dem quantitativen Überblick deutlich zurücktreten.

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Peter Feldbauer, Gerald Hödl u. Jean-Paul Lehners (Hg.): Rhythmen der Globalisierung

Dem konventionellen Kern des Gesamtthemas näher liegt Andreas Exenbergers Überblick über den „‘Welt’- Handel seit 1204“ (227ff), d.h. seit Beginn der Vormachtstellung Venedigs, womit aber keineswegs die Konstituierung eines Welthandels gemeint ist, der schon weit länger bestanden hatte. Auch sieht Exenberger die oft behauptete zentrale Rolle Europas als Ergebnis einer Rückwärts-Projektion, deren Evidenz sich aus einer eher zufälligen Konstellation ergab, die zumindest vorübergehend die Suprematie des „Westens“ begründete. In seinem Hauptteil zeichnet Exenberger das relativ bekannte Bild einer Expansion, die durch Brüche immer wieder zurückgeworfen wurde: durch die Pest im 14./15. Jahrhundert, die Krise des 17. Jahrhunderts mit dem
Niederländischen Unabhängigkeitskrieg, die Napoleonischen Kriege und endlich die „Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ (245f), die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise ab 1929. Ob die aktuelle Krise einen „fünfte(n) Bruch“ (246ff) bezeichnet, lässt der Autor offen. Besonders verdienstvoll erscheinen mir die von Exenberger abschließend formulierten weiter zu klärenden Fragen, die sich nicht nur auf die höchst unsicheren Perspektiven des 21. Jahrhunderts beziehen, sondern etwa auch auf die für eine Dezentrierung des Gesamtbildes so entscheidende gründlichere Untersuchung des Geschehens rund um den Indischen Ozean, über lange Zeiträume die zumindest hypothetische Zentralregion des gesamten Geschehens. Unbeantwortet bleibt freilich auch die durch die Graphik zu Beginn (229) eher implizit gestellte Frage nach dem Gegensatz einer recht kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung der Weltproduktion bis zu einem ca. 1973 einsetzenden Abfall und den viel heftigeren Ausschlägen des Welthandels.

Insgesamt kann der gut redigierte Band gerade auch da Anregungen liefern, wo er solche Fragen offen lässt. Deren Klärung ist ein langfristiges, nur kollektiv zu meisterndes Großunternehmen, zu dem im vorliegenden Buch das wohl Wichtigste beigetragen wurde: kritische Perspektiven.

Reinhart Kößler

Quelle: Peripherie, 30. Jahrgang, 2010, Heft 120, S. 496-500

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