Peter Lindner: Der Kolchoz-Archipel im Privatisierungsprozess. Wege und Umwege der russischen Landwirtschaft in die globale Marktwirtschaft. Bielefeld 2008. 282 S.

Die nunmehr gedruckt vorliegende Habilitationsschrift von Peter Lindner hebt sich in dreifacher Weise von vergleichbaren Arbeiten zum ländlichen Raum Russlands ab: Sie begreift die jungen Transformationsprozesse in der russischen Agrarwirtschaft nicht aktualistisch, sondern mit großer historischer Tiefe; sie wählt nicht nur die strukturelle, sondern auch die akteursbezogene Perspektive; und sie ist zugleich die Dokumentation eines Forschungsprozesses, der behutsam und abwägend vorgeht.

 

Der Autor sieht in der Privatisierung einen entscheidenden Einschnitt, den der Transformationsprozess mit sich brachte. Daraus resultiert für ihn eineAnalyse dieser nur scheinbar eindeutigen Kategorie, der er die Kategorie „Öffentlichkeit“ gegenüberstellt. Dieser Gegensatz erfordert beim genaueren Hinschauen sehr schnell eine Übergangskategorie „halböffentlich“, weil im ländlichen Raum Russlands ein entweder – oder nicht gegeben ist. Hieraus werden thesenhaft sechs Grundpositionen entwickelt, die für die gesamte Untersuchung leitend sind: die Frage nach der sozialen Bedeutung von Eigentum, das Ausmaß lokaler Handlungsspielräume, das Machtpotenzial einzelner Akteure, die Rolle der Dorfgemeinschaft als soziales Gefüge, die Folgen der Ausrichtung der Landwirtschaft auf einen hohen Selbstversorgungsanteil und die Frage nach wirtschaftlichen und sozialen Vor- und Nachteilen der Restrukturierung für einzelne soziale Gruppen.

Die beiden ersten Kapitel blicken in die Geschichte zurück. Der Blick auf den russischen mir als Dorfgemeinschaft wirft die Frage nach der Kontinuität von Kollektivismus und Egalitarismus neu auf. Dann wird gezeigt, wie weit die Dorfgemeinschaft in das Alltagsleben der Dorfbewohner eingreift. Der gewählte Vorsitzende des mir wird zum Bindeglied zwischen der dörflichen Innenwelt und der abseits gelegenen Außenwelt. Der einzelne Hof besaß innerhalbdieses Kosmos eine „kontrollierte Autonomie“ und musste immer wieder auf Regelungen des mir zurückgreifen, aber er konnte über die Haushaltsvorstände kommunale Entscheidungsprozesse steuern. Anders der sowjetische Kolchoz. Die Privatheit erlebte durch die Kollektivierung einen markanten Einschnitt und konnte erst in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts im Rahmen von Aushandlungsprozessen neu entstehen, während die Öffentlichkeit zunehmend weitere Lebensbereiche erfasste.

Dabei versteht es der Autor ausgezeichnet, die in den untersuchten Kolchozen erhobenen Aussagen mit den allgemeinen Richtlinien zu vergleichen, um den nicht unerheblichen Handlungsspielraum abzuschätzen, der in eher normativ reflektierenden Arbeiten zum Kolchoz- und Sovchozsystem ausgeblendet wird. Fokussiert werden kann die Diskussion über Öffentlichkeit und Privatheit auf die persönliche Hoflandwirtschaft, die zur Sicherung der Versorgung unverzichtbar war.
 
Im vierten Kapitel wird nachgewiesen, dass gewisse strukturelle Ähnlichkeiten keine Kontinuität in der Entwicklung des ländlichen Raumes abbilden. Lokale Gebundenheit undemeinschaftlichkeit prägten die Zeit des mir, ehe mit der Kollektivierung Egalitarismus und Kollektivismus bestimmend wurden, überlagert von Formen medialer Repräsentation, die das Öffentliche des Kolchoz hervorkehrten. Tatsächlich zeichnet sich die Stalinzeit durch eine beachtliche Zurückdrängung des Privaten im ländlichen wie im städtischen Raum aus. Aber es entwickelte sich auch eine informelle Sphäre auf lokaler Ebene. Dieses aus der Schilderung von Personen, die selbst noch das Nebeneinander von Schein- und Realwirklichkeit erlebt hatten, entwickelte Bild differenziert mit zahlreichen Beispielen die weithin verbreitete Vorstellungvom sowjetischen Kolchoz.

