Jörg Goldberg: Überleben im Goldland. Afrika im globalen Kapitalismus. Köln 2008. 249 S.

In drei Abschnitten analysiert Verf. die Rolle Afrikas im globalen Kapitalismus, mögliche interne und externe Faktoren des Entwicklungsrückstandes sowie den Kapitalismus innerhalb Afrikas; Südafrika bilde hier eine Ausnahme. Die These ist, dass es in Afrika »zwar Kapital [...], aber keinen Kapitalismus« gäbe, denn »die vorherrschenden sozialen Beziehungen sind wie die Produktionslogiken noch immer nicht-kapitalistisch« (14). Dies bedeute nicht, dass Afrika außerhalb des globalen Kapitalismus stehe, sondern einen Beitrag in den globalen Wertschöpfungsketten insbesondere mit seinen diversen natürlichen Ressourcen leiste.

Zunächst analysiert Verf. die Position Afrikas in der Weltwirtschaft: Auch heute noch ist Afrika Rohstofflieferant, v.a.bei Energie- und Bergbauprodukten. Hohe Auslandsverschuldung, schwankende Entwicklungshilfe, Weltbank-Programme, schwindendes Humankapital, steigende Armut, geringe Investitionen und weitere Liberalisierungen im Rahmen von Freihandelsabkommen schwächen die finanzielle Grundlage des Staates, der »keine verlässliche[n] Leistungen erbringen kann [...] und in den Augen der Bevölkerung delegitimiert« ist (36). Die Funktion des Staates und die kapitalistische Produktionsweise sind die beiden analytischen Kernkategorien, die sich durch das Buch ziehen.

Gründe für die heutige schwierige wirtschaftliche Position des Kontinents verortet Verf. in einem »Widerspruch zwischen ›außen‹ und ›innen‹«, in einer »Wechselwirkung der jeweiligen Faktorenbündel« (75). Die Geschichte Afrikas mit Sklavenhandel und Kolonialismus sei ein schweres Erbe, denn »in diesem Kontext konnte sich weder eine afrikanische Kapitalistenklasse noch eine ›freie‹ Lohnarbeiterschaft herausbilden« (84). Wanderarbeiter wurden für die Arbeit in den Minen rekrutiert, Kleinbauern genötigt, Exportprodukte anzubauen, und Infrastrukturmaßnahmen wurden mit Zwangsarbeitern durchgeführt. Afrikanische Bauern konnten immer wieder dem Zwang der Lohnarbeit durch Subsistenzwirtschaft entfl iehen: »Die kapitalistische Produktionslogik kann sich nicht gegen die Sicherheitslogik des Subsistenzsektors durchsetzen.« (173)

Hier zeigen sich einige Schwächen in der Argumentation. Zum einen ist die Ressource ›Land‹ nicht immer frei zugänglich und verfügbar für Subsistenzwirtschaft; mit dem Kolonialismus kam auch die Idee des Privateigentums, ein Kernelement des Kapitalismus, nach Afrika. Somit ist ›Land‹, wie z.B. im stark bevölkerten Ruanda, eine knappe Ressource. Sicherlich gibt es Staaten, in denen dieses Argument greift; verallgemeinerbar ist es jedoch nicht. Zum anderen bleibt die Bestimmung von Formen des Staates und der Nation unpräzise. Verf. greift auf die weberianische und marxistische Staatsdefi nition zurück (199), nach der Staat »jene gesellschaftliche Organisation bezeichnet, die über eine institutionalisierte Zentralgewalt mit fungiblem Apparat von ausreichender Stabilität und territorialer Erstreckung verfügt und die in einer durch antagonistische Klassenverhältnisse strukturierten Gesellschaft das Gewaltmonopol ausübt« (Johann Hagen: »Staat«, in: H.J. Sandkühler (Hg.), Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und  W issenschaften, Bd. 4, 1990, 429). Staat könne nicht ohne Klassen gedacht werden, was allerdings der von ihm verwendeten Staatsdefi nition zuwiderläuft. Gleichzeitig bestreitet Verf. – mit Ausnahme von Südafrika – die Klassenbildung. Innerhalb der afrikanischen Linken gibt es eine Debatte um die Neuformulierung des Klassenbegriffes, der sich den lokalen/regionalen  Vorrausetzungen anpasst. Der Staatsbegriff könnte durch empirische Fallstudien mit einer kritischen Staatstheorie und Arbeiten zur peripheren Staatlichkeit verfeinert werden und somit auch zur konkreten Erfassung von Klassen und Fraktionen beitragen.

Dieses Buch schließt dennoch eine Lücke in der deutschen Afrikaforschung, da es die Entwicklung des Staates mit der der kapitalistischen Produktionsweise zu verknüpfen sucht. Verf. regt so eine neue Diskussion über Afrika an, indem er theoretische Debatten mit empirischen Erfahrungen verknüpft und so neue Aspekte in die Diskussion bringt, die es sich lohnt  weiter zu denken.
Simone Claar

Quelle: Das Argument, 52. Jahrgang, 2010, S. 137-138

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