Das fünfte Kapitel bildet die Folgen dieser Zwiefaltigkeit ab: Zwar entwickelte schon das Sowjetsystem ein umfangreiches Corpus rechtlicher Normen und Bestimmungen, doch behielten die Kolchoze, insbesondere die Kolchozvorsitzenden, die Deutungs- und Auslegungsmacht vor Ort.Aus dieser Situation heraus muss die Umstrukturierung der bisherigen Kolchoze nach 1991 gesehen werden. Drei Dörfer bzw. ehemalige Kolchoze mit ganz unterschiedlicher Restrukturation zeigen beispielhaft unterschiedliche Entwicklungswege auf. Die Auswahl erfolgte natürlich zunächst unter Berücksichtigung des lokalen Zugangs zu Informationen, aber zugleich abgesichert durch Vergleichsuntersuchungen und detaillierte Kenntnisse Moskauer Wissenschaftler. Es handelt sich um Siedlungen bzw. Betriebe in unterschiedlichen Naturräumen und vor allem mit sehr unterschiedlichen Transformationspfaden.

Das sechste Kapitel schildert die Entwicklung, die das Erbe des sowjetischen Agrarsystems in der Zeit nach 1991 nahm und deren Ziel mit Marktwirtschaft vorgegeben war. Wenn die Hoflandwirtschaft in diesem Teil der Arbeit eine besondere Rolle spielt, so geschieht dies zu Recht wegen der nach wie vor großen Bedeutung dieses Segments für die Versorgung des ländlichen Raumes.Wo das sowjetische Versorgungssystem überfordert war und die Marktkräfte der Gegenwart nicht ausreichten, entwickelte sich erneut ein Subsistenzbereich, in dem die fehlende Mechanisierung über die Betriebsgrößen entschied. Nur wo die Entscheidungsmacht der aktuellen Betriebsführung an das sowjetische Muster anknüpfen kann, fühlen sich die Nachfolgebetriebe auch für die soziale Infrastruktur (mit-)verantwortlich. Die Macht wird im Alltagsleben offen ausgespielt, sie regelt einen beträchtlichen Teil des Zusammenlebens im ländlichen Raum und führte zu einer stärkeren sozialen Differenzierung, als sie in der Sowjetzeit gegeben war.

Das Ergebnis ist ein „Kolchoz-Archipel“, für den die neue Bestimmung des Verhältnisses zwischen Privathaushalten und Großbetrieb und die zunehmend ungleiche Machtverteilung im ländlichen Raum wesentliche Ergebnisse der Transformation sind. Der Hinweis auf strukturelle Ähnlichkeiten darf nicht über die Änderungen beim alltäglichen Handeln der Akteure hinwegtäuschen. Sie machen letztlich die Transformation im ländlichen Raum aus. Peter Lindner hat eine Arbeit vorgelegt, die aufgrund des Gedankenreichtums und der Unvoreingenommenheit,mit der auch überkommene Klischeevorstellungen von mir, vom sowjetischen Kolchoz und von aktuellen Betriebsformenüberwunden werden, weite Anerkennung auch über die Fachgrenzen hinaus finden sollte. Besondere Stärken der Darstellung sind die Dichte, in der die Entwicklung von Privatheit und Öffentlichkeit im ländlichen Raum Russlands beschrieben wird, und der durch Belesenheit entstandene transdisziplinäre Zugriff, der die Studie für den Agrarwissenschaftler oder Historiker ebenso interessant macht wie für den Geographen. Besondere Anschaulichkeit wird überall dort gewonnen, wo die Akteure selbst zu Wort kommen. Insgesamt ist Lindners Untersuchung ein wichtiger Beitrag zum besseren Verständnis des Transformationsprozesses in der russischen Agrarwirtschaft.

Jörg Stadelbauer


Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 54 (2010) Heft 2, S. 142-143

 

 

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